Spanisches "Jobwunder" mit Macken

29. Juli 2015, 07:00
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Eine halbe Million Menschen fand laut offizieller Statistik binnen eines Jahres Arbeit. Doch es dominiert das Prekariat

Pünktlich zum Parlamentswahljahr gehen die Arbeitslosenzahlen in Spanien rapid zurück. "Wir schaffen die Hälfte der neuen Arbeitsstellen in Europa", lobte sich Spaniens Premier Mariano Rajoy vom konservativen Partido Popular (PP) bei den Wirtschaftstagen der rechten Tageszeitung La Razón, just bevor er zum Urlaub in seine galicische Heimat aufbrach.

Offizielle Daten des spanischen Statistikinstitutes INE geben ihm recht. Demnach hat sich die Stimmung am Arbeitsmarkt im zweiten Quartal deutlich aufgehellt. Von April bis Juni ist die Zahl der Arbeitslosen um 295.600 gesunken, der größte Rückgang seit 2008. Die Arbeitslosenrate beträgt 22,37 Prozent. Im Jahresvergleich fand eine halbe Million Menschen eine Anstellung. Jener Wert sank zum Erstquartal auch saisonbereinigt um 2,54 Prozent. Nicht alles aber ist eitel Wonne.

Saisonnier-Sommer

Der überwiegende Teil jener knapp 500.000 Menschen ist mit Teilzeit- oder befristeten Verträgen im Dienstleistungssektor tätig, belegen die Statistikdaten, die das Fedea-Institut für angewandte Wirtschaft analysiert hat. Sprich – das Mehr an Arbeit fußt auch in der Verteilung der geleisteten Stunden.

Spanien und Griechenland sind EU-weit jene Länder mit der meisten Teilzeitarbeit. Ein Viertel der Stellen im Norden Spaniens sind solche. Und gar 35 Prozent im ärmeren Süden. Jobmotor per se ist der stabil wachsende Tourismus, der von der politischen Unsicherheit in Nordafrika sowie Griechenlands Schuldenkrise profitiert. Stellen wurden zwar auch im Bereich der Industrie und der Bauwirtschaft geschaffen, vergleichsweise aber wenige. Aber immerhin knapp 75.000 neue Teilzeitstellen finden sich in Polizei- und Lehrerberufen, laut Spaniens Pendant zur Gewerkschaft Öffentlicher Dienst. Die klagt über die schleichende Abschaffung von Vollzeitposten.

Über fünf Millionen suchen

Bleiben noch gut 5,1 Millionen Arbeitslose auf Stellensuche. Das Gros davon sind 3,2 Millionen Langzeitarbeitslose, 552.000 mehr als zum Amtsantritt Rajoys Ende 2011 – Tendenz steigend. Das sind vor allem gering qualifizierte und ältere Menschen, deren Wiedereinstieg ins Berufsleben schwerer ist als der ohnehin mühsame Einstieg Junger und vieler Universitätsabsolventen.

Die Jugendarbeitslosigkeit liegt nach wie vor bei 49 Prozent, rund 73.000 weniger als vor einem Jahr. Zugleich werden auch rund 70.000 von ihnen als Praktikanten geführt und, aufgrund einer Gesetzesänderung von 2013, auch als arbeitende Beitragszahler der Sozialversicherung.

"Enorm viele Praktika werden ohne Gehalt geleistet", sagt Javier Pueyo, Jugendsprecher der kommunistischen Gewerkschaft CCOO. Nicht selten seien deren Aufgaben jedoch die von Angestellten, bei bestenfalls Gehältern von etwa 300 Euro im Monat für sechsstündige Arbeitstage. Praktikumsverträge würden immer öfter aneinandergereiht, was gesetzeswidrig ist, lamentiert Pueyo.

Hinzu kommen gut 3,1 Millionen Selbstständige, viele davon mit Minimaleinkommen (2014: acht von zehn mit weniger als 1000 Euro pro Monat). Wie Forbes erhob, tragen sie im EU-Vergleich die höchste Abgabenlast bei den geringsten Sozialleistungen. (Jan Marot aus Granada, 29.7.2015)

  • Spaniens Arbeitsplatzwunder beruht auch  auf vielen Gelegenheits- und noch mehr Teilzeitjobs  als in der  Vergangenheit. Eine Generation Praktikum wächst auf der Iberischen  Halbinsel heran.
    foto: reuters/nazca

    Spaniens Arbeitsplatzwunder beruht auch auf vielen Gelegenheits- und noch mehr Teilzeitjobs als in der Vergangenheit. Eine Generation Praktikum wächst auf der Iberischen Halbinsel heran.

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