Wie Agenten täglich hunderte Online-Drohungen gegen Obama überprüfen

27. Juli 2015, 17:19
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Seit der Erstellung eines offiziellen Twitter-Accounts nehmen Hass-Meldungen wieder zu

Zwei Ereignisse gab es in den vergangenen Jahren, in denen der Secret Service eine verstärkte Bedrohungslage gegen US-Präsident Barack Obama beobachten konnte: Ganz zu Beginn seiner Amtszeit schnellte die Anzahl an Morddrohungen nach oben, da sich viele Rassisten nicht mit einem afroamerikanischen Präsidenten abfinden wollten. Der zweite Höhepunkt war anderer Natur: Nämlich als mit @Potus (President Of The United States) ein offizieller Twitter-Account des US-Präsidenten eröffnet wurde. Dieser lieferte für Hetzer eine ideale Angriffsfläche, um ihrem Hass freien Lauf zu lassen.

Tweets werden ernstgenommen

Mehrere hundert E-Mails, Briefe und vor allem Tweets mit Drohgebärden werden täglich von Geheimagenten registriert. Eine Flut an Hass, die nur schwer zu analysieren ist. Das US-Magazin "The Atlantic" hat nun einen ausführlichen Blick hinter die Kulissen des "Internet Threat Desk", also der Abteilung für Online-Drohungen, geworfen und deren Arbeitspraktiken beleuchtet. Generell werden auch Tweets ernstgenommen: Zwar etwas weniger als ein mit Schreibmaschiner getippter und anonym versandter Brief, doch mehr als im kleinen Kreis geäußerte Wutreden. Denn Twitter und Facebook sind eine Mischung aus Stammtisch und Weltöffentlichkeit, in der sich Nutzer oftmals auch über die Konsequenzen ihrer Handlungen nicht bewusst sind.

Meinungsfreiheit als hohes Gut

Generell lassen US-Behörden ihren Bürgern vieles durchgehen, was in Europa schon zu Anzeigen führen würde. Die freie Meinungsäußerung gilt als heiliges Gut, eine rote Linie wird erst bei konkreten Morddrohungen überschritten. An der Anzahl der persönlichen Überprüfungen – also Hausbesuche bei Verdächtigen – hat sich übrigens nichts geändert: Seit Jahren werden täglich rund zehn Personen von Agenten besucht.

Grundsätzlich ist der Kontext der Nachricht entscheidend. Die Geheimagenten orientieren sich dabei an folgenden Faktoren:

  • Was hat die Person zuvor getwittert? Ist die Person über eine konkrete Entscheidung des Präsidenten verärgert?
  • In welchem Zustand befand sich die Person zum Zeitpunkt des Tweets – war sie wütend, alkoholisiert, belustigt?
  • Wie oft wurden Morddrohungen ausgesprochen? Mehrmals an einem Abend oder über den Zeitraum von mehreren Wochen? (Letzteres ist ein schlechtes Zeichen)
  • Schreiben die Betroffenen, "jemand" sollte Obama töten oder geben Sie an, das Attentat selbst durchführen zu wollen? (Letzteres ist ein sehr schlechtes Zeichen)
  • Wie konkret sind die Mordfantasien?

Kategorien

Anhand dieser Merkmale werden die Tweets anschließend in drei Kategorien eingeteilt:

  • Category 1: Die Drohungen wirken ernst, konnten aber durch Nachforschungen entschärft werden.
  • Category 2: Ernst zu nehmende Drohungen, die Person ist aber nicht in der Lage, den Anschlag durchzuführen (weil im Gefängnis oder in einem anderen Staat)
  • Category 3: Sehr schwerwiegend – Agenten müssen Hausbesuch durchführen.

Haftstrafen verhängt

Morddrohungen auf Twitter haben übrigens schon zu mehreren Haftstrafen geführt. The Atlantic führt etwa den Fall Jarvis Britton an, der über mehrere Monate hinweg die Ermordung des US-Präsidenten forderte. Er musste für ein Jahr hinter Gitter wandern. (fsc, 27.7.2015)

  • Der Secret Service beschützt das Leben des US-Präsidenten – auch, indem Tweets analysiert werden
    foto: ap/arduengo

    Der Secret Service beschützt das Leben des US-Präsidenten – auch, indem Tweets analysiert werden

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