Die griechische Pille und ihre Wirkungen und Nebenwirkungen

31. Juli 2015, 14:10
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Die Architekten der Antikrisenpolitik verwiesen gerne auf die Erfolgsbeispiele Lettland und Irland. Was lässt sich von ihnen lernen?

In Dublin kursiert ein neuer Witz. "Woran merkt man, dass Irland erneut an seine besten Zeiten anschließen kann, als die Wirtschaft des Landes rasant zulegte und man als keltischer Tiger bekannt war?" Antwort: "Daran, dass man im Stau wieder hinter Anhängern mit Yachten steht."

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4,1 Prozent Wachstum sind in Irland prognostiziert

Irland erlebt aktuell tatsächlich einen Boom. Die Wirtschaft soll heuer um 4,1 Prozent wachsen, was ein Rekordwert in Europa ist. Weil der irische Staat 2010 fast pleiteging und mit Milliardenkrediten der Eurozone und des Internationalen Währungsfonds (IWF) gerettet werden musste, erscheint diese Erfolgsgeschichte umso beeindruckender. Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel lobte die irische Vorbildrolle erst vor wenigen Tagen wieder lautstark.

Kein Zufall

Das ist kein Zufall. Nach dem Wirbel um Griechenland argumentieren die Architekten der Antikrisenpolitik in Berlin und Brüssel damit, dass die verordnete Medizin aus Einsparungen und Reformen für Krisenländer schon richtig sei. Nur umgesetzt werden müssten die Maßnahmen halt.

Politiker von IWF-Chefin Christine Lagarde abwärts verweisen auf ein zweites Erfolgsmodell: Lettland. Der baltische Staat erhielt 2008 einen Notkredit über 7,5 Milliarden Euro von EU und IWF.

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2,3 Prozent soll Lettland heuer wachsen

Lohnkürzung

Weil die Landeswährung Lats an den Euro gekoppelt war, entschied sich die Regierung in Riga so wie später Griechenland und Irland für eine "internal devaluation": Durch Lohnkürzungen sollte die Wettbewerbsfähigkeit zurückkommen. Zugleich sollte der Haushalt durch Einsparungen saniert werden. Lettlands Wirtschaft brach um fast 20 Prozent ein.

Doch heute zählt Lettland zu den Spitzenreitern bei Wachstum. Es gibt auch Erfolgsmeldungen aus anderen Ländern, etwa Spanien. Doch dort liegt die Arbeitslosigkeit nach wie vor bei fast 25 Prozent. Von einer Trendwende kann man also noch nicht sprechen. In Irland und Lettland dagegen ist die Arbeitslosigkeit bereits klar unter den Eurozonen-Schnitt gefallen. Sollte und kann sich die Regierung in Athen also an Riga und Dublin orientieren?

Exportboom

Auf den ersten Blick ja. Sowohl in Lettland als auch in Irland wurde der Aufschwung von einem Exportboom getragen. Die irischen Ausfuhren leisteten 2014 den wichtigsten Beitrag zur Wende. Mit Exporten aus der Krise: Das ist auch der Plan in Griechenland. Eine Studie der irischen Ökonomen Derry O'Brien und John Scally zeigt sogar auf, dass Preisvorteile eine Rolle spielten: Die Löhne sind in Irland nach 2010 krisenbedingt gefallen. Firmen konnten günstiger exportieren.

2,3 Prozent soll Lettland heuer wachsen

Der Freund in Übersee

Doch primär profitierte das Land von seinen Standortvorteilen. Dank niedriger Steuern, der geografischen Lage und der Sprache nutzen US-Megakonzerne wie Pfizer (Pharma) und Google (IT) Irland als Produktionsbasis. Als das Wachstum in den wichtigsten irischen Exportmärkten, USA und Großbritannien, zulegte, zog dies Irland aus dem Tief. Das Modell kann Hellas also nicht kopieren.

Dem Mittelmeerland ähnlicher ist schon Lettland. Wichtigstes Exportprodukt der Letten ist Holz. Der baltische Staat ist nicht Heimat zahlloser Multis – konnte seine Ausfuhren aber seit 2008 dennoch rekordverdächtig steigern. Tatsächlich sind die Löhne in Lettland stark gefallen. Es scheint, als habe die interne Abwertung funktioniert. Doch dem ist nicht so. Wer das behauptet? IWF-Chefökonom Olivier Blanchard. Der Franzose ist Koautor einer Studie des Washingtoner Brookings-Instituts über das lettische "Wunder".

Produktivitätssprung

Blanchard und seine Kollegen zeigen zunächst, dass Lohnkürzungen primär den öffentlichen Sektor betrafen. In der Exportindustrie sind die Gehälter nie gesunken. Dennoch haben Lettlands Betriebe nach 2008 einen Produktivitätssprung hingelegt. Die Lohnstückkosten sind um 25 Prozent gefallen. Die Firmen wurden also deutlich profitabler.

Als Folge haben die Exporteure fanatisch nach neuen Absatzmärkten gesucht – und sie im Ausland gefunden, wie Blanchard und seine Kollegen zeigen.

Dafür, warum Lettlands Arbeiter um so vieles produktiver geworden sind, gibt es nur Erklärungsversuche. Einer lautet, dass der technologische Aufholprozess des baltischen Staates durch den Kreditboom (2000 bis 2007) unterbrochen wurde. Nach Krisenausbruch setzte das Land den Aufholprozess einfach fort. Auch der lettische Erfolg ist also eine sehr spezifische Geschichte.

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Griechenlands Wirtschaft soll auch heuer schrumpfen – um 3,3 Prozent

Es kommt noch schlimmer

Doch aus griechischer Sicht kommt es noch schlimmer: Sowohl in Lettland als auch in Irland hat sich nämlich auch der Konsum rasch erholt. Zunächst weil die Lohneinbußen in beiden Ländern nicht so stark waren wie in Griechenland. Als Folge der guten Exportentwicklung gingen auch weniger Firmen pleite.

Daten der Industriestaatenorganisation OECD zeigen auch, dass Sparprogramm nicht gleich Sparprogramm ist. Die Kürzungen in Hellas waren drastischer als in Irland und Lettland. Zwischen 2009 und 2014 sind staatliche Leistungen und Investitionen in Griechenland pro Jahr um sechs Prozent gefallen – in Irland um drei Prozent, in Lettland noch weniger. (András Szigetvari, 31.7.2015)

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