Ein Zauberer, wie er im Schlagobers steht

24. Juli 2015, 17:11
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Oleg Soulimenko zeigt "Meet the Shaman" bei Impulstanz im Weltmuseum

Wien – Darüber, was Tänzerinnen und Tänzer eigentlich sind, scheiden sich die Geister. Sie seien richtige Hochleistungssportler, heißt es. Manche meinen: Körperphilosophen. Andere sehen das Tanzen in der Nähe von Wissenschaftlichkeit oder Gesellschaftsreflexion. Und es gibt welche, die raunen: "Tänzer sind Schamanen." Einem solchen Ansatz hat der Wiener Choreograf Oleg Soulimenko sein jüngstes Stück Meet the Shaman gewidmet. Bis 26. Juli wird es jetzt bei Impulstanz im Wiener Weltmuseum gezeigt.

Zur Vorbereitung dieser Arbeit ist Soulimenko zusammen mit der Künstlerin Anna Jermolaewa nach Burjatien in Sibirien gereist. Dort haben die beiden einheimische Schamanen getroffen, waren Zeugen bei deren Ritualen und haben Interviews mit diesen Geisterflüsterern und Heilern geführt. Solcherlei Medizinfrauen beziehungsweise -männer und Zauberer sind Teil der globalen Kulturalität. Sie gelten auch als Bewahrer dessen, was allgemein unter "Spiritualität" verstanden wird.

Was Oleg Soulimenko hier interessiert, ist die Beziehung zwischen Performance und Ritualität. Das ist ein in der Kunst seit mehr als fünfzig Jahren intensiv bearbeitetes Diskursfeld, dem immer wieder spezielle Aspekte abzugewinnen sind. Meet the Shaman bildet den Auftakt eines umfangreichen Kooperationsprojekts von Impulstanz und Weltmuseum, und es stellt sich die Frage, ob diese Arbeit nicht auch gut ins Mumok gepasst hätte. Denn dort intervenieren, ebenfalls im Rahmen von Impulstanz, gerade zeitgenössische Performanceschaffende in der Ausstellung Mein Körper ist das Ereignis. In dieser Schau gehört das Ritual – etwa bei Joseph Beuys, Ana Mendieta oder den Aktionisten – zu den zentralen Themen.

Doch Meet the Shaman ist so etwas wie ein ethnologisches Versuchsfeld ohne direkte Referenzbildungen zu Ritual-Reflexionen der jüngeren Kunstgeschichte. Also stellt das Weltmuseum tatsächlich den geeigneteren Kontext für die Präsentation dieser Arbeit her. Dorthin baut Soulimenko eine Struktur aus Elementen schamanischer Praktiken, die deren Darstellungsqualitäten vermittelt. Jermolaewas Videos überführen diese Soloperformance, die ursprünglich ein Duett war, in ein dokumentarisches Format.

Milch, Wasser und Erdäpfel

Zur Musik von Dieb13 malt Soulimenko mit einer gekochten Roten Rübe Zeichen auf den Boden, reibt sich mit ihr das Gesicht ein, schneidet eine Maske aus dem Karton-Bodenbelag. Er arbeitet mit Erde, Worten, Milch und Wasser, stellt sich in einen Hagel aus Erdäpfeln, formt einen Kreis aus den Knollen, färbt einen Stock aus Holz, sägt ihn entzwei, schlüpft in einen Müllsack, räuchert ein wenig, stellt sich mit beiden Füßen in ein Hügelchen aus Schlagobers. Daraus wird weder die Imitation eines schamanischen Rituals für Esoterikfreunde noch eine Karikatur von traditionellem Hokuspokus, sondern eine Annäherung an den kulturellen Raum zwischen alten Bräuchen und neuem Materialismus.

Neben dem Stück ist auch noch eine kleine Ausstellung mit Videos und Objekten zu sehen, die das Dokumentarische an Meet the Shaman noch unterstreicht. Aus Soulimenko wurde in Burjatien kein Schamane. Daher ist ihm diese Performance auch gelungen. (Helmut Ploebst, 24.7.2015)

  • Der aus Moskau stammende Wiener Choreograf Oleg Soulimenko lädt in Jeans, mit Stock und rübenroter Maske ein: "Meet the Shaman".
    foto: andreas j. hirsch

    Der aus Moskau stammende Wiener Choreograf Oleg Soulimenko lädt in Jeans, mit Stock und rübenroter Maske ein: "Meet the Shaman".

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