Calafertes "Requiem für die Schuldlosen": Die zärtliche Sprache der Fäuste

27. Juli 2015, 08:01
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Eine Außenseiterfigur der französischen Literatur gilt es neu zu entdecken: Louis Calafertes "Requiem für die Schuldlosen" ist gut 60 Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen endlich auch auf Deutsch erhältlich

Wien – Der erste Satz in Louis Calafertes Roman Requiem für die Schuldlosen ist ganz gewiss keine Übertreibung: "Es begann am Arsch der Welt." Der Rest des 1952 in Frankreich erschienenen Buches widmet sich nichts anderem als der Erkundung dieses Gesäßes. Der "Arsch der Welt" ist das Lumpenviertel der Stadt Lyon. In windschiefen Bretterbuden hausen hier die Hoffnungslosen, die Ärmsten der Armen. Schon Karl Marx nannte das "Lumpenproletariat" den "Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen".

Calaferte (1928-1994) ist der Sänger dieser Unglücklichen. In seiner Prosa meint man, den Stolz auf die mindere Herkunft mit Händen greifen zu können. Hier, in Lyons "Zone", herrscht Ende der 1930er-Jahre ein Krieg aller gegen alle. Die halbwüchsigen Burschen, unter ihnen der Autor, rotten sich zu kleinkriminellen Banden zusammen. Calafertes Vater trinkt sich in einer Schmuddelkneipe regelmäßig um den Verstand. Die Frau Mama macht dem jüdischen Kleiderhändler Ledernacht nicht nur schöne Augen.

Wie durch ein Wunder sind Louis und sein zurückgebliebener Bruder Lucien dem Schicksal der Abtreibung entgangen. Ein schöner Tag im Armenviertel beginnt mit ein paar mütterlichen Backpfeifen. Auf der Straße findet sich anschließend Gelegenheit, die schwächsten Kameraden gewohnheitsmäßig windelweich zu prügeln. Debrer, den Buckligen; Rotor, den epileptischen, fußlahmen Buben einer italienischen Witwe, die ihr Kind infernalisch keifend gegen den Mob verteidigt.

Calafertes merkwürdig federnde Prosa ist, dem Deutsch nach zu schließen, das der wunderbare Übersetzer Dieter Hornig schreibt, ein Ereignis. Gewalt, so lernt man mit Fortdauer der Lektüre, kann unter den geschilderten unmenschlichen Bedingungen eine Form der Zuwendung sein. Calaferte rechtfertigt nichts, am wenigsten seine eigene Rolle als "Leutnant" seines Bandenchefs, der den schönen Namen Schborn trägt.

Die Niedertracht der Verhältnisse weckt Überlebensgeister. Der Ich-Erzähler erkennt aus der Distanz der Jahre ganz genau die Gesetze der Gemeinschaftsbildung. Nur wer schlägt, verwindet, dass er selbst geschlagen wird. Soziale Rohheit bildet im Requiem für die Schuldlosen das unbegriffene Pendant zur menschlichen Liebesfähigkeit. In der atemberaubenden Prosa Louis Calafertes hört man den Geist des großen Louis-Ferdinand Céline herumspuken. Wie dieser richtet Calaferte sein Augenmerk auf die noch unverdorbene Jugend. Er sieht Buben, die die "erbliche Zirrhose im Gesicht" tragen. Er beobachtet die kleinen Mädchen, die auf Brachen, im Schutz ausrangierter Zugwaggons, banal, kurz und schmerzvoll entjungfert werden.

Erweis der eigenen Stärke

Der ganze Stolz des Erzählers besteht im Erweis der eigenen Stärke. Es scheint, als hoffte er, die anderen würden sich ihm ebenbürtig zeigen. Am liebsten lüde er sich die Leiden der "Zonen"-Bewohner noch nachträglich auf die eigenen Schultern. Der halbwüchsige Louis trifft bei seinem Schuldirektor, einem kriegsversehrten Lebemann mit Vorliebe für Kneipenschlägereien, instinktiv auf Verständnis. Es ist dies die einzige wirkliche Liebesgeschichte in einem Buch, das man künftig in einem Atemzug mit Célines Tod auf Kredit oder Jean Genets Miracle de la Rose wird nennen müssen.

Und doch gilt die erschütterndste Szene einem Tier, einem herrenlosen dreibeinigen Hund. Die pragmatische Unterwürfigkeit des Rüden "Scoppiato" reizt den Erzähler bis aufs Blut. Er setzt der vermeintlich nutzlosen Existenz der traurig und ergeben dreinblickenden Kreatur mit Steinen ein Ende. Nicht der scheußliche Gewaltexzess selbst soll das Exempel bilden. Eher dient die Episode der Belehrung. Es ist sinnlos zu glauben, in einer Welt der Rohheit könne man eine Ausnahme bilden und selbst ohne Schuld bleiben.

Louis Calaferte arbeitete selbst als Rundfunkjournalist und Dramatiker. Sein größter Erfolg zu Lebzeiten war ausgerechnet ein Skandal: das pornografische Werk Septentrion (1963). (Ronald Pohl, 27.7.2015)

Louis Calaferte: "Requiem für die Schuldlosen". Aus dem Französischen von Dieter Hornig. 196 Seiten / € 18,95, diaphanes, Zürich/Berlin 2015

  • Artikelbild
    foto: diaphanes
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