Chile: Militärs verbrannten Jugendliche, Anklage nach 29 Jahren

25. Juli 2015, 15:00
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Aussage eines Ex-Soldaten belastet Offizier – Pinochet behauptete, Opfer hätten Brandbombe transportiert

Nach 29 Jahren hat die chilenische Justiz Anklage gegen sieben Offiziere erhoben und Haftbefehle erlassen. Der ehemalige Soldat Fernando Guzman erhob in einer Zeugenaussage schwere Vorwürfe gegen die Männer, die am Donnerstag festgenommen wurden.

Oberst Julio Castañer, der bisher als Berater des Stabschefs einer Armeedivision in der Provinz Tierra del Fuego diente, befahl laut Zeugenaussage am 2. Juli 1986 seinen Untergebenen, Rodrigo Rojas de Negri und Carmen Gloria Quintana bei lebendigem Leib zu verbrennen.

Die beiden 19-Jährigen waren in der Nähe einer brennenden Barrikade in der Hauptstadt Santiago festgenommen worden. Laut der damals von den chilenischen Behörden verbreiteten Version der Ereignisse hatten sie eine selbstgebaute Brandbombe bei sich, die durch unglückliche Umstände Feuer fing, wodurch sie schwere Verbrennungen erlitten hätten.

Soldat beschuldigt Offizier

In einer am Mittwoch im chilenischen Fernsehen ausgestrahlten Sendung wiederholte Ex-Soldat Guzman seine Aussage. Er bedauerte, erst jetzt den Mut gefunden zu haben, der offiziellen Version zu widersprechen und nannte den Namen Oberst Castañers. Dieser habe angeordnet, die beiden mit Benzin zu übergießen und sie schließlich mit einem Feuerzeug angezündet.

Ein Soldat habe sich unter Berufung auf seinen katholischen Glauben geweigert, die Schwerverletzten zu erschießen, worauf man sie auf einem Feld in der Nähe des Flughafens von Santiago aussetzte. Rojas erlag wenig später seinen Verletzungen, Quintana, deren Haut zu 62 Prozent verbrannt war, musste mehrmals operiert werden.

Schweigegebot

Wenig später wurden die 17 beteiligten Soldaten zu General Santiago Sinclair, dem damals zweitmächtigsten Mann im chilenischen Militär, gerufen. Dieser erklärte ihnen, dass sie sich keine Sorgen um ihre Sicherheit und die ihrer Familien zu machen brauchten, solange sie nicht über die Ereignisse sprächen.

Den Soldaten wurde anhand eines Modells des Tatortes erklärt, wie sie auszusagen hätten. So wurden sie angewiesen, bei einer Gegenüberstellung mit der Überlebenden diese durch scharfe Blicke einzuschüchtern.

Richter Mario Carroza gab am Freitag bekannt, dass gegen sechs Militärs Anklage wegen Mordes und gegen den siebten wegen Beihilfe erhoben wird. Carmen Gloria Quintana zeigte in einer ersten Stellungnahme Verständnis für die einfachen Soldaten, die an den Übergriffen beteiligt waren. Diese hätten nur Befehle ausgeführt und sollten deshalb ihrer Ansicht nach ebenfalls als Opfer der Militärdiktatur betrachtet werden. (bed, 24.7.2015)

  • Carmen Gloria Quintana auf einem Archivild aus dem Jahr 2013. Sie arbeitet seit 2010 als wissenschaftliche Beraterin an der chilenischen Botschaft im kanadischen Ottawa
    foto: ap/santiago llanquin

    Carmen Gloria Quintana auf einem Archivild aus dem Jahr 2013. Sie arbeitet seit 2010 als wissenschaftliche Beraterin an der chilenischen Botschaft im kanadischen Ottawa

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