René Benko: Goldjunge mit Pokerface

Porträt26. Juli 2015, 08:00
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René Benko sammelt schillernde Investoren um sich. Ihr Geld lässt das Immobilienreich des Tirolers rasant wachsen

Er ist ein Glücksritter und Blender, sagen seine Kritiker. Einer, mit undurchsichtigem Firmengeflecht und ominösen Geldquellen – und auf Sand gebauten Geschäften. Nur wenige haben in jungen Jahren so viel bewegt, loben seine Bewunderer und wischen Vergleiche mit einem Kartenhaus beiseite: Er denke in großen Maßstäben, sei ein Visionär, mit wirtschaftlichen und politischen Netzwerken, die ihresgleichen suchten.

René Benko selbst lässt das eine wie andere unbeantwortet. Dass die Gerüchteküche brodelt, wenn ein junger Innsbrucker aus normalen Familienverhältnissen aus dem Nichts heraus groß ins europäische Immobiliengeschäft ein- steigt, hat ihn nie überrascht. Kritiker tut er als Neider ab. Und ge- gen unliebsame Medienberichte gehen seine Leute schnell einmal gerichtlich vor. Sucht er von sich aus Publizität, werden sämtliche Informationen gezielt gestreut.

Das Immobilienreich des Tiroler Investors wurzelt in Innsbruck und Wien, berührt die Ufer des Gardasees, reicht tief in deutsche Innenstädte und Bankenviertel, tastet sich an einzelne osteuropäische Metropolen heran, um sich in Luxemburg und Belgien zu verlaufen. Seine Signa Real Estate beziffert den Gesamtwert der Projekte mit sechs Milliarden Euro. Neue im Wert von 3,5 Milliarden Euro seien in der Pipeline, eine Milliarde soll dabei für Wien abfallen.

Aura der Verschwiegenheit

Nachprüfen lässt sich das nicht. Selbst Finanzexperten, die versuchen, nähere Einblicke in die verschachtelten Strukturen des Firmenimperiums rund um die Signa zu bekommen, beißen sich die Zähne aus. Die Komplexität nährt Spekulationen, dass innerhalb der Gruppe Immobilien zu fragwürdigen Zwecken hin- und hergeschoben würden, wie etwa die deutsche Wirtschaftswoche berichtete.

Die Signa weist dies scharf zurück – der Vorwurf der Intransparenz prallt an ihr ab. Sie sei "sehr professionell geführt und transparent gegenüber Aktionären und Banken", sagt Signa-Chef Christoph Stadlhuber. "Abgesehen davon sind wir ein nicht börsennotiertes Privatunternehmen und haben keine weitere Veröffentlichungspflicht." Benko pflegt im Bekanntenkreis Vergleiche mit alten vermögenden Unternehmerfamilien zu ziehen – wie den Rauchs oder den Würths, die eine Aura der Verschwiegenheit umgibt.

Auch Benko geizt mit öffentlichen Auftritten. Auf dem Societyparkett tanzt er selten. Sein Privatleben – er ist mit einem Ex-Model verheiratet und Vater von vier Kindern – schützt er vor Seitenblicken. Und in der Signa hält er sich operativ im Hintergrund und aus dem Schussfeld. Seit er wegen versuchter verbotener Intervention rund um ein manipuliertes italienisches Steuerverfahren verurteilt wurde, agiert er von der Spitze des Beirats aus. Das Landesgericht Wien sah in der Causa einen "Musterfall für Korruption". Das Urteil schadete Benkos Image auch in Deutschland. Ihn selbst habe es persönlich hart getroffen.

Niederlage in Deutschland

Womit Benko jüngst für Schlagzeilen sorgte: Niki Lauda, Ex-Rennfahrer und Airline-Gründer, stieg in den illustren Kreis seiner Geldgeber ein. In Deutschland erlebte er beim Versuch, die Warenhauskette Galeria Kaufhof zu erwerben, um sie mit den Warenhäusern der Karstadt-Gruppe zusammenzuführen, eine Schlappe. Und in Wien ermittelte die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft rund um den Erwerb eines schicken Chalets in Oberlech am Arlberg durch die Signa Holding.

Ein aktuelles Foto zeigt den 38-Jährigen mit Bank-Austria-Chef Willibald Cernko auf einer Baustelle in Wien, wo die Signa das neue Headquarter des Geldinstituts baut: mit forschem Blick, lässigem Dreitagebart und offenem Hemdkragen. Benko drückt dort einem ganzen Stadtteil den Stempel auf. Wie er auch die Wiener Innenstadt mit dem Goldenen Quartier prägt. Derzeit glitzern dort nur die Fassaden internationaler Luxusmarken: Die Geschäfte laufen mau, der Ansturm reicher Russen blieb aus. Langfristig sei das Projekt mitsamt Hotel und Dachgeschoßwohnungen aber goldrichtig, eine städtebauliche Leistung überdies, glaubt Stephan Mayer-Heinisch, Präsident des Handelsverbands. "Der Mann hat, verzeihen Sie den Ausdruck, Eier", kommentiert ein Konkurrent trocken, "ich hätte mich das nie getraut."

Neues Wiener Luxuskaufhaus

Nun sondiert Benko den Wiener Markt für ein neues Luxuswarenhaus. Österreich habe im Premiumbereich Nachholbedarf, sagt Stadlhuber. Mögliche Standorte gäbe es genug – es müsse ja nicht per se in der Fußgängerzone sein.

Der Aufstieg des Tirolers zum Multimillionär und Immobilienmagnaten wurde oft erzählt. Aufgewachsen in Innsbruck als Sohn einer Kindergärtnerin und eines Beamten, schmeißt er mit 17 die Schule und widmet sich Dachböden, die er renoviert, ausbaut und verkauft. Das Gleiche gelingt bei einem Hotel. In der Stadtzeitung Falter erinnern sich Schulkollegen in diesen Zeiten an seinen geleasten Ferrari und Goldkettchen.

Benko geht nach Wien, lernt den Tankstellenerben Karl Kovarik kennen. Der vertraut ihm Millionen für Immobilien an. Zweiter großer Kapitalgeber wird der griechische Reeder George Economou. Heute investiert Strabag-Gründer Hans Peter Haselsteiner ebenso in seine Geschäfte wie Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedekind. Mit von der Partie sind auch Berater Roland Berger, Tierfutter-Tycoon Torsten Toeller, Lindt-Chef Ernst Tanner, Novomatic-CEO Johann Graf und die Falcon Private Bank mit Sitz in Zürich und Eigentümern aus Abu Dhabi.

Gerüchte, dass die Familie Swarovski investiert ist, sind laut Signa falsch, wie auch ein etwaiges Mitwirken russischer Oligarchen. Im Beirat trifft sich Prominenz aus Politik und Wirtschaft: Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, Casinos-Chef Karl Stoss, Ex-Bank-Austria-CEO Karl Samstag und – als einzige Frau – die frühere Vizekanzlerin Susanne Riess.

Umringt von Prominenz

Benko sei ein Blitzgneißer und Kommunikationstalent – der Tod eines jeden Beraters, sagen Wegbegleiter. Er arbeite hart, habe ein Gespür für Talente und schare gezielt Prominente um sich. "Er würde sich nicht scheuen, auch die Königin von England anzurufen."

Sie beschreiben ihn als höflich und spitzbübisch charmant. "Man fühlt sich wohl in seiner Umgebung." Er kocht die Leute ein, sagen andere. Viele beeindrucke es, im Privatflugzeug zu seinem Domizil am Gardasee geflogen zu werden, Party auf einer 60 Meter langen Yacht zu feiern und sich als Teil einer auserwählten Elite zu fühlen. Der Privatjet zählt in der Signa als Dienstfahrzeug. Die Yacht hat Benko verkauft und eine neue erworben – sie soll dem Familienurlaub dienen. Den Ferrari stellt er heute in seinem Umfeld als lässliche Jugendsünde dar.

An Inszenierung fehlt es dennoch nicht. Benkos Geschäftspartnern wird in der Signa-Zentrale in einem Palais an der Wiener Freyung der rote Teppich ausgerollt. Im Foyer weiße Modelle seiner Städtebauprojekte. Hoch über den Treppen das Firmenlogo in sakraler Beleuchtung. Dunkle Holztäfelung kokettiert mit riesigen Kristallleuchtern in güldenen Prunkräumen. Besucher empfängt mehr ehrfurchtsvolle Stille denn hektische Betriebsamkeit. Auch Benko selbst gibt sich "ausgeglichen und tiefenentspannt", erzählen Gäste.

Prunk und Glitzer

Das Muster hinter seinen Geschäften klingt simpel: In besten Lagen werden Gebäude, an denen der Zahn der Zeit nagt, in Schuss gebracht und mit Gewinn verwertet. Benko kauft zu oder baut neu. Spektakulär muss es sein und glitzern. In Innsbruck ließ er das abgesandelte Kaufhaus Tyrol wiederauferstehen und engagierte dafür Stararchitekt David Chipperfield. In Wien baute er die frühere Länderbankzentrale am Hof zum Luxushotel um.

Auch Häuser wie Meinl am Graben, das Haus an der Wien (hier ist auch DER STANDARD eingemietet), Otto Wagners Postsparkasse und das Bank Austria Kunstforum reihen sich in sein Portfolio. Waren für die frühere Bawag-Zentrale zuvor vier Millionen Euro an Miete zu berappen, sind es mittlerweile 16.

Auch der Gedeih zahlreicher deutscher Innenstädte hängt an Benkos Geschicken. Die Signa erwarb vor einem Jahr die marode Kaufhauskette Karstadt mit gut 80 Standorten und 17.000 Mitarbeitern. Der Versuch, mit Kaufhof einen Warenhausriesen zu bilden, misslang: Ein Rivale machte das Rennen um die Metro-Tochter.

Metro sei die Dokumentation der Finanzierung der Signa zu unklar gewesen und der Anteil des Eigenkapitals zu gering, berichteten deutsche Medien. Die Finanzierung war gesichert, ließ die Signa wissen, aufseiten des Eigenkapitals wie des Fremdkapitals.

Bei Karstadt tickt die Uhr

Für den deutschen Handelsexperten Gert Hessert von der Uni Leipzig hat Benko damit entscheidende strategische Chancen vertan. Benko hätte sich mit Kaufhof Know-how im Handel sichern, die Zentralen fusionieren und Optionen für einen Exit haben können, sagt er. "Nun tickt bei Karstadt die Uhr." Signa könne nicht auf Dauer Verluste des Konzerns tragen. Nur einige Häuser zu schließen bringe es nicht. "Es gehören die Umsatzrückgänge eingedämmt."

Hessert zweifelt nicht am ernsthaften Versuch der Sanierung. An aktuellen Geschäftszahlen fehle es aber, keiner wisse, wo Karstadt derzeit stehe. "Es wird Zeit, die Pokerkarten abzulegen und zu zeigen, was man auf dem Blatt hat."

Bei der Einordnung Benkos tue sich die Branche auch in Deutschland schwer, sagt Hessert. "Er hat viel erreicht, aber welches Kapital dahintersteckt und warum er Karstadt wirklich gekauft hat, hat hier keiner so recht verstanden."

"Renovieren statt abbrennen"

Ohne Signa würde es Karstadt nicht mehr geben, zollt Arno Peukes von der Gewerkschaft Verdi Benko Respekt. Klare Signale vermisst jedoch nach wie vor auch er. "Es braucht Investitionen heute, nicht erst in zwei, drei Jahren. Ich kann ein Haus nicht renovieren, indem ich es zuvor abbrenne."

"Wir haben mit dem Handel ein zweites großes Standbein aufgebaut", sagt Signa-Retail-Chef und Karstadt-CEO Stephan Fanderl. Man kaufe einen Konzern mit drei Milliarden Umsatz nur, wenn man dieses Geschäft entwickeln wolle, nicht, wenn man sich nur für Immobilien interessiere. "Wir schließen nicht aus, auch in andere Handelsformate zu investieren."

In Bozen heißt es für Benko vorerst dennoch zurück zum Start: Ein großes Kaufhausprojekt scheiterte Ende dieser Woche am Gemeinderat. (Verena Kainrath, 26.7.2015)

  • René Benko, 38, polarisiert. Er selbst  malt von sich das Bild eines Tiroler Aufsteigers, der Unmögliches ermöglicht. Kritiker tut er als Neider ab.
    apa / herbert pfarrhofer

    René Benko, 38, polarisiert. Er selbst malt von sich das Bild eines Tiroler Aufsteigers, der Unmögliches ermöglicht. Kritiker tut er als Neider ab.

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