31-jährige Mutter gestorben: Chinas mörderische Rolltreppen

29. Juli 2015, 05:30
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Frau stürzte durch die Bodenabdeckung zu Tode – Es ist längst kein Einzelfall in China

Das Drama, das China entsetzt und zur erregten Debatte über die Gefahren seiner Modernisierung geführt hat, dauerte nur neun Sekunden. Dann fiel die 31-jährige Xiang Liujuan durch eine nachgebende Abdeckung in das Gehäuse einer Rolltreppe in einem Kaufhaus. Die Frau, die noch ihren dreijährigen Sohn retten konnte, klammerte sich am Rand fest, rutschte dann aber ab. Vier Stunden brauchten Feuerwehren, um die Rolltreppe zu öffnen. Sie konnten die Frau nur tot bergen.

Unzählige Chinesen wurden indirekt Zeugen des Unfalls, der einmal mehr auf den laxen Umgang mit Arbeitssicherheit und Qualitätskontrolle zurückgeht. Sicherheitskameras im 2012 eröffneten Einkaufszentrum in Jingzhou hatten das Geschehen am Wochenende aufgenommen. Das Video wurde online gestellt – und millionenfach angeklickt.

Kind gerade noch gerettet

Die Reaktionen fielen einhellig aus. Zornig klagte am Dienstag die seriöse Rechtszeitung Fazhi Ribao über den Schlendrian, mit dem das Land nicht fertigwird. Im aktuellen Fall sollen Arbeiter nach Reparaturen vergessen haben, die Abdeckungsplatte zu verschrauben. Eine Angestellte hätte zwar gemerkt, dass sie locker saß. Doch anstatt die Rolltreppe zu sperren, konnte Xiang Liujuan mit ihrem Sohn noch hochfahren. Erst auf halbem Weg wurde sie gewarnt. Sie habe ihr Kind in den Arm genommen und es am Ende der Rolltreppe in Sicherheit übergeben können. Dann sei sie eingebrochen. Ungeklärt blieb, warum die Rolltreppe nicht sofort zum Stillstand kam. Vermutet wird, dass sich einfach niemand dafür zuständig fühlte.

Es ist nicht der erste tragische Unfall, der eine landesweite Debatte provoziert, wieso es so weit kommen konnte. Entsetzen löste am 2. April 2014 ein grotesker Vorfall in Schanghai aus, bei dem 13 Menschen verletzt wurden. Eine Rolltreppe stoppte mitten im Lauf in der Jingansi-Metrostation und änderte abrupt ihre Richtung. Das Parteiorgan Volkszeitung und andere Blätter zählten weitere Beispiele von sich selbst beschleunigenden oder auseinanderbrechenden Rolltreppen und haarsträubenden Unglücken mit Fahrstühlen auf. Seit 2005 sei es jährlich zu durchschnittlich mehr als 40 Unfällen mit 30 Toten in Fahrstühlen und auf Rolltreppen gekommen, weil Reparatur und Wartung versagten.

Zu schnelle Modernisierung

Wofür China gerne bewundert wird, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Wegsehen der Verantwortlichen. Hunderttausende Einkaufszentren, Wolkenkratzer und Wohnhäuser schießen in rasantem Tempo in die Höhe, werden dabei aber oft sehr schlampig gebaut. Verwaltung, Wartung und Sicherheitskontrollen kommen nicht mehr mit. Die Nachrichtenagentur Xinhua enthüllte neue Zahlen, auf die China anders als früher nicht mehr stolz sein kann. Bei Fahrstühlen und Rolltreppen, die statistisch zusammengezählt werden, sei die Volksrepublik weltweit Nummer eins in Anwendung und Herstellung. Bis Ende 2014 wurden 3,6 Millionen Fahrstühle und Rolltreppen genutzt. Schanghai hält mit 193.000 Fahrstühlen und Rolltreppen den Städte-Weltrekord. (Johnny Erling aus Peking, 29.7.2015)

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