Wie die Boa ihre Opfer wirklich tötet

24. Juli 2015, 18:01
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Ein Experiment zeigt, dass der Tod nicht durch Ersticken eintritt – und ein Fossilfund verweist auf die Ursprünge dieser Praxis

Washington/Wien – Sie gehören mit zu den erfolgreichsten Reptilien des Planeten – und zu den anpassungsfähigsten: Die rund 3.500 heute lebenden Schlangenarten kommen in so gut wie allen Lebensräumen außer den polaren Kältezonen vor, im Wasser ebenso wie zu Lande. Wann und wo aber haben die Tiere ohne Gliedmaßen ebendiese verloren und zu schlängeln begonnen? Und wer waren ihre – buchstäblichen – Vorgänger?

Bisher ging man davon aus, dass die ersten Tiere mit deutlich rückgebildeten Gliedmaßen vor rund 150 Millionen Jahren auftauchten, und zwar als Nachfahren waranartiger Echsen, die womöglich aus dem Meer kamen. Denn zu diesen Nachfahren zählten nicht nur landlebende Tiere, sondern auch "Meeressaurier". Fossilien, die diese Hypothese einer marinen Herkunft der Schlangen belegen würden, sind aber äußerst rar.

Missing Link mit vier Füßen

Ein Fossilfund aus dem Nordosten Brasiliens wirft diese Theorie nun über den Haufen: Wie Forscher um David Martill (Universität Portsmouth) im Fachblatt "Science" berichten, haben sie in einer geschichteten Kalksteinformation aus der frühen Kreidezeit erstmals eine Urschlange mit vier Beinen entdeckt. Das 100 bis 149 Millionen Jahre alte Fossil ist vor allem deshalb eine Sensation, weil es das erste eines schlangenartigen Tiers ist, bei dem nicht nur die hinteren, sondern auch noch die vorderen Extremitäten vorhanden sind.

Zudem fehlen dieser Urschlange typische Anpassungen ans Wasserleben. Stattdessen zeigt sie alle Merkmale von grabenden Schlangen und Echsen – für die Forscher eindeutige Belege, dass sich Schlangen eher aus grabenden Vorfahren entwickelten. Aus der Form der Füße, die weniger zum Laufen als zum Zupacken geeignet sind, schlossen die Paläontologen auf die namensgebende Tötungsmethode der Urschlange: Tetrapodophis amplectus bedeutet nichts anderes als "Schlange, die mit vier Füßen umklammert".

"Erdrückende" neue Beweise

Heutige Würgeschlangen der Art Boa constrictor haben diese Umarmungen ganz ohne alle Extremitäten perfektioniert und zu einer gefürchteten Tötungsmethode gemacht: Sie erdrücken ihre Opfer, die letztlich ersticken – glaubte man zumindest bis dato. Doch auch diese Hypothese dürfte im Orkus der Wissenschaft landen. Scott Boback (Dickinson College in Carlisle), der seit langem über Würgeschlangen forscht, hat mit Kollegen elf Ratten an Boas verfüttert und genau analysiert, was dabei mit den Ratten geschah.

Wie die Forscher im "Journal of Experimental Biology" schreiben, wurden die Opfer so stark zusammengepresst, dass bereits sechs Sekunden nach dem Beginn des Würgegriffs der Blutdruck in der Oberschenkelarterie der Ratten um die Hälfte absank. Auch die Herzfrequenz sank, der Puls wurde unregelmäßig, Sauerstoffmangel beeinträchtigte die Organe. Schließlich folgte der Tod, der deutlich schneller kam als durch Ersticken der Beute.

Der neuen Erkenntnis über das Töten der Ratten entspricht auch eine Studie von Scott Boback aus dem Jahr 2012. Damals hatte er herausgefunden, dass die Boas den Herzschlag der Ratten genau fühlen können und mit dem Würgen aufhören, sobald das Herz zu pumpen aufhört. (Klaus Taschwer, 25.7.2015)

  • Tödliche Umarmungen vor rund 100 Millionen Jahren (unten) und heute: Die Urschlange Tetrapodophis aplectus fixierte ihre Beute noch mit ihren Stummelbeinen. Die Boa constrictor hat die erdrückende Tötungsmethode perfektioniert und stoppt den Blutfluss des Opfers.
    foto: dr scott boback

    Tödliche Umarmungen vor rund 100 Millionen Jahren (unten) und heute: Die Urschlange Tetrapodophis aplectus fixierte ihre Beute noch mit ihren Stummelbeinen. Die Boa constrictor hat die erdrückende Tötungsmethode perfektioniert und stoppt den Blutfluss des Opfers.

  • Artikelbild
    illustration: julius t. cstonyi
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