Mahnende Worte und der Frage nach Zeit

26. Juli 2015, 18:07
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Bundespräsident Fischer: Man muss Menschen auf der Flucht "in die Augen und uns selbst in den Spiegel schauen können"

Salzburg – Die 95. Salzburger Festspiele sind eröffnet. Beim Festakt in der Felsenreitschule am Sonntag Vormittag nutzte Bundespräsident Heinz Fischer seine Eröffnungsworte für eine Ermahnung zur Hilfe für Menschen in Not. Auch Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) rief zu weniger Furcht vor dem Fremden auf. Festredner Rüdiger Safranski philosophierte und politisierte zum Thema Zeit.

Die Brücke von der Kunst zur Humanität und von der Humanität zur aktuellen Flüchtlingskrise war gleich mehrmals geschlagen. "Worauf gerade Österreich und Europa jahrzehntelang stolz sein konnte, dass hier nämlich Menschen in Not jederzeit Hilfe bekommen haben, ist heute nicht mehr so selbstverständlich – und ist vielleicht auch schwieriger geworden", bedauerte Fischer.

"Man muss nicht Unmögliches verlangen, aber wir müssen Menschen, die durch Krieg und Terror brutal aus ihrer Lebensbahn geworfen, zur Flucht gezwungen und an den Rand gedrängt werden, in die Augen und uns selbst in den Spiegel schauen können", so Fischer unter lautem Zwischenapplaus. "Mauern und Zäune an den Grenzen und in den Köpfen sind keine taugliche Antwort auf diese Herausforderungen."

Begegnung mit dem Frenden

Haslauer leitete das Thema über drei Festspiel-Opern, "Die Eroberung von Mexico", "Norma" und "Iphigenie en Tauride" ein. Gemeinsam sei ihnen ein Motiv, "das zu allen Zeiten Faszination und Angst, Chance und Bedrohung in sich birgt: Die Begegnung mit dem Fremden und dem Mechanismus von dessen Zerstörung". Von dieser alten Angst, "vor dem Anderssein, der anderen Sprache, der anderen Kultur, vor dem uneingeladenen Eindringen in unsere geordnete, festgefügte Welt" spannte auch er einen Bogen zur aktuellen Flüchtlingsthematik.

"Wir geben den Flüchtlingen das Notwendige zum Leben und werfen ihnen vor, dass sie es nehmen. Wir regeln ihre Untätigkeit und stricken daraus Faulheit. Wir haben Angst vor Identitätsverlust und davor, selbst Opfer zu werden. 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, aus verschiedenen Gründen, mit den unterschiedlichsten Zielen, sie alle wollen Sicherheit, sie alle wollen leben – jetzt, in dieser Minute, spielen sich geradezu unfassbare menschliche Schicksale ab – nehmen wir sie jetzt also alle auf?" Eine Antwort darauf blieb Haslauer allerdings schuldig. Statt dessen ermunterte er zu Stolz auf die eigene Kultur anstelle von Furcht vor der fremden.

Arznei gegen Hyperventilation

Auch Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) würdigte Kunst und Kultur als "Arznei" gegen eine "globalisiert-digitalisierte Hyperventilation" und als Hilfe, um etwa "Demagogen von seriösen Analytikern zu unterscheiden", oder "die Grenzen zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit" aufzuzeigen, "noch bevor diese für jeden offensichtlich geworden sind". Außerdem könne Kunst uns helfen, "auch in stürmischen Zeiten dennoch weiter am schmalen Grat der Zivilisation sicher zu gehen, die Gefährdungen für diese errungene Zivilisation beim Namen zu nennen und dann und wann auch den Finger schmerzhaft in die Wunden unserer Gemeinschaft zu legen."

Entschwinden der Zustände

Festspiel-Eröffnungsredner Rüdiger Safranksi hielt ein Plädoyer für eine "Revolution des Zeitregimes". Der deutsche Schriftsteller, Philosoph und Literaturwissenschafter sinnierte anhand des "Rosenkavalier" über Entschwinden und Zerfließen aller Zustände und wünschte sich eine politische Machtentscheidung für eine neue "Vergesellschaftung und Bewirtschaftung der Zeit".

"Sobald wir, wie die Marschallin, auf die Zeit achten, merken wir, wie diese gegenwärtig erlebte Wirklichkeit sich unablässig in die Vergangenheit auflöst und verschwindet." Weil aber "unaufhörlich die Dinge und Menschen in die Vergangenheit entschwinden, gibt es so unendlich vieles, für das man selbst jeweils der einzige und vor allem der letzte Zeuge ist und wenn die Zeugen verschwinden, stürzt das einst Wirkliche vollkommen ins Unwirkliche. Es ist dann so, als wäre es nie gewesen."

Revolutionsbedürftig

Während man aber die Zeit selbst nicht in der Hand hat und sich auch der von ihr ständig vor Augen geführten Vergänglichkeit und Sterblichkeit nicht entziehen kann, sei die Verwendung der Zeit und das Regime der allgegenwärtigen Uhr revolutionsbedürftig. Die Gesellschaft bewege sich wirtschaftlich bedingt unter immer größerem Zeitdruck, der gleichzeitig die Lebensdauer der Produkte verringert. "Zur Beschleunigungsökonomie gehört deshalb die Wegwerfökonomie."

Neben einem Seitenhieb auf den Finanzsektor ("Das gilt für den Müll jeder Art, auch für Schulden und den vom extrem beschleunigten spekulativen Finanzhandel erzeugten Finanzmüll, der in bad banks ausgelagert wird. Man kann sicher sein, dass uns die dort gelagerten kontaminierten sogenannten Finanzprodukte ebenso wie etwa der Atommüll noch große Schwierigkeiten bereiten werden."), erklärte er die Zeit damit zu einem Politikum.

Verschiedene Geschwindigkeiten

"Es ist eine politische Machtfrage, die verschiedenen Geschwindigkeiten, die der Ökonomie und die der demokratischen Entscheidungsprozeduren aufeinander abzustimmen, was darauf hinauslaufen würde, die Ökonomie unter das Zeitmaß demokratischer Entscheidungen zu bringen. Ebenso ist es eine politische Machtfrage, ob es der Finanzwirtschaft weiterhin erlaubt bleiben soll, mit der Zukunft so gemeingefährlich zu spekulieren, wie sie das bisher getan hat und noch tut."

"Es ist eine politische Machtfrage zu entscheiden, welchen Preis an Umweltschäden und Lebensbelastungen wir zu zahlen bereit sind – nur um eine schnellere Fortbewegungsart zu ermöglichen. Es ist eine politische Machtfrage, Lebenszyklen und Arbeitsprozesse zu synchronisieren. Und es ist eine politische Machtfrage, wie viel Zeit wir den Kindern geben und lassen wollen und den Alten und dem Altern." (APA, 26.7.2015)

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