Geschichte des Maya-Monuments "Altar Q" führte Wiener Physiker um die halbe Welt

2. August 2015, 12:00
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Experte konnte bedeutende Lücken in der Maya-Forschung schließen

Wien – Die Stadt Copan im heutigen Honduras gilt als eine der wichtigsten Stätten der Maya-Kultur. Am Ende ihrer Blütezeit dürfte die Metropole bis zu 30.000 Einwohner besessen haben. Eines der der interessantesten Steinmonumente der Maya, der "Altar Q", war lange Zeit wegen seiner Bedeutung umstritten. Der österreichische Physiker Gert Sdouz, der sich seit Jahren mit den Maya beschäftigt, hat nun die Forschungsgeschichte des 1.200 Jahre alten Steins geschrieben – und dabei wichtige Lücken in der Maya-Forschung geschlossen.

Sdouz war in seinem Hauptberuf als Physiker am Forschungszentrum Seibersdorf tätig und beschäftigt sich seit seiner Studienzeit auch mit altamerikanischer Kultur. Um in seinen Kenntnissen der Maya-Glyphen auf dem Laufenden zu bleiben, übersetzte er als Selbsttest den bereits seit einigen Jahren entschlüsselten Text auf der Oberseite des "Altar Q". "Dabei kam ich auf die Idee, die Wissenschaftsgeschichte des Monuments zu schreiben", sagte Sdouz.

Der aus dem Jahr 776 stammende, 0,7 Meter hohe und 1,5 Meter im Quadrat große Steinblock wurde erstmals von Juan Galindo (1802-1839) beschrieben. Der gebürtige Ire wurde von der Regierung der damaligen Republik Zentralamerika mit der Untersuchung der Ruinen von Copan beauftragt und verfasste darüber einen spanischsprachigen Bericht, samt Zeichnungen des Steins.

Erste Darstellung noch nie publiziert

Gleich am Beginn seiner Recherchen fiel Sdouz auf, dass diese ersten Zeichnungen noch nie publiziert worden sind. Und auch der spanische Bericht über Copan galt als verschollen.

Zuletzt hatte William Gates, ein Sammler präkolumbianischer Dokumente, 1919 dem US-Archäologen Sylvanus Morley den handgeschriebenen Bericht gezeigt, allerdings ohne Zeichnungen. Seither fehlte davon jede Spur. In einer 1990 veröffentlichten Rekonstruktion der Sammlung Gates fand sich als Aufbewahrungsort des Galindo-Briefs die Bibliotheque Nationale in Paris.

Dort begann Sdouz seine Recherche, die ihn um die halbe Welt führen und viel Geduld und Hartnäckigkeit erfordern sollte. Der Experte wurde in der französischen Nationalbibliothek tatsächlich fündig. Es stellt sich aber heraus, dass dort nicht der spanischsprachige Originalbrief aufbewahrt wurde, sondern ein Brief Galindos an die Pariser Societe de Geographie.

Solche Übersetzungen seines Originalbriefs hatte Galindo an Geografie-Gesellschaften in Paris, London und Washington geschickt. Doch zur Überraschung Sdouz' fanden sich bei diesem Bericht auch die Originalzeichnungen des Steins von Galindo, die er nun in seinem Buch "Altar Q" erstmals veröffentlicht hat.

"Ich bin überzeugt, dass Galindo den Stein nur einmal für seinen Bericht an die zentralamerikanische Regierung gezeichnet hat. Wahrscheinlich hat er die aufwendigen Zeichnungen wieder zurückerhalten und dann seinem Bericht an die Societe de Geographie beigelegt", sagte Sdouz.

Spannende Suche nach Galindos Originalbericht

Ermutigt von dem Fund der Bilder machte sich der Forscher auf die Suche nach Galindos Originalbericht, auch wenn dieser schon fast 100 Jahre lang verschollen war. Er verfolgte eine Spur zu einer angeblichen Kopie des Briefs, die sich an der Brigham Young University in Provo (US-Bundesstaat Utha), eine Hochschule der Mormonen, befinden sollte.

Erste Recherchen dort lieferten ihm tatsächlich eine Xerokopie des Berichts. "Solche Kopien gibt es nicht vor 1950, also wusste ich, dass der Brief noch vor nicht allzu langer Zeit existiert hat", sagte Sdouz. Er ließ nicht locker, "war einfach lästig und auf einmal kam ein Telefonanruf, dass sie ohnedies das Original hätten, nur sei es noch nicht katalogisiert".

Auf seinen Hinweis, dass man den Brief schon lange suche, habe die Uni das Dokument sofort digitalisiert und ins Internet gestellt. Vergleiche des Wasserzeichens im Papier brachten laut Sdouz ein zeitlich stimmiges Ergebnis, die Brigham Young University ist tatsächlich im Besitz von Galindos Originalbericht.

Experten, denen er sein Buch geschickt habe, hätten ihm bescheinigt, dass die Wiederauffindung des spanischen Originals und die vollständige Abbildungsgeschichte in seinem Buch "eine wichtige Lücke in der Maya-Forschung schließen", sagte Sdouz.

Maya-Herrscher oder Astronomen-Versammlung?

In seinem Buch widmet er sich auch dem Text auf der Oberseite des Steins und den 16 Personen auf den Seiten des "Altars Q". Für Sdouz ist es bemerkenswert, dass man im 19. Jahrhundert noch davon ausging, dass es sich dabei um Maya-Herrscher handle. "Diese Interpretation hat dann eine eigenartige esoterische Wendung genommen, und bis in die 1980er-Jahre stand in den Lehrbüchern, dass es sich um ein Treffen verschiedener Maya-Astronomen handle. Weil so lange ein falsches Ziel in der Forschung verfolgt wurde, hat man ebenso lange auch den Stein und seinen Text nicht verstanden", sagte Sdouz.

Erst als man um das Jahr 2000 einen Großteil des Textes auf der Oberseite lesen konnte, sei klar gewesen, dass es sich bei den Figuren um 16 Herrscher einer Dynastie handelt. Im Mittelpunkt steht dabei jener Herrscher, der den Stein aufstellen ließ, und der vom ersten König das Zepter der Macht überreicht bekommt. "Der 'Altar' ist also tatsächlich eine in Stein gemeißelte Dynastiegeschichte, ein Denkmal des 16. Herrschers, das dazu diente, seinen Machtanspruch zu legitimieren", sagte Sdouz.

Bis 1996 stand das Original des "Altar Q" noch in Copan, heute befindet es sich im Museum, und in der Ruinenstadt steht eine Kopie. (2.8.2015)

  • Der Altar Q aus dem Jahr 776 war lange Zeit falsch interpretiert worden: Nicht Astronomen sondern Maya-Herrscher sind darauf abgebildet.
    foto: adalberto hernandez vega

    Der Altar Q aus dem Jahr 776 war lange Zeit falsch interpretiert worden: Nicht Astronomen sondern Maya-Herrscher sind darauf abgebildet.

  • Gert Sdouz: "Altar Q – Copan, Honduras"; Verlag Berger; zweisprachig (deutsch/englisch); 126 Seiten; 29,90 Euro
    cover: verlag berger

    Gert Sdouz: "Altar Q – Copan, Honduras"; Verlag Berger; zweisprachig (deutsch/englisch); 126 Seiten; 29,90 Euro

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