Chinas Kurskorrektur dämpft globalen Energiebedarf

30. Juli 2015, 05:30
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Der Hunger nach Energie scheint nicht grenzenlos zu sein. Wachstum und Energiebedarf entkoppeln sich zusehends, nicht nur in der industrialisierten Welt

Wien – Auf den weltweiten Energiemärkten finden gerade Verwerfungen statt, die man vor einem Jahrzehnt in dieser Form noch nicht für möglich gehalten hätte. So haben etwa die USA im Vorjahr dank Fracking Saudi-Arabien als weltgrößtes Ölförderland überholt, das erste Mal seit 1975. Und bei Gas haben sich die USA, die bis vor kurzem noch stark importabhängig waren, vor Russland geschoben.

Neben diesen Entwicklungen und der in Europa (fast) alles vereinnahmenden Energiewende ist fast untergegangen, dass der Energiebedarf insgesamt global kaum mehr steigt. Darauf hat am Dienstag BP-Ökonom Alexander Naumov unter Zuhilfenahme von Zahlen aus dem jüngsten Welt-Energie-Bericht des Konzerns in Wien hingewiesen. Demnach ist das Wachstum des weltweiten Energieverbrauchs im Vorjahr fast zum Stillstand gekommen. Die Nachfrage stieg 2014 nur noch um 0,9 Prozent. Im Jahr davor war die Nachfrage nach Öl, Gas, Kohle und Strom noch um zwei Prozent und damit mehr als doppelt so viel gestiegen. Damit aber nicht genug: Auch der zehnjährige Durchschnittswert von 2,1 Prozent wurde kräftig unterboten.

"Das hat auch mit China zu tun, wo die Wirtschaft auf einen deutlich langsameren Wachstumspfad eingeschwenkt ist", sagte Naumov. Die Wirtschaft im Reich der Mitte ist 2014 statt zweistellig nur noch um 7,4 Prozent gewachsen. So schwach war das Wachstum seit gut zwei Jahrzehnten nicht. Die Regierung von Premier Xi Jinping versucht nun, das Wachstum zu stabilisieren und die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu verringern. Das soll Niederschlag auch in dem neuen Fünfjahresplan finden, zu dem in China gerade Beratungen stattfinden.

Marktanteil von Erdöl sinkt

Bei der Nachfrage nach Rohöl beobachteten die BP-Analysten denn auch einen "unterdurchschnittlichen Verbrauch" im Reich der Mitte; der Konsum von Kohle legte um magere 0,1 Prozent zu. Die Tatsache, dass sich der Trend im ersten Halbjahr 2015 fortgesetzt hat, zeige, dass die Entwicklung "kein einmaliges Ereignis" ist, sagte Naumov.

Erdöl blieb zwar auch 2014 mit einem Anteil von 32,6 Prozent global der wichtigste Primärenergieträger. Der Weltmarktanteil von Erdöl ist nun aber schon das 15. Mal in Folge gesunken. Der weltweite Kohleverbrauch wuchs von 2013 auf 2014 nur noch um 0,4 Prozent. Die durchschnittlichen Wachstumsraten in den zehn Jahren davor lagen mit 2,9 Prozent noch um ein Vielfaches höher. Die Steigerungsraten für den weltweiten Verbrauch von Erdgas waren ebenfalls schwach, der weltweite Handel ging um 3,4 Prozent zurück. Als Grund nannte Naumov den vergleichsweise milden Winter in Europa, der einen deutlichen Verbrauchsrückgang zur Folge hatte.

Nichtfossile Energien gefragt

Interessant auch, dass erstmals der Zuwachs nichtfossiler Energien (inklusive Atom) größer war als jener von fossilen (siehe Grafik) - trotz deutlicher Zuwächse bei der Öl- und Gasgewinnung aus Schieferöl- und Schiefergestein. Naumov geht davon aus, dass Fracking in den USA kein kurzfristiges Phänomen bleiben wird, sondern auch die nächsten 15 bis 20 Jahre noch große Mengen von Öl und Gas ans Tageslicht bringen wird.

Selbst die Tatsache, dass die Preise insbesondere von Erdöl innerhalb eines Jahres um etwa 40 Dollar je Fass (139 Liter) von durchschnittlich 100 auf rund 60 Dollar gefallen sind, könne das nicht stoppen. Grund seien bereits erzielte und noch bevorstehende Produktivitätsfortschritte bei dieser Fördertechnologie, bei der unter hohem Druck ein Gemisch aus Wasser, Chemikalien und Sand zur Sprengung des Gesteins in den Boden gepumpt wird. War es anfangs nicht möglich, mehr als drei Prozent des Potenzials zu heben, sind es inzwischen zehn bis 15 Prozent. Für das dichtbesiedelte Europa sei Fracking kaum eine Alternative, sagen Experten. (Günther Strobl, 30.7.2015)

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