146.000 Wörter: Vom Briten, der auszog alle Nutzungsbedingungen zu lesen

1. August 2015, 09:49
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"Guardian"-Autor Alex Hern hat sich eine Woche lang durch EULAs gequält

"Apple ändert gefühlt monatlich die Nutzungsbedingungen für App und iTunes Store. Ohne wissenschaftliche Studien anzustellen, kann man behaupten: so gut wie niemand liest sie. Das Sätzchen "Ich habe die Nutzungsbedingungen gelesen" nannte F-Secure-Sicherheitsexperte Mikko Hyppönen folglich einmal die größte Lüge im Internet. Wer aber nicht weiß, worauf er sich bei einem Dienst einlässt, kann am Ende eine böse Überraschung erleben. "Guardian"-Autor Alex Hern hat sich daher nun die Zeit genommen, einmal alle "end-user licence agreements" (EULAs) durchzulesen.

Bei Nutzungsbedingungen gibt es keinen Verhandlungsspielraum. Wer einen Dienst verwenden will, muss ihnen kompromisslos zustimmen.

Der Rumpelstilzchen-Vorfall

F-Secure kann auf eine kuriose Anekdote verweisen. Im Sommer 2014 richtete das Unternehmen gemeinsam mit Europol in London einen WLAN-Hotspot ein. Nutzer konnten darüber kostenlos im Internet surfen, sofern sie den Bedingungen zustimmten. Darin versteckten die Forscher allerdings die Klausel, dass man ihnen für die Nutzung sein erstgeborenes Kind überlassen müsse. Sechs Personen lasen nicht genau und stimmten dem Rumpelstilzchen-Vertrag zu. Natürlich ein Gag, zeigt das Expleriment aber deutlich die Probleme auf. Immerhin handelt es sich um einen rechtlich bindenen Vertrag.

Aber kann man Nutzern überhaupt zumuten, dass sie ellenlange Bedingungen, Klauseln und rechtliche Vorgaben durchlesen? Hern wollte es genau wissen. Das Ergebnis waren 33 "Terms of Service"-Dokumenten mit insgesamt 146.000 Wörter, durch die er sich im Lauf einer Woche durchackerte. Am Stück wären es acht Stunden gewesen, wobei er die Dokumente teilweise nur überflogen hat. Sorgfältiges Durchlesen hätte wohl noch mehr seiner Lebenszeit gekostet.

Kompliziert bei Apple, einfacher bei Google

Vor allem über komplizierte Formulierungen ärgerte er sich, die ihm etwa besonders bei Apple auffielen. Mitunter werden ganze Textpassagen auch in Großbuchstaben geschrieben, was die Lesbarkeit deutlich mindert.

foto: apple
Apple hebt seiner Meinung nach besonders wichtige Passagen mit Großschreibung hervor, was die Lesbarkeit deutlich stört.

Überrascht zeigte er sich von den Google-Bedingungen. Sie seien "überraschend lesbar und vernünftig", erwartet habe er mehr obskure Passagen. Ähnlich sehe es bei Twitter aus, die Bedingungen seien weitgehend verständlich geschrieben.

Sowohl Twitter als auch Facebook werden in regelmäßigen Abständen von einem Hoax geheimgesucht, der besagt, dass Nutzer sämtliche Rechte an den von ihnen geposteten Inhalten an die Unternehmen abtreten, es sei denn sie würden schriftlich widersprechen. Aufklärungsversuche seitens Medien und anderer Nutzer, die es besser wissen bzw. die EULAs tatsächlich gelesen haben, zeitigen oft nur wenig Erfolg. Dabei geht aus Unterlagen recht klar hervor, wie es tatsächlich ist. Bei Twitter heißt es:

"Sie behalten die Rechte an allen Inhalten, die Sie über die Dienste übermitteln, veröffentlichen oder anzeigen."

Damit der Dienst aber funktioniert, muss man dem Unternehmen gewisse Rechte zugestehen.

"Durch Übermittlung, Veröffentlichung oder Anzeigen von Inhalten über die Dienste gewähren Sie uns eine weltweite, nicht exklusive, unentgeltliche Lizenz (mit dem Recht zur Unterlizenzierung), diese Inhalte in sämtlichen Medien und über sämtliche Verbreitungswege, die gegenwärtig bekannt sind oder in Zukunft bekannt sein werden, zu verwenden, zu vervielfältigen, zu reproduzieren, zu verarbeiten, anzupassen, abzuändern, zu veröffentlichen, zu übertragen, anzuzeigen und zu verbreiten."

Ganz ähnlich sieht es bei Facebook aus.

Ungleichgewicht

Kritisch merkt Hern an, dass die Bedigungen britisches Recht missachten, dass jeder Vertrag Verhandlungsmöglichkeiten bieten müsse. Bei Online-Diensten kann man nur nach dem Prinzip "Friss oder stirb" akzeptieren oder den Service eben gar nicht nutzen. Freilich wäre es bei Millionen Nutzern etwas kompliziert, müssten Einsprüche zu gewissen Punkten berücksichtigt werden. Problematisch ist zudem, dass Unternehmen Nutzer einfach verbannen können, wenn sie gegen die (nicht gelesenen) Bedingungen verstoßen.

Netflix etwa behält sich vor, Nutzer vom Videostreaming-Service auszuschließen, wenn sie die Ländersperren umgehen.

"Sie dürfen die Filme und Serien auf dem Netflix-Dienst in erster Linie in dem Land ansehen, in welchem Sie Ihr Konto erstellt haben, und nur in geografischen Regionen, in welchen wir unseren Dienst anbieten und für welche wir solche Filme und Serien lizenziert haben."

Die Sperre kann aus heiterem Himmel erfolgen.

"Wir können Ihre Nutzung des Dienstes ohne Entschädigung oder Ankündigung beenden oder einschränken, wenn Sie (i) diese Nutzungsbedingungen verletzen ..."

Ob das tatsächlich bereits einmal durchgesetzt wurde, ist nicht bekannt. Anders sieht es beim Spielehersteller Blizzard aus. Das Unternehmen verbannte im vergangenen Jahr tausende Spieler, weil sie beim Strategiekartenspiel "Hearthstone" geschummelt hatten. Einige Jahre zuvor hatte der Hersteller schon über 100.000 Spieler-Accounts von "World of Warcraft" rausgeschmissen, weil sie sich nicht an die Regeln gehalten hatten.

Gerade in der Spielewelt finden sich noch mehrere ähnliche Beispiele. Nur welcher Gamer kann von sich behaupten etwa die 20.000 Wörter lange Nutzungsbedingungen für Sonys Playstation gelesen zu haben? Darin wird bei einem Verstoß unter anderem angedroht, dass man Zugriff auf das Playstation Network verlieren und die Garantie erlöschen könnte. Auch könnten automatische Updates deaktiviert werden. Gegen die Sony-Richtlinien verstößt man etwa, wenn man beispielsweise modifizierte Hardware verwende oder die Spiele in irgendeiner Art und Weise adaptiere. Sony stellt zudem klar, dass man nicht der Besitzer eines bezahlten Spiels ist.

"Jegliche Software ist lizenziert, nicht verkauft. Dies bedeutet, dass Sie die Rechte erworben haben, die Software so zu nutzen, wie es in den Bedingungen erläutert ist, jedoch nicht, dass Sie Eigentümer der Software sind. Bei Nichteinhaltung der Bedingungen behalten wir es uns vor, Ihre Lizenz zu beenden, was bedeutet, dass Sie nicht länger das Recht besitzen, die Software zu benutzen."

Druck durch Konsumentenschützer

EU-Recht sieht vor, dass zumindest gegen unfaire Bedingungen und Praktiken vorgegangen werden kann. Vor Gericht gebracht werden solche Fälle immer wieder von Konsumentenschutzorganisationen – in der Vergangenheit geschah das etwa gegen Sony und Apples iTunes. Privatnutzer können wenig tun, höchsten über soziale Medien Druck auf Unternehmen aufbauen.

Für den "Guardian"-Autor war die Herausforderung die langen Dokumente überhaupt erst einmal zu lesen letztendlich nicht das größte Problem mit EULAs. Dafür braucht es nur den guten Willen des Nutzers und seine Zeit. Hern kritisierte, dass Nutzern nichts anderes übrig bleibt, als sämtlichen Bedingungen zuzustimmen, wenn sie einen Dienst nutzen wollen – ohne die Möglichkeit des Einspruchs.

Bei der europäischen Konsumentenschutzvereinigung BEUC ist man dennoch optimistisch. Für Unternehmen sei das Vertrauen der Kunden wichtig und mit der Zeit würden sich die Nutzungsbedingungen bessern, sagt Agustín Reyna von BEUC zum "Guardian". (br, 30.7.2015)

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