Rundschau: Das Böse kommt auf leisen Sohlen

Ansichtssache5. September 2015, 10:00
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coverfoto: heyne

John Scalzi: "Das Syndrom"

Broschiert, 396 Seiten, € 10,30, Heyne 2015 (Original: "Lock In", 2014)

Im Mai sorgte SF-Autor John Scalzi auch außerhalb des Genres für Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass er mit seinem Verlag Tor Books einen Vertrag über 3,4 Millionen Dollar abgeschlossen hatte. Das klang zunächst eher nach einem Fußballtransfer als nach einer Meldung aus dem literarischen Nischenmarkt Science Fiction – und für den ist es wirklich ein ungewöhnlich guter Deal. Aber Scalzi muss dafür auch 13 Bücher innerhalb der nächsten zehn Jahre abliefern.

Nicht dass es dem Kalifornier an Produktivität mangeln würde. Seit es ihm sein Romanerstling "Old Man's War" ("Krieg der Klone") ermöglicht hat, von der Schriftstellerei zu leben, hat Scalzi einerseits an der "Klone"-Reihe weitergeschrieben – vor kurzem erst ist mit "The End of All Things" ein weiterer Band herausgekommen. Und andererseits tendenziell humoristische Einzelromane eingestreut, in denen er auch gerne Themen aus früheren Epochen der SF-Geschichte aufgriff ("Der wilde Planet" oder das preisgekrönte "Redshirts"). Scalzi hat ein Faible für Genrehistorie.

Die Ausgangslage

Der aktuelle Roman "Das Syndrom", ein SF-Krimi aus der nahen Zukunft, enthält zwar an einigen Stellen Situationskomik, die man nicht unterschätzen sollte: Da schlagen etwa zwei Androiden in einem wahren Hightech-Duell mit Töpfen und Bratpfannen aufeinander ein. Oder Demonstranten, die sich als George Washington & Co maskiert haben, geben in einer Gefängniszelle ein recht klägliches Gruppenbild der amerikanischen Gründerväter ab. Aber humoristisch ist "Das Syndrom" nicht gemeint, es ist bloß in lockerem Ton gehalten.

Die Prämisse wird in einem ausführlichen Infodump-Vorwort abgehandelt (das im Grunde unnötig ist, weil sämtliche Fakten später ohnehin noch mal im Text auftauchen werden). In aller Kürze: Ein Virus ist um die Welt gezogen, hat ein paar hundert Millionen Menschen getötet und bei einem Teil der Überlebenden das sogenannte Lock-In-Syndrom bewirkt. Die Hadens, benannt nach einem prominenten Opfer der Epidemie, sind Gefangene ihres Körpers – bei Bewusstsein, aber nicht in der Lage, ihren Körper willentlich zu steuern.

Threep macht mobil

Zum Glück konnte die Technologie Abhilfe verschaffen. Ein implantiertes neuronales Netz ermöglicht den Hadens, einen Androidenkörper fernzusteuern: Threep genannt, wieder mal eine kleine Verbeugung vor der Genregeschichte, in dem Fall vor C-3PO aus "Star Wars". Wer es sich leisten kann, könnte als Alternative auch die Dienste eines der wenigen menschlichen Integratoren in Anspruch nehmen, die ein fremdes Bewusstsein in ihrem aufnehmen können, um gewissermaßen ihren Körper für einige Zeit auszuleihen. (Gab es im Cyberpunk nicht etwas in der Art, das "Reiter" hieß oder so?)

Die technische Infrastruktur ist also ausgebaut genug, dass sich nun, zwanzig Jahre nach Beginn der Epidemie, Stimmen in der Politik durchgesetzt haben, die sich dafür aussprechen, die bevorzugte Behandlung der Hadens wieder zu beenden und staatliche Unterstützungen zusammenzustreichen. Scalzi lässt seinen Roman also da beginnen, wo bei anderen längst der Abspann nach technologischer Lösung und Happy End durchgezogen wäre. Was gleichzeitig das eigentlich Neue an "Das Syndrom" ist, dessen Szenario ja durchaus bekannt ist. Eine seiner jüngsten Ausformungen war der doofe Film "Surrogates", dessen klaffende Logiklücken bei Scalzi aber zum Glück keine Entsprechung haben.

Die Hauptfigur

Erzählt wird "Das Syndrom" aus der Ich-Perspektive von Chris Shane, einem Haden aus einer prominenten Washingtoner Familie, der gerade seinen ersten Arbeitstag beim FBI antritt. Und gleich an einen Mordschauplatz gerufen wird. Das Opfer: ein völlig unbeschriebenes Blatt, das sich noch als geistig behinderter Mann aus der unabhängigen Navajo-Nation entpuppen wird. Der blutbeschmierte Verdächtige: ein Integrator, der beteuert, dass er die Tat nicht begangen habe. Für Chris und seine Partnerin, die trinkfeste und leicht abgelebte Leslie Vann, stellt sich damit zunächst einmal die Frage, wer den Körper des Integrators für einen Mord missbraucht haben könnte.

Bald ziehen die Ermittlungen immer weitere Kreise, wie es bei einem Wirtschaftskrimi eben so ist. Chris wird bald Menschen verdächtigen, die zum unmittelbaren Bekanntenkreis seines prominenten Vaters zählen. Und rundherum eskalieren die Ereignisse: Eine Firma, die an einem Medikament arbeitet, mit dem man Hadens aus dem Lock-In zurückholen könnte, fliegt in die Luft. Eine Haden-Separatistin ruft zum Massenprotest gegen die Subventionskürzungen auf. Und Chris und Leslie werden mehrfach zum Ziel von Attentaten. Was nebenbei zum Running Gag führt, dass der arme Chris ungewollt einen Threep nach dem anderen schrottet.

"Das Syndrom" ist also eine klassische Cop-Story um einen Rookie und dessen raubeinigen Seniorpartner (hier eben eine Frau), deren Ermittlungen sie in die vermeintlich besseren Kreise der Gesellschaft führen; inklusive all der Raffgier und Skrupellosigkeit, die man dort halt so findet.

Auf einfache Weise gut

In Sachen SF-Elemente macht Scalzi es ganz im Sinne der von ihm geliebten Golden-Age-SF auch genrefremden LeserInnen leicht. Bezeichnend etwa eine Passage, in der er auf die Agora, einen für Hadens reservierten virtuellen Tummelplatz, eingeht: Es ist unmöglich, unsere großen Treffpunkte zu beschreiben, unsere Debatten und Spiele, oder wie wir miteinander intim werden, ob sexuell oder auf andere Weise, ohne dass es merkwürdig oder gar abstoßend klingt. Es geht um das ultimative "Man muss da gewesen sein". Das ist natürlich ein eleganter Weg, Beschreibungen aus dem Weg zu gehen, die sowohl beim Lesen als auch beim Verfassen zur Herausforderung werden könnten. Auch ins menschliche Gehirn, dessen neurologische Prozesse und Funktionen aufgrund der Romanprämisse natürlich ein großes Thema sind, dringt Scalzi nur sehr oberflächlich ein – erst recht wenn man als Vergleich den neuen Roman von Peter Watts heranzieht, dessen Besprechung hier ein paar Klicks weiter zu lesen ist.

Scalzi hält seinen Roman schlicht – auch sprachlich. Ganz ehrlich, das ständige ich sagte – sie sagte – ich sagte hätte ruhig etwas originelleren Formulierungen Platz machen können. Davon abgesehen ist diese Schlichtheit aber nicht unangenehm. Die unauffällige Sprache treibt die Handlung voran, und letztlich lebt ein Krimi ja von seiner Spannung. "Das Syndrom" gehört zu den wenigen Büchern in letzter Zeit, die ich in einem Rutsch durchgelesen habe.

Konventionell, leicht erzählt und leicht verständlich, flüssig und spannend. Kurz gesagt: "Das Syndrom" ist der Stoff, aus dem Bestseller gemacht sind. Hält Scalzi das beim nächsten Dutzend Romane durch, wird er keine Probleme haben, seinen Vertrag zu erfüllen.

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