Kurdenpolitiker Demirtaş: Wegen 13 Prozent im Visier von Erdoğan

Kopf des Tages30. Juli 2015, 16:59
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Selahattin Demirtaş ist Ko-Vorsitzender der Kurdenpartei HDP

Er will ihn politisch erledigen und, wenn es sich fügt, auch gleich hinter Gitter bringen. Tayyip Erdoğan, der Mann, der die Türkei im 13. Jahr regiert, hat seinen neuen Gegner gefunden: Selahattin Demirtaş, den Kurdenpolitiker, der ihm die Mehrheit im Parlament geraubt hat.

"Unser einziges Verbrechen war, 13 Prozent gewonnen zu haben", verteidigte Demirtaş dieser Tage seine Partei und sich selbst. Erdoğan wirft ihm anderes vor: Demirtaş und seine bunte Partei der Demokratischen Völker (HDP) seien Handlanger der verbotenen kurdischen Untergrundarmee PKK, die nun Polizisten erschieße und Soldaten angreife. Wegen Anstachelung zu bewaffneten Protesten wurden Medienberichten zufolge bereits Ermittlungen gegen Demirtaş eingeleitet.

Mit dem Sprung über die Zehn-Prozent-Hürde bei den Wahlen im Juni nahm Demirtaş' HDP der konservativ-islamischen AKP die Sitze für eine Alleinregierung – und für eine Verfassungsänderung. "Herr Erdoğan, Sie werden nicht Präsident!", hatte Demirtaş im Wahlkampf ausgerufen.

Der 42-Jährige hat die türkische Politik umgekrempelt und bisher verhindert, dass Staatschef Erdoğan eine Präsidialverfassung nach Maß erhält. Seit April 2014 ist er Vorsitzender der HDP, gemeinsam mit Figen Yüksekdağ, der er bei gemeinsamen Pressekonferenzen höflich den Vortritt gibt. 2014 trat er auch als Präsidentenkandidat an; knapp vier Millionen Stimmen erhielt er, über das Kurdenlager hinaus.

Vergleiche mit Obama

In der Türkei hat man den gutaussehenden Anwalt der Wahlerfolge und seiner Jugendlichkeit wegen schnell einmal mit Barack Obama verglichen oder mit dem fast gleich alten Alexis Tsipras. Das heißt schon viel für einen Politiker, der aus dem kurdischen Südosten der Türkei kommt, wohin das Bürgertum aus Ankara und Istanbul bis vor kurzem keinen Fuß setzte.

Demirtaş stammt aus Palu, einem Dorf in der Provinz Elazig, das seinen armenischen Namen behalten hat. Vater Tahir war Installateur; in seinem Laden half der junge Demirtaş aus, bevor er Jus studierte und im Jahr 2000 die Leitung des Menschenrechtsvereins in Diyarbakır übernahm, das Sprungbrett in die Führungsriege der kurdischen Politik.

Demirtaş gilt als guter Redner und noch besserer Sas-Spieler; 3.000 Volkslieder hat der Vater zweier Töchter in seinem Repertoire. Mit dem AKP-Staat verhandelte er über eine Friedenslösung. Doch ein Makel bleibt: Wie alle Kurdenpolitiker verurteilt er zwar Gewalttaten der PKK wie der Armee; von der kurdischen Arbeiterpartei, die seinen Aufstieg misstrauisch verfolgt, distanziert er sich jedoch nicht. (Markus Bernath, 30.7.2015)

  • Selahattin Demirtaş ist Ko-Vorsitzender der Kurdenpartei HDP und hat die türkische Politik umgekrempelt.
    foto: ap photo

    Selahattin Demirtaş ist Ko-Vorsitzender der Kurdenpartei HDP und hat die türkische Politik umgekrempelt.

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