Restaurant ohne Speisekarte

30. Juli 2015, 15:00
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Fragen stellen oder Nerven zeigen

foto: reuters/balogh

Pro
von Christoph Prantner

Wer nicht kann, was er will, der muss eben wollen, was er kann. Dieser grundlegende und empirisch vielfach bewiesene Satz der angewandten Seinslehre wird nächtens gerne an Wirtshaustischen in die transzendentalönologische Debatte eingeführt. Ja, ja, heißt es dann oft, das Leben sei halt keine Bonbonniere (oder wahlweise: kein Wunschkonzert, kein Honigschlecken, keine Beamtenpension).

Danach bestellen sich die Philosophen oft Hochgeistiges, um sich die Zeit zur nächsten Erfrischung zu verkürzen. Eine Speisekarte wird dafür nicht benötigt. Nur ein beherzter Schani.

Beim Essen verhält es sich grundsätzlich genauso. Es reicht vollkommen aus, Fragen zu stellen oder Anweisungen zu erteilen: "Was gibt es heute Feines? Ich will alles außer das, was der Koch vorgestern frisch zubereitet hat! Das Übliche, bitte." Dass einem statt des Filets im Pfeffersößchen dann Berner-Würsteln serviert werden, gehört zu den Schicksalsschlägen, die ein Mensch notgedrungen in Kauf nehmen muss. Wer nicht weiß, was er will, muss wollen, was er weiß. Das Leben, so viel steht fest, ist auch keine Speisekarte.

Kontra
von Mia Eidlhuber

Wenigstens eine Tafel braucht es, irgendwo an der Wand oder hingestellt, wo alles, was ich wissen muss, auch (bitte leserlich geschrieben) draufsteht. Denn stellen Sie sich vor, Sie sind Personal und müssen an einem einzigen Abend zehn-, fünfzehn-, zwanzigmal und öfter zum Gast gehen und so freundlich, wie man in Dienstleistungsunternehmen nun einmal sein sollte, das Vor-, Haupt- und Nachspeisenangebot runterbeten. Wenn Sie kein jobbender Reinhardt-Seminarist sind, kann die Sache nur schiefgehen. Dann stolpern Sie nämlich nicht nur über sämtliche ligurische Spezialitätengerichte, sondern auch über die beschränkte Aufmerksamkeitsspanne einer illustren Tischgesellschaft.

Was Limone und Pomodori bedeuten, wissen noch die meisten, aber das Agnello alla waaas? Und die Granseola con? Ah, Finocchio!!! Was sind Spezatini noch einmal? Und Finferli? Sie sagten Eierschwammerln, oder? Da braucht es Nerven, auf allen Seiten. Die könnte man schonen, mit einem einfachen Blatt Papier, wo alles draufsteht. Ein Stück pro Tisch würde schon reichen. Vollkommen. (Rondo, 30.7.2015)

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