Wende im Prozess um das "Happy Birthday"-Lied

29. Juli 2015, 13:41
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Eine Filmemacherin geht gegen einen Musikverlag vor, um den Song zu öffentlichem Gut zu machen. Nun hat sie offenbar den entscheidenden Beweis gefunden

"Happy birthday to you, happy birthday to you, happy birthday, dear ..." – so simpel und eingängig der Text, so komplex ist der Rechtsstreit, der sich hinter dem weltberühmten Geburtstagslied abspielt. Die Filmemacherin Jennifer Nelson klagte 2013 den US-Musikverlag Warner/Chappell, um den Song zu öffentlichem Gut zu machen. Nun, zwei Jahre später, könnten die Kläger den entscheidenden Beweis gefunden haben.

Auf den Punkt gebracht könnte Warner/Chappell Millionen verlieren, weil der Verlag 1.500 US-Dollar von Jennifer Nelson eingefordert hat. Sie wollte nämlich eine Dokumentation über das Happy-Birthday-Lied drehen und sollte dabei für die Verwendung des Songs die besagte 1.500 Dollar zahlen. Anstatt dieser Aufforderung nachzukommen, ging sie vor Gericht und sorgte weltweit für Schlagzeilen.

Ex-Basketballstar Dennis Rodman sang Nordkoreas Diktator Kim Jong-un bei einem Besuch in Pjöngjang im Jänner 2014 ein Geburtstagslied. Es war – genau – "Happy Birthday to You".

Jetzt könnte der Prozess eine entscheidende Wende genommen haben. Zum besseren Verständnis muss zuvor aber noch ein Blick in die Geschichtsbücher geworfen werden. Die Schwestern Mildred J. und Patty Smith Hill aus Kentucky arbeiteten zusammen in einem Kindergarten und dachten sich bereits 1893 ein Begrüßungslied für die Kinder aus: "Good Morning to All". In den 1920ern soll Patty Smith Hill dann den Text zum heutigen "Happy birthday to you" geändert haben, das lässt sich so genau aber nicht beweisen, und deshalb wird es ab sofort knifflig.

1935 wurde das Urheberrecht für Text und Melodie registriert, aber nicht von den Hill-Schwestern, sondern von Summy Company, die noch dazu andere Komponisten aufführte. 1988 kaufte Warner/Chappell die Rechte für 25 Millionen Dollar von Summy Company und lukriert seitdem täglich 5.500 Dollar oder jährlich etwa zwei Millionen Dollar. Summy Company sicherte dem Käufer zu, dass jede vor 1935 erschienene Version "illegal" sei. Und jetzt wird die Angelegenheit richtig interessant.

Jennifer Nelson will nämlich vor Gericht beweisen, dass die Hill-Schwestern von Anfang an geplant hatten, das Lied der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen – und dass Summy Company und in der Folge auch Warner/Chappell rechtswidrig an die Urheberrechte gekommen seien. Allerdings konnte dies bislang nicht eindeutig bewiesen werden.

Eine der bekanntesten Versionen des Lieds ist jene von Marilyn Monroe, im Mai 1962 anlässlich des 45. Geburtstages von US-Präsident John F. Kennedy gesungen.

Vor drei Wochen erhielten Nelsons Anwälte Zugang zu sämtlichen Dokumenten von Warner/Chappell, die mit dem Happy-Birthday-Lied zu tun haben. Dabei entdeckten sie im digitalen Verlagsarchiv ein PDF einer bisher noch unbekannten Version des Songs in seiner jetzigen Form in einem Liederbuch aus dem Jahr 1927, die Warner/Chappell laut eigener Aussage vergessen hatte. Seltsamerweise war der untere Rand des PDFs verschwommen, der Rest hingegen einwandfrei lesbar.

Nelsons Anwälte konnten aber rasch eine Originalversion des Liederbuchs besorgen. Dort stand schließlich: "Mit freundlicher Genehmigung von The Clayton F. Summy Co." Außerdem handelt es sich dabei um die 15. Auflage des Liederbuchs. In der ersten Ausgabe fand sich überhaupt kein Copyright-Hinweis.

Es spricht also vieles dafür, dass sich Summy Company in den 1920ern rechtswidrig das Urheberrecht für das Lied geschnappt hat. Doch das spielt aktuell gar nicht so eine wichtige Rolle. Wenn es tatsächlich bereits vor 1935 eine offizielle Version des Liedes gab, wäre einerseits der Kaufvertrag zwischen Summy Company und Warner/Chappell aus dem Jahr 1988 ungültig. Andererseits, wenn man 1927 als Ausgangspunkt hernimmt, wäre das Urheberrecht bereits 1997 abgelaufen, und Warner/Chappell könnte auf Rückzahlungen in Millionenhöhe verklagt werden.

Sollte Nelson mit diesem Beweis recht bekommen, würde der Urheberrechtsschutz in den USA sofort entfallen – ansonsten könnte Warner/Chappell noch bis 2030 Tantiemen einfordern. In Europa würde der Verlag die Rechte noch bis mindestens 2016 halten. (ksh, 29.7.2015)

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