"Clavigo": Herrenjahre einer Goethe-Frau

28. Juli 2015, 10:45
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Goethes "Clavigo" wird im Landestheater zum Gegenstand eines albernen Kleidertausches. Stephan Kimmig und sein Team des Deutschen Theaters Berlin reflektieren vor allem ihre eigene Befindlichkeit als Künstler. Der schwache Clou: Goethes Karrierist ist ein Mädchen

Salzburg – Irgendetwas Schreckliches muss mit Goethes Clavigo passiert sein. Im Stück des 24-Jährigen klettert ein schreibender Schöngeist aus kleinen Verhältnissen in Madrid die Karriereleiter hinauf. Als Höfling macht er Furore. Seiner Verlobten Marie nimmt er sich leider nicht mit der nämlichen Sorgfalt an. Die Sache der Sitzengelassenen vertritt deren Bruder Beaumarchais: Goethe las mit Sorgfalt die Lebenserinnerungen des französischen Autors.

Die Bühne des Salzburger Landestheaters ist mit blauer Ballonseide verhängt. Ein Rudel Clowns betritt die Spielfläche. Es braucht ein paar Augenblicke, bis auch der letzte Festspiel-Gast Clavigos wundersame Geschlechtsumwandlung begriffen hat.

Der Egozentriker unserer Tage ist eine Dame mit weizenblondem Haar (Susanne Wolff). Marie, das arme Bürgermädchen, das den Liebesverrat ihres wankelmütigen Journalschreibers mit dem Herztod büßt, ist ein schlanker Jüngling von hohem Wuchs (Marcel Kohler). Goethes genialischer Scharteke aus dem Sturm- und Drangjahr 1774 wird offenbar nicht mehr über den Weg getraut. Regisseur Stephan Kimmig und seine spielfreudige Schar stellen sich quer. Hier wird der Frau die ganze Last der Täterschaft zugemutet. Die Ergebnisse des Kleiderwechsels sind leider Gottes von geringem Ertrag.

Kummerspeck aus Watte

"Hu", "ha", "au" erklären die Clowns. Frau Clavigo, die sich einen Kummerspeck aus Watte angegessen hat, fördert kolossale Fundstücke aus ihrer Nase zutage. Sie und ihr säuerlicher Einflüsterer Carlos (ein Mann: Moritz Grove!) hecheln sich in die schönste Aufregung hinein. Madame Clavigo ist eine Meisterin des Mikrofongebrauchs. Sie zischt sogar mit dem Echo ihrer Stimme um die Wette. Eitelkeit ist keine Frage der geschlechtlichen Identität.

Die Herrschaften hier sind Künstler. Als solche leiden sie an schlimmer Auszehrung von Haupt, Herz und Gliedern. Man glaubt es kaum, aber sobald der Beamer furchtbar eitle Paarbilder auf die Ballonseide knallt, ist auch der letzte Rest Leben aus der schmalbrüstigen Aufführung verflogen.

Kimmigs Inszenierung – eine Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin – dünkt sich über die alten Anwandlungen bürgerlicher Empfindsamkeit erhaben. Sie erhebt die Rolle des Künstlers/der Künstlerin "zum Diskussionsgegenstand". Sie macht sich reichlich ungefragt zum Anwalt der Frauenemanzipation. Kaum stellt Beaumarchais (Sie haben es erraten? In Gestalt der wunderbaren Kathleen Morgeneyer eine Frau!) Clavigo wegen dessen Verrats rüde zur Rede, weiß der (also eigentlich: die) vor lauter Verlegenheit nicht ein noch aus.

Die Livekamera leuchtet Susanne Wolffs schönes Antlitz gnadenlos aus. Die KünstlerInnen unserer Tage sind nur noch die armseligen Anhängsel ihrer eigenen Images. Ihre intim menschlichen Erfahrungen haben in der Verwertungslogik der Kultur- und Bewusstseinsindustrie nicht das Geringste verloren.

Dramaturgie des Nummernkabaretts

Für eine Beweisführung, die den Künstler, die Künstlerin in die Hölle der Vogelfreiheit verstößt, gibt Goethes "Clavigo" nur leider wenig bis gar nichts her. Kimmig und sein wie aufgezogenes Ensemble nehmen bei der Dramaturgie des Nummernkabaretts Zuflucht. Man peppt den ehrwürdigen Text mit allerlei Briefzitaten auf. Man richtet das Wort ans Publikum und gönnt sich einen Blick in Goethes zeitgleich entstandenes "Hanswurst"-Spiel.

Oft und gerne suchen die Schauspieler Schutz im Inneren eines havarierten Heißluftballons (Bühne: Eva-Maria Bauer). Marie, etwa ausgestattet mit dem Charisma eines New Yorker Punksängers von 1976, blickt mit großen, wässrigen Johnny-Thunders-Augen dem Publikum ins Gesicht. Suizidale Probedurchläufe, unter anderem mit einem Galeristenplastiksack, hat der empfindsame Jüngling, der ja eigentlich nichts anderes als ein sitzengelassenes Mädchen ist, da bereits hinter sich gebracht.

Es hilft alles nichts. Goethes Text bockt und wehrt sich, schon wenn der Bruder die Schwester als Bruder anreden muss, und umgekehrt. Ein Häuflein Emotionalclowns dünkt sich über die Arbeitsergebnisse der Vorweimarer Klassik furchtbar erhaben.

Große Teile des Publikums nahmen an der eitlen Selbstbespiegelung der Künstler als Künstler lautstark Anstoß. Aber vielleicht spielt in der kommenden Festspielsaison Sven-Eric Bechtolf ja noch die Titelrolle der "Penthesilea". (Ronald Pohl, 28.7.2015)

  • Frau Clavigo (Susanne Wolff) muss sich mit ihrem Einflüsterer Carlos (Moritz Grove im Tutu) dringend besprechen. In Goethes Theaterstadt Madrid regieren die Künstler-Clowns die Welt.
    foto: apa/barbara gindl

    Frau Clavigo (Susanne Wolff) muss sich mit ihrem Einflüsterer Carlos (Moritz Grove im Tutu) dringend besprechen. In Goethes Theaterstadt Madrid regieren die Künstler-Clowns die Welt.

  • Susanne Wolff als "Clavigo".
    foto: apa / barbara gindl

    Susanne Wolff als "Clavigo".

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