Die Retter in der Ostägäis brauchen selbst Hilfe

Kolumne28. Juli 2015, 17:52
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Sie sind physisch, psychisch und organisatorisch überlastet

Samos ist eine auch bei Österreichern beliebte Ferieninsel in der Nordostägäis. An einer Stelle, unweit des bekannten Urlaubsortes Pythagorio (Geburtsort des antiken Philosophen und Mathematikers), sind es nur 1,7 Kilometer übers Meer bis in die Türkei.

Von dort kommen Tag für Tag Boote mit Flüchtlingen. Bis zu 500 am Tag. Hauptsächlich Syrer, dann Iraker und Afghanen. Sie haben bereits eine Odyssee durch den ganzen Nahen und Mittleren Osten vor sich. In der Türkei geben sie den organisierten (meist türkischen) Schleppern den Normalsatz von 3000 Euro, werden von denen an die Küste gebracht und in große Schlauchboote gesetzt. Dann geht die Reise los. Die türkischen Behörden schauen weg.

Samos ist, wie gesagt, nicht weit von der türkischen Küste entfernt. Aber an der engsten Stelle patrouilliert die griechische Küstenwache. Ein, zwei Kilometer auf dem offenen Meer können sich die Windverhältnisse plötzlich ändern. In den Sommermonaten bläst der Meltemi, bei fünf Beaufort (frische Brise) und den entsprechenden Wellen wird es für die niedrigen, überladenen Schlauchboote schon kritisch.

Aber selbst, wenn die Boote (die keinen seetauglichen Skipper, sondern bestenfalls irgendwelche Helfer an Bord haben) unbeschadet die Ufernähe erreichen, werden sie versenkt. Absichtlich. Es ist immer ein Vertrauensmann der Schlepper an Bord, der ein Handy und ein Messer hat. Mit dem Handy wählt er den internationalen Notruf 112, mit dem Messer sticht er den Schlauchbootkörper auf. Würden die Flüchtlinge auf intakten Booten aufgebracht, etwa von der Küstenwache, werden sie wieder zurückgeschleppt. Mit sinkendem Boot sind sie Schiffbrüchige und müssen gerettet werden.

Allerdings ist das ein Vabanquespiel. Denn die Retter – meist die Hafenpolizei oder der Hellenic Rescue Service (eine Freiwilligenorganisation) – kommen entweder rechtzeitig oder nicht. Sie sind zahlreich genug oder nicht. Sie haben das Equipment oder nicht.

Das alles erfährt man aus Gesprächen mit Vertretern der Rettungsorganisationen. Die Situation ist überall gleich auf den Türkei-nahen Inseln, auf Samos ebenso wie auf Kos, Chios, Lesbos und Patmos. "Es wird jeden Tag gefährlicher, schwieriger, dramatischer", sagt einer von ihnen.

Die Geretteten werden von der normalen Polizei übernommen, registriert, oder auch nicht, in völlig desolate Lager gesteckt, von humanitären Organisationen wie dem UNHCR leidlich betreut, von Touristen mit Essen versorgt und nach kurzer Zeit nach Athen weitergereicht. Die eigentlichen Retter an der "Front", die fast jede Nacht hinausfahren, die die Menschen aus dem Wasser ziehen, stehen aber ziemlich alleine da. Sie sind physisch, psychisch und organisatorisch überlastet.

Es gibt tastende Versuche von Privaten, auch Österreichern, den Rettern zu helfen. Was brauchen sie? Zunächst geeignete Boote, um auch an die Felsen heranfahren zu können, wo Lebende und Tote gestrandet sind (die Polizeiboote sind ungeeignet). Erste-Hilfe-Kits. Schutzmasken und -handschuhe. Decken. Und "bodybags" für die, die es nicht geschafft haben. (Hans Rauscher, 28.7.2015)

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