Flüchtlinge: Integration durch Zivilgesellschaft

Kommentar der anderen26. Juli 2015, 17:38
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Freiwillige versuchen mit Initiativen, die angespannte Situation der Flüchtlinge und Asylsuchenden in Österreich zu lindern

Wenn Europäer und Europäerinnen auf Reisen gehen, dann meist mit viel Gepäck in nicht zu kleinen Koffern. Wenn nach einer langen Reise Flüchtlinge in Europa ankommen, dann tragen diese, außer Ängsten, Verlusterfahrungen und Hoffnungen, fast nichts bei sich. Hier angekommen, brauchen sie folglich vielfältigste Unterstützung.

Flüchtlinge willkommen heißen

Österreichweit haben sich im Sog der andauernden Konflikte zwischen Bund, Ländern und Gemeinden über die Unterbringung und der Bilder über dürftige Zeltstädte und überfüllte Aufnahmezentren Initiativen gebildet, die Flüchtlinge willkommen heißen, mit ihnen in Kontakt treten, sie begleiten und nachbarschaftlich aufnehmen. Der Wille, zu helfen und menschenwürdig zu handeln, gepaart mit Neugierde auf Unbekanntes und Fremdes, steht hinter diesem Engagement von Menschen für Menschen, denen die politische Stimme fehlt und oft auch die Menschenrechte verweigert werden. Hilfe, Nähe und Respekt gegenüber Einzelnen sind essenziell, sie sind aber bei weitem nicht alles, was diese Freiwilligen leisten. Die Unterstützungsgruppen sind, in Summe, auch Integrationsarbeiter, von deren Aktivitäten beide Seiten nur gewinnen: Flüchtlinge und Aufnahmegesellschaft.

Große Herausforderungen für Integrationspolitik

Die Integrationspolitik steht in den nächsten Monaten vor beträchtlichen Herausforderungen. Aus syrischen, irakischen, somalischen Kriegsgebieten Geflohene, Familien und Männer mit unterschiedlichen schulischen Laufbahnen und Ausbildungen, werden einen positiven Asylbescheid bekommen, der sie befähigt, in Österreich dauerhaft zu leben und zu arbeiten. Die Hilfsbereitschaft der Flüchtlingsinitiativen wird zwar weiterhin gebraucht werden, aber ihre Form wird sich deutlich verändern: Begleitung bei der Wohnungssuche, beim Zugang zu Ausbildungswegen und bei der Jobsuche rücken in den Vordergrund. Dass das AMS mit den derzeitigen Mitteln diesen besonderen Unterstützungsbedarf nicht liefern können wird, hat bereits sein Leiter nach der Veröffentlichung des Integrationsberichts 2015 mitgeteilt.

Ängste und Skepsis abbauen

Sehr bald also wird es nicht unwesentlich von den zivilgesellschaftlichen Initiativen abhängen, ob Flüchtlinge integriert leben, ob die Gesellschaft halbwegs zusammenhält oder ob die politische Polarisierung weiter um sich greift. Denn diese Initiativen bilden eine Art Verbindungsglied zwischen Bevölkerung, Politik und Flüchtlingen. Sie bauen Skepsis und Angst ab und können die soziale Akzeptanz der einheimischen Bevölkerung gegenüber den Geflüchteten nähren; sie ermöglichen, dass die politische Dauerforderung des Deutschlernens und -sprechens im Alltag implementiert wird; sie funktionieren auch als soziale Auffangnetze und stellen eine Alternative bzw. eine Option zu bestimmten Moscheen dar, die sonst das Vakuum der sozialen Beziehungslosigkeit füllen könnten.

Weil sich Bundes- und Länderpolitik bisher in der Integration von Flüchtlingen als handlungsunwillig bzw. -unfähig erwiesen, kommt den Initiativen bereits nach wenigen Monaten Aktivität integrationspolitische Relevanz zu. Die politischen Konflikte um die Unterbringung dauern an, Proteste und Widerstände dominieren die mediale Berichterstattung, die Forderung nach europäischen Quoten ist zwar richtig, sie löst das Problem der Aufnahme und Integration aber nicht, sondern lenkt höchstens davon ab. Die Unterstützungsinitiativen leisten in gewisser Weise jene Integrationsarbeit, die die Politik großteils verweigert, angesichts von Wahlkämpfen und knappen Budgets nicht leisten will oder kann.

Politische Unterstützung

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie diese Gruppen politisch zu unterstützen sind, damit sie diese ihnen zugeschriebene Rolle tatsächlich auch ausüben können. Diese Dringlichkeit der Unterstützung der Unterstützungsgruppen liegt nicht zuletzt darin, dass es sich meist nicht um professionell trainierte NGOs handelt, sondern um ehrenamtliche Gruppen. Auch zeigen Berichte aus Großbritannien, dass sogenannte advokatorische Gruppen selbst vor Problemen stehen bzw. Konflikte mitverursachen können, die aus kulturellen Differenzen und daraus resultierenden Missverständnissen etwa über die Rolle des Individuums und der Gemeinschaft, der Ausgestaltung der Geschlechterbeziehungen und der Bedeutung der Religion entstehen.

Internationale Erfahrungen zeigen, dass es daher von der Politik aufgelegte Programme braucht, die die Integrationsarbeit aktiv unterstützen. Dies z. B., indem Koordination, Infrastruktur und Vernetzung aufgebaut und rechtliches und interkulturelles Wissen zur Verfügung gestellt werden. Ein Beispiel dafür findet man in Baden-Württemberg: Projekte und Gruppen, die Asylsuchende und Flüchtlinge bei der Integration unterstützen, werden vom Land gefördert. Konkret unterstützt werden Koordinationsaktivitäten, Maßnahmen bei Qualifizierung sowie in den Bereichen interkulturelle Kommunikation, Behördenbegleitung und rechtliche Beratung.

Anerkennung und Akzeptanz

Schließlich brauchen die Initiativen Anerkennung und Akzeptanz in ihrem Umfeld. Diese Wertschätzung wird dadurch zum Ausdruck gebracht, dass Politiker und Politikerinnen, insbesondere in Wahlkampfzeiten, ein Verständnis nicht nur entwickeln, sondern auch kommunizieren, dass gelungene Integration stets ein zweiseitiger Prozess ist – also sowohl Zugewanderte als auch Eingesessene dabei Anpassung, Veränderung und Wandel erfahren. (Sieglinde Rosenberger, 26.7.2015)

Sieglinde Rosenberger ist Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Wien.

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