Menschenfeindlichkeit bedroht die Meinungsfreiheit

28. Juli 2015, 10:30
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Was Menschenfeindlichkeit ist, warum wir ihr online gehäuft begegnen, wie sie sich auswirkt und welche Antworten erforderlich sind

Menschenfeindlichkeit begegnet uns online – praktisch in allen sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter, aber auch in Foren von Onlinezeitungen, aktuell besonders häufig beim Thema Flucht und Asyl. Manchmal versteckt, manchmal offen. Beispielsweise beim STANDARD-Artikel "Sportgewand für Flüchtlinge", zu dem ein User meint:

Obdachlose freuen sich übrigens auch über Kleidung

Ein anderer User entlarvt die Bedeutung dieses kurzen Satzes treffend:

sie spielen hier, völlig unnötig und damit tendenziös, zwei bedürftige gruppen gegeneinander aus.

Das hier wiedergegebene Beispiel von Menschenfeindlichkeit ist eines der harmloseren, deutlich ausgeprägtere und teilweise strafrechtlich relevante Äußerungen dokumentiert die Website Eau de Strache.

Was Menschenfeindlichkeit ist

Menschenfeindlichkeit erkennt man daran, dass Menschen gegeneinander ausgespielt werden, dass Menschen aufgrund einer Gruppenzugehörigkeit pauschal verächtliche Eigenschaften zugeschrieben oder Rechte abgesprochen werden.

In der Soziologie wird von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gesprochen, wenn "die Gleichwertigkeit und Unversehrtheit von spezifischen Gruppen dieser Gesellschaft infrage gestellt" wird.

Warum wir Menschenfeindlichkeit online begegnen

Dass menschenfeindliche Äußerungen so wie auch andere Entgleisungen in der zwischenmenschlichen Kommunikation online häufiger anzutreffen sind als in der Offlinewelt, hat nicht mit dem Medium Internet an sich zu tun, aber sehr wohl mit psychologischen Effekten, die sich dort einstellen.

Der Enthemmungseffekt in der Onlinewelt wird aufgrund von sechs Eigenschaften der Onlinekommunikation wirksam: Anonymität, Gefühl der Unsichtbarkeit, Asynchronität der Kommunikation, Gefühl der Distanzlosigkeit zu anderen Usern, Vermischung von Realem mit Fiktion und Fehlen von Autorität.

Diese Faktoren haben zur Folge, dass online anders kommuniziert wird als offline. Das kann Vorteile haben, zum Beispiel ist es online einfacher, über Themen wie Ehrlichkeit bei der Zeiterfassung zu sprechen. Andererseits werden auch soziale Normen im Umgang mit Mitmenschen außer Kraft gesetzt.

Wie sich Menschenfeindlichkeit auswirkt

Sobald einmal die Hemmungen hinsichtlich der Abwertung von bestimmten Menschen bei einer oder wenigen Personen gefallen sind, nehmen Onlinediskussionen oft eine verhängnisvolle Dynamik an: Die einen ergreifen die Flucht, weil sie in einem solchen Klima nicht diskutieren wollen, und die anderen – die Enthemmten – haben den Kommunikationsraum für sich erobert und bestärken sich in ihrer Menschenfeindlichkeit gegenseitig.

Was dann geäußert wird, schadet der Meinungsfreiheit und ist keine repräsentative Meinung, wie oft von den "Menschenfeinden" behauptet wird. Die Folge solcher Äußerungen ist die Vertreibung anderer User und führt deshalb zu einer Einschränkung der Meinungsfreiheit. Andere melden sich nicht mehr zu Wort, es entsteht ein bis zur Fratze verzerrtes Bild der öffentlichen Meinung.

Welche Antworten erforderlich sind

"Profil"-Journalistin Ingrid Brodnig hat sich intensiv mit dem Thema Aggression im Netz auseinandergesetzt und kommt zu dem Schluss, dass Onlinemedien Haltung zeigen sollen, indem sie "sich aktiv für einen respektvollen Umgang einsetzen und [...] jene User beschützen, die derzeit von den Schreihälsen niedergemacht werden".

Beim STANDARD gibt es eine aufwendige Moderation der Foren, und es werden Werkzeuge wie Top-Postings und gepinnte Postings entwickelt, mit denen versucht wird, den Online-Enthemmungseffekt zu minimieren. Menschenfeindliche Poster werden außerdem für unsere Foren gesperrt, in den vergangenen zwei Monaten mussten wir allein aus diesem Grund mehr als 200 Usern das Recht zu posten entziehen.

Wie Sie sich einbringen können

Außerdem ist es uns ein großes Anliegen, dass Sie – die bei weitem überwiegende Anzahl der nicht menschenfeindlichen User – nicht die Foren verlassen (müssen). Daher abschließend ein paar Möglichkeiten, wie Sie sich einbringen können, vor allem, wenn Sie bemerken, dass die verhängnisvolle Dynamik der Enthemmung einsetzt:

  • Melden Sie bitte uns unseren Community-Richtlinien widersprechende Postings.
  • Überlassen Sie den Menschenfeinden nicht das Feld: Äußern Sie – möglichst sachlich – Ihre Position, das ermuntert auch andere User, nicht die Flucht zu ergreifen.
  • Nutzen Sie auch andere Möglichkeiten der Beteiligung: Wir freuen uns über Userkommentare und Userartikel.

Menschenfeindlichkeit in sozialen Netzwerken und Onlineforen sollte nicht hingenommen werden, da sie ein Klima der Angst, des Hasses und des Neids schürt und damit den Zusammenhalt der Gesellschaft bedroht. (Chris Burger, 28.7.2015)

  • Vor 15 Jahren thematisierte Christoph Schlingensief das Thema Fremdenfeindlichkeit mit der Containeraktion "Ausländer raus!".
    foto: robert newald

    Vor 15 Jahren thematisierte Christoph Schlingensief das Thema Fremdenfeindlichkeit mit der Containeraktion "Ausländer raus!".

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