Spitzbergen: Walrosskur für Hitzegeplagte

6. August 2015, 05:30
8 Postings

Der arktische Sommer in Spitzbergen ist kurz und kalt, vier Monate lang geht die Sonne nicht unter. Dann sind die Tiere aufgekratzt und mehr noch die Passagiere auf Kreuzfahrtschiffen, die nach Robben, Eisbären und Buckelwalen Ausschau halten

Sie lungern am Ufer herum und grunzen entspannt. Hin und wieder reiben sie sich aneinander, um ihre Parasiten loszuwerden: Rund zwanzig männliche Walrösser machen es sich an diesem Morgen in der Bucht von Amsterdamøya gemütlich. Die Weibchen sind Richtung Norden gezogen, um auf dem Inlandseis den Nachwuchs großzuziehen. Die Bullen bleiben in den Sommermonaten unter sich.

foto: imago/nature in stock

Revierkämpfe gibt es selten, was nicht nur daran liegt, dass gerade keine Paarungszeit ist: Das Thermometer ist auf fünf Grad geklettert, für Walrösser mit ihren dicken Fettschichten ist das eine Affenhitze. Weil sie nicht schwitzen können, pumpen sie ihr Blut nah an die Oberfläche, um sich abzukühlen. Dadurch entstehen die seltsamen rosa Flecken auf ihrer Haut.

Rotes Meer in der Arktis

Bevor die neugierigen Besucher in ihren roten Expeditionsjacken diesem Idyll auf den Leim gehen, holt sie Guide Peter Damisch auf den Boden der historischen Realität zurück: "Vor vierhundert Jahren wäre der Himmel hier schwarz gewesen und das Meer blutrot. Der Walfang war damals ein florierendes Geschäft." Die kleine arktische Insel Amsterdamøya im äußersten Nordwesten des norwegischen Archipels Spitzbergen galt im 17. Jahrhundert als eine der größten holländischen Walfangstationen. Smeerenburg hieß der Ort damals, "Transtadt", nach dem Fischöl, das in Europa bis Anfang des 20. Jahrhunderts als Öl für Lampen genutzt wurde.

foto: reuters/balazs koranyi
Das restaurierte Haus des Polarforschers Roald Amundsen

Rund vierhundert Menschen lebten zu Spitzenzeiten auf der kleinen, unwirtlichen Insel. "Die Wale wurden an Land geschleppt, zerstückelt und in großen Metallbehältern gekocht. In nur 25 Jahren wurden fast alle Wale in dieser Gegend ausgerottet", schildert Damisch plastisch. "Damals gab es fünfmal mehr Eisbären, die vom Blutgeruch angezogen wurden. Man kann sich also vorstellen, wie gefährlich diese Arbeit war." Von der einstigen Stadt ist nichts mehr zu sehen, bloß kleine Hügel aus Geröll, auf denen die großen Metallbehälter für die Wale standen.

Dem Nordpol näher

Eine Reise nach Svalbard, wie das Archipel nördlich des Polarkreises auf Norwegisch heißt, ist eine abenteuerliche Expedition in die unglaublichen Weiten der Arktis, zu schroffen Inseln, die von abertausenden nistenden Vögeln bewohnt werden, zu malerischen Schären und zu gigantischen Gletschern. Im deutschen Sprachgebrauch wird das Archipel Spitzbergen genannt, nach der größten der rund 400 Inseln.

Näher kann man dem Nordpol auf dem Landweg zumindest in Europa nicht kommen, bis 81 Grad nördlicher Breite erstrecken sich die Eilande. Man müsste auf einen atomgetriebenen Eisbrecher umsteigen, um die letzten eintausend Kilometer bis zum Pol zu absolvieren. Zahlreiche historische Nordpolexpeditionen starteten dort. Auf einer Nachbarinsel von Amsterdamøya versuchte etwa ein Team mit einem Gasballon im Jahr 1897 sein Glück. Ein tragisches Experiment, bei dem alle drei Teilnehmer ums Leben kamen.

foto: karin cerny
Ein einsames Segelschiff vor dem 14.-Juli-Gletscher an der Westküste von Spitzbergen.

In den Sommermonaten ist Spitzbergen am besten per Schiff zu erkunden, die Silver Explorer etwa pendelt von Mitte Juni bis Mitte August zwischen Tromsø und Longyearbyen, der rund 2.600 Einwohner zählenden Hauptstadt von Spitzbergen, die im Winter immer wieder von Eisbären heimgesucht wird. In jedem Shop steht deshalb mindestens ein präparierter Bär, der sich in die Stadt verirrt hat und erlegt werden musste.

Früher war Longyearbyen ein wichtiger Industriestandort für Steinkohle. Mittlerweile sind bis auf eine sämtliche Minen stillgelegt, aber die kleine Holzkirche, die auf einem Hügel thront, setzt noch immer auf eine alte Tradition: Vor dem Besuch ziehen die Gläubigen ihre Straßenschuhe aus, um Kohlestaub im Innenraum zu vermeiden. Es stehen Crocs in allen Größen zur Verfügung. Im Inneren der Kirche gibt es ein nettes Café, das direkt in den Andachtsraum übergeht. Und natürlich wartet auch dort ein präparierter Eisbär als Fotomotiv.

Gummistiefel-Wanderung

Nach einer kurzen Stadtbesichtigung geht es auf das Expeditionsschiff, mit maximal 132 Passagieren ist die Silver Explorer wendig genug, um selbst in kleine Buchten zu gelangen. Schlauchboote fahren noch näher an die Gletscher heran und bringen die Passagiere für kleine Wanderungen an Land. Oft per "wet landing" – das bedeutet: unbedingt Gummistiefel anziehen.

Im Unterschied zu einfacheren Expeditionsschiffen stehen an Bord zwei Jacuzzis zur Verfügung, um die Gletscher ganz dekadent im Wellness-Modus mit Champagnerglas in der Hand zu bewundern, ein kleiner Fitnessraum, ein Friseur und der Butler-Service rund um die Uhr. Im Winter wandert das Schiff dann in die Antarktis. Das Publikum ist international und weit gereist, aber eines möchten alle, die nach Spitzbergen kommen: einen lebenden Polarbären sehen.

foto: reuters/balazs koranyi
Warnung vor dem Eisbären

Je weiter nördlich das Schiff gleitet, desto eisiger wird die See. Der Schiffsbug knirscht, wenn er die losen Eisplatten auseinanderschiebt. Umso größer werden dann auch die Chancen, auf Bären zu stoßen, die es im arktischen Sommer nicht leicht haben, Nahrung zu finden und den Robben auf Eisschollen folgen müssen. Dann plötzlich am Nachmittag eine Lautsprecherdurchsage: Drei Eisbären wurden gesichtet. Das ist ungewöhnlich, schließlich sind die Tiere Einzelgänger.

Von einem Schiff lassen sich die Könige der Arktis nicht beeindrucken. Langsam gleitet es an den Bären vorbei, drei Männchen, sie heben ihre Schnauzen, wittern die Gerüche der Passagiere, bleiben aber seelenruhig liegen und putzen ihre Tatzen wie Kätzchen. Wenig später wird klar, warum sie sich zufällig hier zusammengefunden haben: Im Meer treibt ein rund fünf Meter langer Narwal, der ein üppiges Mahl abgegeben hat. Im Wasser schimmert sein heller Stoßzahn. "Wir wissen nie, in welchem Zustand die Bären sind, auf die wir treffen", sagt Nikolaj Tilijuk, der ukrainische Kapitän des Schiffes. "Im August sind die Tiere normalerweise dünn und hungrig. Aber manchmal sind sie auch so dick und vollgefressen, dass sie es kaum schaffen, sich zu bewegen."

Nach den Walen ins Jacuzzi

Auf der Heimfahrt in Richtung Tromsø ertönt noch einmal eine Durchsage: Buckelwale gesichtet, alle schnell an Deck. Vier bis fünf Tiere gleiten durch das Wasser. Damit hätte keiner mehr gerechnet: Nach Polarfüchsen, Rentieren und unzähligen Vögeln und nun den Walen bekamen die Passagiere so ziemlich die gesamte Fauna zu sehen, die man in der Arktis beobachten kann. Endlich bleibt Zeit, den Jacuzzi zu genießen.

foto: reuters/florian schulz
Eine Eisbärin mit ihrem Nachwuchs

Als das Schiff nach zehn Tagen im Hafen von Tromsø einläuft, steht die Sonne hoch am Himmel. Man gewöhnt sich schnell an den arktischen Sommer mit Temperaturen zwischen null und sieben Grad. Das Thermometer in Tromsø zeigt dagegen 15 Grad – viel zu heiß für Walrösser. (Karin Cerny, 6.8.2015)

Diese Reise erfolgte auf Einladung von Silversea und Columbus Reisen.

ANREISE & INFO

Flüge von Wien nach Oslo und Tromsø mit Austrian und SAS.

Zum Beispiel Silversea Cruises (www.silversea.com) bietet Luxuskreuzfahrten in Spitzbergen an. Die nächste Reise führt ab 23. Juni 2016 von Tromsø über Bear Island nach Spitzbergen – zehn Tage

pro Person ab € 6.950. In Österreich buchbar über Columbus Reisen (www.columbus-reisen.at).

Reisezeit: Kreuzfahrten nur von Mitte Juni bis Mitte August.

Individuell: Die deutschsprachige Website www.spitzbergen.de bietet viele praktische Infos und Erfahrungsberichte zu Spitzbergen.

Offizielle Tourismusinfos unter: www.visitsvalbard.com

Share if you care.