Mirna Funk: "Jüdischer Witz ist selbstironisch"

26. Juli 2015, 09:00
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In Ostberlin geboren, lebt die Autorin heute in Berlin und Tel Aviv. In ihrem ersten Roman "Winternähe" erzählt sie schlagfertig über das Leben in beiden Städten, Deutschland und Israel, Juden und Nichtjuden

STANDARD: Sie haben einen Roman über eine deutsch-israelische Frau geschrieben, die in Ihrem Alter ist. Die logische Einstiegsfrage lautet: Ist er autobiografisch?

Mirna Funk: Die Frage kann ich klar beantworten: Ich bin nicht Lola. Es gibt keine Hannah, keinen Gershom, und es gibt Simon, das ist Lolas Vater im Buch, nur in gewisser Hinsicht. Ich habe den letzten Sommer in Tel Aviv verbracht, aber ohne einen Shlomo.

STANDARD: Könnte man sagen, die Figuren sind erfunden, aber die Erfahrungen sind authentisch?

Funk: Das trifft es gut. Ich hatte nicht vor, einen Roman zu schreiben. Das habe ich vor vier Jahren schon gemacht, 280 Seiten sind es geworden, und die fand ich nicht besonders gut. Okay, habe ich mir gesagt, das hast du jetzt probiert, das bleibt in der Schublade. Der Versuch diente als Schreibwerkstatt, er hat mir beigebracht zu strukturieren und mir ein bisschen die Angst genommen. Denn Angst hat man beim Schreiben die ganze Zeit.

STANDARD: Auch bei journalistischen Texten?

Funk: Nein, da nie. Als ich letztes Jahr im März allein für sechs Wochen nach Thailand flog, habe ich am vierten Tag mit einer Kurzgeschichte angefangen. Ich bemerkte, dass da ein Roman war, der erzählt werden will. Also habe ich noch in Thailand 50 Seiten geschrieben, und nach der Rückkehr einfach weitergemacht. Das ist die Phase der Disziplin. Das bedeutet: Jeden Morgen aufstehen und schreiben, ob man will oder nicht.

STANDARD: Lola ist Jüdin, allerdings nicht durch Abstammung von der Mutter. Wie Sie selbst auch.

Funk: Mein Vater ist Jude, meine Mutter nicht. Ich wollte eine Figur konzipieren, die in vielen Punkten auf Dilemmata trifft. Eines davon ist meines. Mir war es wichtig, darüber zu schreiben. Eine halbe Million sogenannte Vaterjuden allein in Israel. Michael Douglas hat vor wenigen Wochen den "Genesis-Preis", also den jüdischen Nobelpreis erhalten. Er ist auch Vaterjude und sagte in einem Interview, dass er sich immer als Jude gefühlt hat, ohne in der Gemeinde akzeptiert zu sein, sich aber durch den Preis endlich auch anerkannt fühlt.

STANDARD: Sie sind Jüdin. Was heißt das? Glauben Sie an Gott?

Funk: (emphatisch) Nein. Ich komme aus dem Osten. Für mich bedeutet Judentum Tradition, Kultur und Geschichte.

STANDARD: Im Buch schreiben Sie über Lolas Vater Simon, seine "Religion" wäre der Holocaust.

Funk: Er glaubt obsessiv, dass der Holocaust jederzeit wieder passieren kann. Für mich ist der Holocaust kein Glaubensartikel, aber er hat die ganze jüdische Welt grundlegend verändert, und nicht nur die.

STANDARD: Er hat auch unseren Begriff von Geschichte verändert, wie Sie durch ein Motto von Walter Benjamin in Ihrem Buch andeuten. Wie halten Sie es mit Eretz Israel, also der Vorstellung eines jüdischen Landes?

Funk: Die Existenz Israels ist wichtig, um den Juden in der Welt Sicherheit zu geben. Man kann in der Diaspora leben, wenn man weiß, dass es einen Ort gibt, an den man jederzeit kehren kann, wenn es bedrohlich wird. Ich glaube, es ist wichtig, dass es den Staat gibt, aber auch wichtig, dass es Juden gibt, die nicht dort leben.

STANDARD: Von Berlin, wo wir gerade sprechen, sagt man neuerdings gern, es wäre eine Außenstelle von Tel Aviv geworden.

Funk: Israelis sind schon immer gereist, sie haben sich immer Städte gesucht: New York in den 80ern, Amsterdam in den 90ern. Junge Israelis reisen nach der Armeezeit, nicht nur nach Südamerika oder nach Thailand. Die meisten gehen auch wieder zurück. Man muss vorsichtig sein, die Israelis, die nach Berlin kommen, nicht zu instrumentalisieren.

STANDARD: Wofür?

Funk: Deutsche Medien tun oft so, als würden viele das schreckliche Israel verlassen, um in das schöne Deutschland zu kommen. Das ist viel zu einseitig. Berlin ist eine internationale Stadt. Israelis können durch ein spezielles Visum ein Jahr in Deutschland leben. Das Zweite ist, dass viele Israelis deutsche Pässe haben, sie können jederzeit hier leben. Die Sache hat mehr praktische als ideologische Aspekte.

STANDARD: Sie leben inzwischen hauptsächlich in Israel. Wie fühlt sich das Land an?

Funk: Immer anders. Die Regierung ist ein Riesenproblem. Es ist eine große Tragik, dass das Livni-Lager die letzten Wahlen nicht gewonnen hat. Die vielen Widersprüche des Landes unter einen Hut zu bringen ist eine Herausforderung, die im Moment nicht gemeistert wird.

STANDARD: Wird Israel fundamentalistischer, wie man auch liest?

Funk: Ich glaube, das ist ein Missverständnis. Man darf nicht vergessen, dass die Hochrechnungen vor der Wahl zeigten, dass die Zionistische Union gewonnen hätte. Daraufhin sind fast alle Bennett-Wähler abgesprungen zu Bibi, um die Linken zu verhindern. Leute, die nie in Israel waren, wissen oft nicht, dass es eine Koexistenz gibt. Wir leben mit den Palästinensern. Die politische Dimension aber betrifft die ganze Region, das hat mit dem Alltag nicht so viel zu tun. Dass das Westjordanland immer noch besetzt ist, hat mit den Umbrüchen in der arabischen Welt zu tun, die sehr gefährlich sind. Jihadistische Gruppierungen führen Machtkämpfe mit der Hamas in Gaza und feuern Raketen auf Israel ab. Ägypten hat riesige Schwierigkeiten mit terroristischen Organisationen wie IS oder Al-Kaida. Deshalb ist auch die Grenze zu Gaza zu. Israel liegt in einer völlig instabilen Zone. Es muss irgendwie möglich sein, den Palästinensern ein wertiges Leben zu ermöglichen, aber die aktuellen Umbrüche machen dieses Vorhaben äußerst schwierig.

STANDARD: Warum haben hier so viele Leute ein Bedürfnis, zu dieser Situation eine Meinung zu haben?

Funk: Ich glaube, dass für die Deutschen der Holocaust und die ganze Zeit des Zweiten Weltkriegs vollkommen unbearbeitet sind – emotional und intellektuell.

STANDARD: Trotz der ganzen Arbeit der Vergangenheitsbewältigung?

Funk: Ja. Filme von Leichenbergen in der Schule zu zeigen, da setzt eine Blockade ein. Darunter arbeitet etwas. Eine Meinung zu Israel ist Ausdruck für diese große unbeantwortete Frage. Es wäre gesund, wenn man es zulässt, dass sie nicht vollständig beantwortet werden kann.

STANDARD: Am Beispiel von Lola sieht man, dass diese Fragen auch die intimsten Bereiche betreffen. Sie beschreiben ihre Sexualität als bestimmt von Stalag-Motiven, das ist eine Art BDSM mit KZ-Schergen.

Funk: Lola ist dritte Generation, aber gleichzeitig auch zweite, weil sie bei den Großeltern aufwächst, die durch den Holocaust traumatisiert sind. Diese Symptomatik wurde vielfältig erforscht, die erste Generation fühlt eine große Schuld, die Schuld, im Gegensatz zu den anderen überlebt zu haben. Die Weitergabe dieser Schuld kann sich unter anderem in der Sexualität in Form von BDSM widerspiegeln. Das muss es aber nicht. Ich habe mich für diese Symbolik entschieden.

STANDARD: Es ist ein Roman mit individuellen Figuren, und doch lesen wir ihn in der Versuchung, Beobachtungen zu generalisieren. Wie verhält es sich denn, auch ein Buchthema, mit dem jüdischen Witz? Gibt es ihn?

Funk: Auf jeden Fall. Ich war erst kürzlich bei einem Schabbat-Dinner bei einem Rabbiner, da er-zählt man sich den ganzen Abend Geschichten aus dem Schtetl. Jüdischer Witz ist tiefsinnig und selbstironisch.

STANDARD: Wo finden Sie denn diese Charakteristika heute gut beschrieben?

Funk: Ich fand Max Billers Der gebrauchte Jude außergewöhnlich stark.

STANDARD: Er ist so etwas wie der inoffizielle Sprecher der jungen, urbanen Juden in Deutschland. Sie fühlen sich durch ihn gut vertreten?

Funk: Ja. Er hat eine Rolle, die man positiv und negativ sehen kann, wichtig ist nur, sich selbst nicht zu funktionalisieren. Ich werde wohl auch eine Rolle kriegen.

STANDARD: Mit diesem Interview arbeiten wir gerade an dieser Rolle.

Funk: Ich bin mal gespannt.

STANDARD: Sie werden künftig noch sehr oft staatstragende Fragen beantworten müssen. Fangen wir schon mal an: Wie sieht denn die Lösung in Israel aus? Zweistaatenlösung? Einstaatenlösung? Was ist realistisch?

Funk: Oh, Gott. (zögert) Ich glaube, das ist schon meine Antwort. Denn es ist unmöglich, diese Frage auf weniger als 500 Seiten zu beantworten. (Bert Rebhandl, Album, 26.7.2015)

Mirna Funk, geb. 1981 in Ostberlin, studierte Geschichte und Philosophie an der Humboldt-Uni. Sie lebt in Berlin und Tel Aviv. Ihr erster Roman "Winternähe" erschien gerade im S.-Fischer-Verlag.

  • Die Schriftstellerin Mirna Funk: "Filme von Leichenbergen in der Schule zu zeigen, da setzt eine Blockade ein."
    foto: naama alex levy

    Die Schriftstellerin Mirna Funk: "Filme von Leichenbergen in der Schule zu zeigen, da setzt eine Blockade ein."

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