Rubens als Revolutionär: Schichtarbeit für eine skandalfreie Nacktheit

1. August 2015, 16:02
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Forschungen am Wiener Kunsthistorischen Museum zeigen: Der flämische Barockmaler hat die Erotik aus der religiösen Umklammerung befreit

Wien – Der italienische Renaissancekünstler Marcantonio Raimondi ist vor allem als Kopist zahlreicher Werke von Raffael bekannt. Es gibt eine Episode in seinem Leben, mit der er ungewollt mehr über die bildende Kunst und ihre ideengeschichtlichen Verpflichtungen gesagt hat, als es anderen, originelleren Künstlern jemals gelungen ist. Der Kupferstecher aus Bologna fertigte 1524 eine Serie von erotischen Druckgrafiken an. Die Bilder, veröffentlicht unter dem Namen I Modi, würden wohl auch aus heutiger Sicht als Pornografie gelten.

Den kirchlichen Sittenwächtern ging das Dargestellte zu weit. Die Grafiken wurden beschlagnahmt, Raimondi landete im Kerker. Einige Jahre später veröffentlichte sein Landsmann Gian Giacomo Caraglio eine kaum weniger explizite Sammlung von Grafiken – diesmal allerdings als Serie mythologischer Liebschaften verklärt. Und siehe da: Niemand nahm Anstoß.

Bewusstes Spiel mit Erotik

"Es gibt eine wichtige Regel in der Kunstgeschichte", sagt Gerlinde Gruber, Kuratorin des Kunsthistorischen Museums Wien (KHM). "Solange die Nacktheit mit der Mythologie oder einer historischen Geschichte verbunden wurde, war sie erlaubt. Nicht erlaubt war sie, wenn sie etwas Reales zeigte." Dieses ungeschriebene Gesetz galt noch im 17. Jahrhundert. Auch Peter Paul Rubens hatte diese Regel zweifelsohne verinnerlicht. Genau dieser Umstand macht eines seiner Hauptwerke, das Pelzchen, wie er es nannte, so mehrdeutig und interessant.

Das Gemälde, entstanden in den Jahren 1636-38, hängt im KHM. Es zeigt Rubens' zweite Ehefrau Helena Fourment, lebensgroß, nackt, ihren Unterkörper nur notdürftig mit einem Pelz verhüllend. Auf den ersten Blick erinnert die Haltung Helenas an ein antikes Vorbild, nämlich die "schamhafte Venus", die Venus pudica.

Doch als schamhaft kann man die Darstellung kaum bezeichnen. Die Venus pudica verdeckt ihre Brust. Helene indes hält ihre Brust mit derselben Geste hoch, sie präsentiert das, was historisch verdeckt werden sollte.

Planänderung bei Rubens

Das Gemälde war nie für den Kunstmarkt und die Öffentlichkeit bestimmt. Rubens hat es für sich und seine Gattin gemalt und wurde vermutlich erst von Helenas Enkeln verkauft und gelangte so im 18. Jahrhundert nach Wien, in den Besitz des Habsburgerkaisers Karl VI.

Neue Erkenntnisse weisen nach, dass Rubens bewusst mit den erotischen Konnotationen gespielt – und seinen Plan beim Malen zweimal geändert hat. Die erste Wendung war schon früher bekannt. Das auf Holz gemalte Ölbild war ursprünglich als Halbfigur angelegt worden, Rubens ließ sich zunächst wohl von Tizians Mädchen im Pelz inspirieren. Doch bald darauf verwarf er eine allzu offensichtliche Bezugnahme auf das historische Vorbild, fügte Holzlatten hinzu und porträtierte seine Frau im Ganzen, beziehungsweise: in ihrer ganzen Schönheit. Rubens soll über das Bild gesagt haben: "Das ist das schönste Gemälde von Antwerpen." In der Entstehungsgeschichte des Bildes gibt es noch eine zweite, wohl noch bedeutendere Wendung, die erst kürzlich von Gruber und Elke Oberthaler, der Leiterin der Gemälderestaurierung am KHM, entdeckt wurde. Die beiden haben das Pelzchen mit der sogenannten Makro-Röntgenfluoreszenzanalyse durchleuchtet. Mit dieser Methode kann man die Verteilung von einzelnen Elementen wie etwa Blei in den Ölfarben bestimmen – und so auch übermalte Schichten sichtbar machen.

Schutzlos, aber wirklicher

Im Fall des Pelzchens wurde so ein Bild im Bild freigelegt: Rubens hatte seine Frau ursprünglich neben einem Gartenbrunnen porträtiert, den er später offenbar wieder übermalte. In der Endfassung ist im Vordergrund nur ein roter Teppich zu sehen, der Rest des Raumes verliert sich im Dunklen. "Seit Jahrhunderten wurde diskutiert, wo Helena steht", sagt Gruber. "Jetzt wissen wir: Im ersten Entwurf stand sie draußen, jetzt steht sie drinnen."

Die Streichung des Brunnenmotivs bedeutet auch die Streichung einer Reihe überirdischer Bedeutungen. Sie befördert Helena aus dem Reich des Mythologischen in die Realität des Privaten. Der Brunnen, den Rubens ursprünglich gemalt hatte, ist mehrstöckig. Ganz oben steht ein Junge, der sein Hemd nach oben zieht und freihändig in das Becken pinkelt. Das Motiv ist bekannt, nicht zuletzt durch Manneken Pis, das Wahrzeichen von Brüssel. Doch die Figur ist älter, sie war schon in der Antike verbreitet und stand symbolisch für Wohlstand, Jugend und Fruchtbarkeit. Rubens dürfte, wie Skizzen von ihm belegen, auch ein antikes Vorbild in Rom studiert haben.

Revolutionärer Akt

Dass er die Figur wieder entfernt hat, sei eine bewusste "Verunklärung", sagt Gruber. Mit dem Brunnen wäre das Bild noch in einer Reihe mit religiösen Motiven wie Bathseba am Brunnen und Susanna beim Bade gestanden. Ohne ihn steht Helena allein und nackt. Schutzlos, dafür umso wirklicher. "Ich halte diesen Akt für revolutionär, weil er dem Bild seine Geschichte nimmt", sagt Gruber.

Damit öffnete Rubens einen Raum möglicher Deutungen. Manche Kunsthistoriker sahen in Helena eine moderne Schönheits- und Liebesgöttin, andere Parallelen zu Sacher-Masochs Venus im Pelz. Natürlich blieb nicht verborgen, dass der Pelz nicht nur Wohlstand symbolisiert, sondern in vielen Sprachen auch für das weibliche Geschlechtsteil steht. Sicher ist: Das Bild war eine private Liebeserklärung. Als Rubens Helena heiratete, war sie 16 Jahre alt. Er hatte sich bewusst für eine junge Frau aus bürgerlichen Kreisen entschieden. An den französischen Gelehrten Nicolas-Claude Fabri de Peiresc schrieb er: "Es hat mir gefallen, ein Weib zu nehmen, das nicht errötet, wenn es mich den Pinsel zur Hand nehmen sieht." (Robert Czepel, 1. 8. 2015)


Die Forschungsergebnisse zu Rubens' "Pelzchen" sind in der Reihe "Ansichtssachen" von 30. Juli bis 29. November in der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums Wien zu sehen.

Link
Kunsthistorisches Museum

  • Das Werk "Pelzchen" zeigt Peter Paul Rubens' zweite Ehefrau Helena Fourment lebensgroß. Eine Analyse des Gemäldes zeigte nun, dass der Maler Helena im Nachhinein von draußen nach drinnen verfrachtet hat.
    foto: khm

    Das Werk "Pelzchen" zeigt Peter Paul Rubens' zweite Ehefrau Helena Fourment lebensgroß. Eine Analyse des Gemäldes zeigte nun, dass der Maler Helena im Nachhinein von draußen nach drinnen verfrachtet hat.

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