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4. August 2015, 09:00

Am 6. und 9. August jähren sich zum 70. Mal die Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki in Japan. Auch in diesem Jahr wird es wieder Gedenkfeiern geben. An den letzten Jahrestagen waren diese Feiern in Japan immer mehr zum bloßen Ritual erstarrt, aber dieses Mal werden sie von den Protesten gegen Premierminister Shinzō Abes neue Verteidigungspolitik begleitet werden, mit deren Hilfe Japan im Widerspruch zu seiner Verfassung wieder ein militärisch aktives Land werden kann.

foto: ap photo/shizuo kambayashi
Der Friedenspark von Hiroshima wurde am 1. April 1954 eröffnet.

Mehr noch als die Mehrheit der Japaner sind es die Hibakusha, die überlebenden Opfer der atomaren Katastrophe, die die neuen Sicherheitsgesetze ablehnen, weil sie eine Beteiligung Japans an künftigen Kriegen fürchten.

Ablenkungsmanöver

Die von Japans Regierung ausgesprochene Einladung an die Welt, zu dem Jahrestagsgedenken der Atombombenabwürfe nach Hiroshima und Nagasaki zu kommen, um sich ein Bild von den Auswirkungen der atomaren Katastrophe zu machen, wurde von chinesischer Seite strikt abgelehnt, weil sie darin nur ein Manöver zur Ablenkung von den japanischen Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs sieht.

Das Grauen der beiden atomaren Katastrophen hat nicht zu einer Ächtung der Atomwaffen geführt. Aber 1968 wurde zumindest der Atomwaffensperrvertrag abgeschlossen, der verhindern sollte, dass weitere Staaten zu Atommächten werden. Pakistan, Indien und wohl auch Nordkorea und Israel gelang es trotzdem, in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen. Von Vertragsbeginn an wurde eine alle fünf Jahre stattfindende Überprüfungskonferenz vereinbart, bei der kontrolliert werden sollte, ob und welchen Fort- oder Rückschritte es bei der atomaren Rüstung gegeben hatte.

Nachdem US-Präsident Barack Obama 2009 in seiner berühmten Prager Rede die Vision einer atomwaffenfreien Welt verkündet hatte, waren die Hoffnungen auf substanzielle Abrüstungsschritte groß. Geschehen ist: nichts. Das politische Klima zwischen Moskau und Washington ist der Abrüstung nicht gerade zuträglich, und die Atomwaffenstaaten "modernisieren" nun ihre Arsenale. Die USA planen dafür in den nächsten zehn Jahren sagenhafte 355 Milliarden Dollar (rund 322 Milliarden Euro) auszugeben.

Fortschritte gefordert

Dies hat dazu geführt, dass die nichtnuklearen Staaten immer mehr die Geduld mit den etablierten Atommächten verlieren und substanzielle Fortschritte in der atomaren Abrüstung verlangen. Bei der diesjährigen Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag, die im April und Mai in New York stattfand, stellten sich 106 von 191 Unterzeichnerstaaten hinter Österreichs Initiative zur Ächtung von Atomwaffen aus humanitären Gründen.

Zuletzt ging die Konferenz ohne Schlusskommuniqué zu Ende, weil die USA, Großbritannien und Kanada eine 2016 geplante Konferenz zur Schaffung einer massenvernichtungswaffenfreien Zone im Nahen Osten nicht im Text haben wollten. Die US-Staatssekretärin für Rüstungsbeschränkung, Rose Gottemoeller, nannte als Grund "nicht umsetzbare" Bedingungen Ägyptens und anderer arabischer Staaten. Dazu zählte, dass die Konferenz auch ohne Beteiligung Israels, das nicht Mitglied des Atomwaffensperrvertrags ist, hätte stattfinden sollen. Bevor es nicht umfassenden Frieden im Nahen Osten gibt, lehnt Israel eine Diskussion über sein (nichtdeklariertes) Nukleararsenal ab.

Das Scheitern der Überprüfungskonferenz macht den Konflikt zwischen den Atomwaffenstaaten und denen, die keine Atomwaffen besitzen, sichtbarer denn je. Kommentatoren sehen dies auch als Chance: Bisherige Kommuniqués hätten den Dissens durch Absichtsbekundungen überdeckt; nun würden die Karten zumindest auf dem Tisch liegen.

foto: ap
In Hiroshima wird die erste Atombombe abgeworfen. Es ist der 6. August 1945.


Ostasien-Experte Sebastian Conrad: "Eine Entschuldigung ist auf beiden Seiten kein Thema"

Zwischen den USA und Japan gibt es bisher keine ausreichende gemeinsame Aufarbeitung der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki, sagt Ostasien-Experte Sebastian Conrad.

STANDARD: Am 6. und 9. August 1945 wurden von den USA zwei Atombomben über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki abgeworfen. Wie prägte sich dieses Ereignis in das Gedächtnis der Menschheit ein?

Conrad: Hiroshima ist, mehr noch als Nagasaki, zum Symbol für die Selbstvernichtungspolitik der Menschen auf diesem Planeten geworden.

STANDARD: Hat sich die Erinnerungskultur über die Jahrzehnte verändert?

foto: epa/mayama
Die Atombombenkuppel in der japanischen Küstenstadt Hiroshima ist mittlerweile eine Gedenkstätte.

Conrad: Zu einem gewissen Grad. In Japan war die Erinnerungskultur zu Beginn strikt durch die US-Besatzung reglementiert: Zensur sollte die Entwicklung einer Opfermentalität vermeiden. Die aggressive japanische Politik hätte den Krieg ausgelöst. Nach dem US-Abzug 1952 wurde offener über den Bombenabwurf gesprochen. Es entwickelte sich eine hegemoniale Darstellung, die Japan – wie von den USA befürchtet – als Opfer skizzierte. An die Atombomben wurde in der staatlichen Erinnerungskultur abgekoppelt vom Rest des Zweiten Weltkriegs erinnert. Dabei wurden zwar die amerikanischen Kriegsverbrechen, aber nicht die japanischen thematisiert.

STANDARD: Ist das heute auch noch so?

Conrad: Im Grunde ja. Nach dem Ende des Kalten Krieges brach jedoch in den 1990er-Jahren eine kontroverse Diskussion – ein sogenannter Bürgerkrieg der Erinnerungen – in Japan auf, die es vorher nur vereinzelt gegeben hatte. Dabei wurden Stimmen von Opfern japanischer Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs laut – wie jene von Mädchen und Frauen aus anderen asiatischen Ländern, die zwangsprostituiert wurden. Diese sogenannten "Trostfrauen", die vor allem aus Korea und China stammten, sollten aufseiten Japans für eine bessere Moral und effizientere Armee sorgen. Diese Stimmen spielten eine große Rolle bei der Neuausrichtung der Erinnerungskultur in Japan und öffneten einen kritischeren Blick auch auf japanische Verbrechen, die grundsätzlich schon bekannt waren, etwa das Massaker in der chinesischen Stadt Nanjing während des Zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs.

STANDARD: Warum erst nach dem Ende des Kalten Kriegs?

Conrad: Bis dahin orientierte sich Japan sehr eng an den USA. Stimmen aus China oder Korea konnten ignoriert werden. Nach dem Ost-West-Konflikt wurde unmittelbar klar, dass Japan auf verschiedenen Ebenen mit Ostasien zusammenarbeiten muss. Auch heute ist der noch immer "ungeschickte" Umgang der japanischen Regierung mit der eigenen Vergangenheit einer der wichtigsten Punkte, warum die jetzige Annäherung mit der chinesischen oder der koreanischen Regierung so schleppend in Gang kommt.

STANDARD: Woran erinnert man sich in den USA?

Sebastian Conrad (49) ist Historiker an der Freien Universität Berlin.

Conrad: In den USA herrschte lange Zeit die Meinung vor, dass der Abwurf der Atombomben kein Kriegsverbrechen, sondern das Gegenteil dessen war: Er sei nötig gewesen, um eine noch höhere Opferzahl auf amerikanischer, aber auch auf japanischer Seite zu verhindern. Zum 50. Jahrestag der Bombenabwürfe sollte eine Briefmarke gedruckt werden, auf der geschrieben stand: "Die Atombombe hat den Zweiten Weltkrieg beendet." Proteste seitens der japanischen Regierung verhinderten die Markteinführung kurz vorher.

STANDARD: In Washington sollte zum 50. Jahrestag eine große Ausstellung die verschiedenen Dimensionen des Abwurfs darstellen – auch das japanische Leid ...

Conrad: Die Situation war derart zugespitzt – es gab bereits im Vorfeld Proteste, vor allem von Veteranenverbänden –, dass die Ausstellung letztendlich abgesagt wurde. Es war nicht möglich, verschiedene Perspektiven darzustellen. Jedoch wurden die Gründe des Bombenabwurfs neu diskutiert: Sehr wahrscheinlich wussten die USA bereits vorher, dass Japan zur Kapitulation bereit gewesen war. Diese Lesart sieht den Bombenabwurf bereits als ersten Schritt im Kalten Krieg und nicht mehr als letzten Schritt im Zweiten Weltkrieg.

STANDARD: Gibt es mittlerweile eine gemeinsame Aufarbeitungskultur zwischen Japan und den USA?

Conrad: Kaum. Seit 1955 hat sich die japanische Regierung auf die USA als großen Bruder und Führungsmacht ausgerichtet. Das ist auch jetzt unter dem japanischen Premier Shinzō Abe der Fall. Eine Entschuldigung der USA ist daher auch kein Thema – im Grunde auf beiden Seiten nicht. (3.8.2015)