Videospiele, das Medium mit Gedächtnisschwund

1. August 2015, 12:00
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Seit fünfzig Jahren gibt es Computerspiele – doch viele historische, aber auch aktuelle Spiele verschwinden unwiederbringlich aus den kulturellen Archiven.

Computerspiele sind ein junges Medium. Doch im Gegensatz zu anderen, weitaus älteren kulturellen Medien droht auch diese vergleichsweise kurze Geschichte zunehmend verlorenzugehen. Sowohl die Hardware, auf der frühe, aber manchmal durchaus auch jüngere Spiele lauffähig waren, als auch die Datenträger selbst sind dem Zahn der Zeit ausgesetzt – und während Schriftstücke auf Pergament so manches Jahrhundert überleben, sind digitale Daten unter Umständen schon nach wenigen Jahren unlesbar.

Keine einfachen Lösungen

Eigentlich, so könnte man meinen, wäre die Lösung des Problems ganz einfach: Dank zunehmend universaler Emulatoren lassen sich die meisten Spiele auch auf aktuellen Rechnern erhalten. Dabei wird nicht nur das jeweilige Spiel, sondern auch gleich die Hardware von den aktuellen, ums Millionenfache leistungsstärkeren Computern mitemuliert. Mit Projekten wie "MAME", dem "Multiple Arcade Machine Emulator", der als Open-Source-Projekt seit fast 20 Jahren laufend weiterentwickelt wird, lassen sich unzählige Arcade-Automaten und ihre Spiele, aber auch ältere Spielkonsolen auf aktuellen Rechnern emulieren.

Noch bequemer lässt sich die Games-Geschichte auf den Seiten des Internet Archive https://archive.org/ nacherleben. Die Plattform hat es sich zum Ziel gesetzt, historische Software zu konservieren und für nachfolgende Generationen erlebbar zu machen. Monatlich kommen neue Titel hinzu – der GameStandard hat berichtet. Die Rechtsfragen sind dennoch bei den allermeisten Emulationsprojekten ungeklärt – genauso wie bei der sogenannten "Abandonware", Spielen, die faktisch wegen Verschwinden der Rechteinhaber verwaist sind.

foto: derstandard.at/pichler

Fatales Kurzzeitgedächtnis

Während nun also die ältere Games-Geschichte fürs Erste gerettet ist, stellt sich ironischerweise für die jüngere Spielehistorie ein anderes Bild dar. Ein Spiel auf SNES-Cartridge wird zumindest als emulierte Software auch in ferner Zukunft noch zugänglich und sogar spielbar sein – aber ein Millionenphänomen wie "World of Warcraft" wird unwiderruflich verschwinden, sobald Blizzard die Server eines fernen Tages dicht macht. Wie archiviert man ein MMO? Was wird in 50, 100 Jahren von Spielen wie "EVE Online" noch zu sehen sein? Unzählige kulturelle Artefakte, die online fix mit ihren Herstellern verbunden sind, sind somit dem Untergang geweiht; eine traurige Aussicht für kommende Generationen von Games-Kulturgeschichtlern.

Aber auch an anderen Beispielen zeigen sich die Probleme, die der starke Fokus auf Online-Komponenten oder auch Online-Marktplätze mit sich bringt: "P.T.", der inzwischen berühmt-berüchtigte "Playable Teaser" der eingestellten nächsten Iteration der "Silent Hill"-Reihe, ist schlicht und einfach als kulturelles Artefakt de facto schon wenige Monate nach seinem Erscheinen verschwunden – außer auf den Festplatten all jener Spieler, die das unheimliche Experiment vor seiner Entfernung aus den Netzen heruntergeladen hatten. An Achtlosigkeit gegenüber dem eigenen Produkt ist ein derartiges Vorgehen kaum zu übertreffen.

Keine Ausnahme für Museen und Archive

Die Industrie selbst zuckt angesichts dieses mal schleichenden, mal radikalen Gedächtnisverlusts des eigenen Mediums nur verständnislos die Achseln – anders ist es kaum erklärbar, warum erst heuer die Entertainment Software Association ein striktes Verbot des Umgehens aller DRM-Systeme auch für ältere, nicht mehr betreute oder überhaupt verkaufte Spiele bekräftigt hat.

Nicht einmal Museen oder Archiven soll die Umgehung der Kopierschutzmaßnahmen erlaubt sein, mit der die Titel effektiv auch dann greifbar bleiben würden, wenn es die Rechteinhaber zum Beispiel gar nicht mehr als Unternehmen gibt. Nach dem Willen der Industrie sollen diese historischen Spiele eher schlicht verlorengehen, statt auch nur in Einzelfällen offiziell für Archivierungszwecke legal modifiziert werden zu dürfen – eine Initiative der Electronic Frontier Foundation, für kulturelle Einrichtungen zum Zweck der Archivierung hier Ausnahmen zu gewähren, wurde mit Verweis auf "Piraterie" kalt abgewiesen.

Es wird also wohl in zehn, 20, 50 Jahren keine Möglichkeit geben, sich einige der meistgeliebten Spielewelten des frühen 21. Jahrhunderts selbst anzusehen – sie werden nach dem Willen der Industrie einfach verschwinden, sobald der Stecker gezogen wurde. Eine unverständliche und vielsagende Haltung einer Industrie, die ihre Produkte wohl stets nur als Konsumprodukte und immer noch nicht als Kulturgüter begriffen hat. Offenbar ist noch nicht durchgesickert, dass Spiele inzwischen auch in den größten Museen der Welt wie zum Beispiel dem New Yorker MOMA ausgestellt werden.

foto: public domain (cc0)

Das lange ignorierte Geschäft mit der eigenen Geschichte

Einer Industrie, die kontinuierlich darauf bedacht ist, mit riesigem Aufwand das nächste heiße Ding zu bewerben und stets und regelmäßig das Neue zu verkaufen, scheint der Blick nach hinten also nicht nötig zu sein. Doch zunehmend legen die Spielerinnen und Spieler selbst Wert auf jene Spiele, die sie selbst vor möglicherweise vielen Jahren ins Herz geschlossen hatten. Das belegt einerseits der Erfolg der Indie-Szene, die mit Pixelnostalgie viele Spieler an den Emotionen packt, andererseits aber auch der Erfolg alter Helden auf Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter.

Auch die Entscheidung Microsofts, per Update auf seiner aktuellen Konsole Xbox One manche alten Spiele der Xbox 360 lauffähig zu machen, ist ein Anzeichen dafür, dass das Bewusstsein für den Wert zumindest des jüngeren eigenen Back-Katalogs steigt – auch wenn bis auf Nintendos Wii U die inzwischen achte Konsolengeneration als höchst ignorant in Sachen Rückwärtskompatibilität bezeichnet werden muss. Zumindest soll Sonys kostenpflichtiger Streamingdienst Playstation Now , in Europa seit Mai im Versuchsbetrieb, manche PS3-Klassiker aus der Cloud auch auf die PS4 bringen.

Es geht auch ums Geld

Natürlich geht es dabei auch ums Geld: Statt bereits gekaufte, alte Spiele also auch auf neuen Geräten lauffähig zu halten, werden die Kunden, böse formuliert, so einfach nochmal zur Kasse gebeten. Und auch mit der zunehmenden Mode, mittelalte und auch jüngere Spieleklassiker als HD-Remakes für aktuelle Konsolen erneut zum Kauf anzubieten, hofft die Industrie auf neue Einnahmen mit alten Spielen.

Doch nur sehr wenige, ausgewählte Titel kommen so in den Genuss, in die technologische Gegenwart portiert zu werden – die allermeisten Titel, und seien sie noch so heiß geliebt, verstauben mit ihren veralteten Spielgeräten auf den Dachböden – und werden, soweit es möglich ist, im Bestfall zumindest in mittlerer Zukunft emuliert nicht ganz verlorengehen. Durch HD-Remakes kehrt aber zumindest ein kleines bisschen Bewusstsein für die eigene Geschichte auf die Spielgeräte zurück, die sonst stets dem Versprechen des Neuen und Allerneuesten verpflichtet waren.

foto: derstandard.at/pichler

Fans mit Langzeitgedächtnis

Sind Spiele also dazu verdammt, auf absehbare Zeit mit einem kulturellen Kurzzeitgedächtnis zu leben und so unendlich viel der eigenen Geschichte auch für spätere Generationen links liegen zu lassen? Die Begeisterung, die weltweit angesichts spektakulärer Funde wie jenem der verschollen geglaubten Sony-Nintendo-Konsole in der Spielerschaft ausbricht, die Akribie, mit der Spielerinnen und Spieler ihre eigene Spielegeschichte nostalgisch pflegen und, nicht zu vergessen der gewaltige Markt für Retro-Spiele und -Memorabilia zeigt, dass auch das jüngste Medium mehr Geschichtsbewusstsein verdient hat, als es ihm die Industrie anscheinend zutraut.

Es bleibt zu hoffen, dass sich irgendwann auch die Hersteller dessen bewusst werden, dass sie nicht nur Konsumprodukte und Spielzeug, sondern auch Artefakte der (Kultur-)Geschichte produzieren. Bis es soweit ist, muss man sich darauf verlassen, dass irgendwo, in heimlichen Ecken und düsteren Grauzonen des Netzes, dem Zwang zur eigenen Geschichtsvernichtung getrotzt wird. Die Zukunft wird es danken. (Rainer Sigl, 01.08.2015)

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