Attacken von oben: Briten über Möwen "not amused"

28. Juli 2015, 07:00
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Viele Inselbewohner, allen voran Premierminister David Cameron, machen sich Sorgen über das schlechte Benehmen britischer Möwen

Wenn sogar der Premierminister sich öffentlich Sorgen macht, hat das Problem gewiss Substanz. "Wir müssen darüber eine ausführliche Debatte führen", sagt David Cameron und meint damit weder den Weltfrieden noch die bedauerliche britische Handelsbilanz. Vielmehr geht es um Seemöwen, genauer gesagt: um die gemeine Silbermöwe Larus Argentatus. Denn "Psychotische Killervögel", wie die intelligenten Flugkörper neuerdings von den britischen Medien bezeichnet werden, terrorisieren vor allem tief im Westen der Insel die Bevölkerung und deren Haustiere.

Der Regierungschef reagierte kürzlich bei einem Besuch in der beliebten Ferien-Grafschaft Cornwall auf die sich häufenden Horrormeldungen. Im pittoresken St. Ives büßte ein Vierjähriger nicht nur seinen Hotdog ein, sondern musste auch wegen einer Verletzung am Finger ärztlich behandelt werden. In Newquay erlitt Yorkshire Terrier Roo im Garten seiner Besitzerin so schwere Verletzungen durch Schnabelhiebe, dass ihn der Tierarzt einschläfern musste. In Liskeard trauert eine Familie um ihre Schildkröte Stig. Silbermöwen holten das Reptil und attackierten die weniger gut geschützte Unterseite – zwei Tage später war Stig tot.

Greifvögel auf Patrouille

Das Problem ist längst nicht auf den englischen Westen beschränkt. In Devizes in der Grafschaft Wiltshire sammelte sich eine Möwenkolonie rund um die örtliche Müllkippe. "Der Lärm war nicht auszuhalten", berichtet eine Stadtverordnete. Mit einer Spezialgenehmigung des Londoner Umweltministeriums haben Spezialisten 800 Möweneier aus den Nestern entfernt und zerstört, zudem fliegen Greifvögel Patrouille.

Experten machen zwei Veränderungen in der Lebenswelt der Vögel für das bedrohliche Verhalten verantwortlich. Zum einen gibt es immer weniger Fischfang, der traditionell reiche Nahrung bot. Zum anderen bietet die menschliche Wegwerfgesellschaft reichlich Futter.

Die besagten Möwen werden bis zu 67 Zentimeter lang und erreichen damit die Größe eines Mäusebussards. Er habe nichts gegen die Möwen dort, wo sie hingehören, sagt der langjährige Parlamentsabgeordnete Don Foster. In den Städten aber "können sie einschüchternd sein".

Gestrichene Finanzierung

Fosters Liberaldemokraten sorgten im März dafür, dass die damalige Koalitionsregierung eine Studie über den zukünftigen Umgang mit der geflügelten Bedrohung in Auftrag gab. In seinem jüngsten Haushalt nach der Wahl bezeichnete der konservative Finanzminister George Osborne das Vorhaben als "von geringer Priorität" und strich kurzerhand die Finanzierung von 353.000 Euro.

Insofern hat Osbornes Chef ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn er nun über Lösungen für den Möwenterror diskutieren will. Ausdrücklich enthielt sich David Cameron einer eigenen Stellungnahme, schließlich unterliegen Silbermöwen wie die meisten anderen Vögel strengen Tierschutzbestimmungen. (Sebastian Borger aus London, 28.7.2015)

  • Die Silbermöwen auf der Britischen Insel werden immer frecher. Bei ihren Attacken gegen Tier und Mensch kennen sie offenbar keine Berührungsängste mehr.
    foto: reuters/paul childs

    Die Silbermöwen auf der Britischen Insel werden immer frecher. Bei ihren Attacken gegen Tier und Mensch kennen sie offenbar keine Berührungsängste mehr.

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