Ubuntu am Smartphone im Test: Die Revolution muss warten

23. August 2015, 11:05
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Interessante Konzepte treffen auf eine weiterhin mangelhafte Umsetzung

Es war Anfang 2013, da trat Ubuntu-Gründer Mark Shuttleworth mit einem ambitionierten Projekt an die Öffentlichkeit: Mit Ubuntu Phone soll die bekannte Linux-Distribution künftig auch den Smartphone-Markt erobern. Zweieinhalb Jahre später ist davon noch nicht viel zu bemerken. Die – zugegeben reichlich ambitionierten – Zeitpläne mussten immer wieder verschoben werden, eine Crowdfunding-Kampagne brachte zwar viel Aufmerksamkeit, scheiterte schlussendlich aber doch. Der Marktanteil von Ubuntu bei Smartphones ist bislang entsprechend gleich null.

Startschuss

Das könnte – und soll – sich nun aber ändern: Sind doch mittlerweile die ersten Smartphones mit dem Linux-System im Handel erhältlich. So liefert etwa der chinesische Hersteller Meizu mittlerweile eine Version seines MX4, die mit Ubuntu ausgestattet ist. Diese haben wir in den letzten Tagen unter die Lupe genommen, der Fokus lag dabei bewusst auf der Software – die Hardware spielt im Folgenden also nur eine untergeordnete Rolle.

Das Meizu MX4 mit der mobilen Ausgabe von Ubuntu.

Einlernen

Seit unserem letzten Blick auf Ubuntu am Smartphone sind mehr als eineinhalb Jahr vergangenen, die Kernprinzipien sind aber weitgehend unverändert geblieben: Hersteller Canonical setzt ganz auf Gestensteuerung, Navigationsknöpfe wie man sie von anderen Smartphone-Systemen kennt, gibt es hier hier also nicht. Das bedarf logischerweise einer gewissen Einlernzeit, erweist sich aber als durchaus interessanter – und alltagstauglicher – Ansatz.

Konzepte

Die konkrete Umsetzung sieht dabei folgendermaßen aus: Ein Swipe von links blendet eine Icon-Leiste zum Schnellzugriff auf die wichtigsten Apps ein – sehr ähnlich zu dem, was man vom Ubuntu-Desktop auch kennt. Die selbe Geste von rechts wechselt zur zuvor genutzten App, und in Folge auf einen ansehnlich gestalteten Task Switcher. Vom unteren Bildschirmrand ausgehend, werden zusätzliche Funktionen oder Einstellungen aufgerufen. Beim Browser gelangt man auf diesem Weg etwa zur Tab-Übersicht, in der Telefonie-App zur Liste der zuletzt getätigten Anrufe. Und ein Swipe von oben liefert – wie von anderen Systemen gewohnt – den Zugriff auf Benachrichtigungen und zentrale Einstellungen. Einzige Ausnahme von der puren Gestennavigation ist ein Zurückknopf, der links oben im Bedarfsfall bei Apps angezeigt wird.

screenshots: andreas proschofsky / standard
Die Scopes bilden den Kern der Ubuntu-Oberfläche.

Scopes

Auch sonst geht Ubuntu eigene Wege: Statt eines klassischen Homescreens mit App-Gitter oder Widgets gibt es die Scopes. In diesen werden verschiedenste Informationen gesammelt, per Swipe nach links oder rechts kann zwischen verschiedenen Scopes gewechselt werden. Von Haus aus werden dabei welche für Nachrichten, Wetter, Musik, Video und Fotos angezeigt. Zudem gibt es eine Überblicksansicht und eine Nearby-Scope, die unter anderem Restaurants und Sehenswürdigkeiten in der Umgebung darbietet. All diese ist – auf Wunsch – tief verbunden mit Online-Services. Wer will kann also seine Bilder von Flickr und Instagram, Videos von Vimeo und Youtube und Lieder von Soundcloud übernehmen. All das wichtigste aus diesen Quellen wird dann mit lokalen Inhalten kombiniert dargestellt.

Apps

Die Softwareausstattung ist rund um die Kern-Ubuntu-Apps aufgebaut. Es gibt also die gewohnten Anwendungen für Telefonie, SMS und Kontakte. Eine Kamera, Uhr, Musik- sowie Galerie-Apps dürfen natürlich ebensowenig fehlen wie ein Browser. All das ist recht simpel gehalten, die meisten Apps beschränken sich also auf ihre Kernfunktionen – was aber natürlich kein Fehler sein muss. Zu einigen Tools wie Notizblock und Taschenrechner gesellt sich dann noch ein bunter Strauß an Dritt-Apps. Dazu zählen unter anderem Amazon, Facebook, Nokia Here für Kartenaufgaben sowie Twitter. Bei all diesen handelt es sich streng genommen um Web Apps, es wird also einfach die mobile Web-Version genutzt.

screenshots: andreas proschofsky / standard
Lockscreen (links) und Task Switcher sind durchaus hübsch gemacht, der Benachrichtigungsbereich / Ort für Schnelleinstellungen ist rechts im Bild.

Probleme

Während also die Kernideen der Smartphone-Variante von Ubuntu durchaus zu gefallen wissen, lässt die Umsetzung einiges zu wünschen übrig. Das reicht von einer Tastatur, die wesentlich weniger gut erkennt, was die Nutzer tippen wollen, als man es von anderen Systemen gewohnt ist, bis zu augenscheinlichen Performance-Problemen. Trotz der relativ starken Hardwareausstattung des Meizu MX4 ruckelt es beim Scrollen und Swipen ganz gehörig. Dass das Timing des Scrollens noch dazu schlecht abgestimmt ist, hilft auch nicht gerade. Und: Es kommt immer wieder zu kurzen Hängern – quer durch das gesamte System.

Viel Strom

Auch ein weiterer Kritikpunkt an den frühen Versionen des mobilen Ubuntus bleibt: Der Akkuverbrauch ist merklich höher als bei einem vergleichbaren Gerät mit Android. Dies zeigt sich sowohl in der aktiven Nutzung als auch im Idle-Modus, wo das Testgerät trotz deaktivierter Datenverbindung über Nacht leergelaufen ist. Der mit 3.100 mAh recht starke Akku des MX4 hilft zwar ein bisschen, dies abzufedern, Laufzeitwunder sollte man sich aber trotzdem nicht erwarten. Daraus resultiert übrigens direkt ein zweites Defizit: Das MX4 wurde schon nach ein paar Minuten Nutzung ziemlich warm.

screenshots: andreas proschofsky / standard
Die Uhren-App, der Browser und ein Blick auf die Versionsinformationen (von links nach rechts)

Updates

Um Systemupdates kümmert sich Canonical selbst. Seit der Veröffentlichung des Smartphones wurden denn auch schon einige Aktualisierungen nachgeschoben, was durchaus löblich ist. Apps gibt es über den Ubuntu Store, wobei das Angebot natürlich nicht mit den App Stores von iOS oder Android zu vergleichen ist. Der Fokus auf Web-Apps hilft aber zumindest das wichtigste abzudecken. Für den Zugang zum Store ist ein Account bei Ubuntu One nötig.

Keine Konvergenz

Eines der spannendsten, lange versprochenen Features fehlt bei der aktuellen Hardwaregeneration ebenfalls noch: Der Convergence-Modus, mit dem sich das Smartphone, an einen großen Bildschirm angehängt, in einen Desktop-Ersatz verwandeln soll. Also das, was Microsoft auch für seine künftige Windows (mobile)-Ausgabe verspricht. Zumindest stellt Ubuntu aber in Aussicht, dass ein erstes solches Gerät – wieder von Meizu – noch dieses Jahr erhältlich sein soll.

Kerntechnologien

Noch ein rascher Blick "unter die Haube". Im Kern ist die mobile Version ein ganz normales Ubuntu, wenn auch mit einigen signifikanten Besonderheiten. So kommt ein von Android übernommener Linux-Kernel zum Einsatz, der mit der Version 3.10 auch bedeutend älter ist als jener, der am Desktop genutzt wird. Diese Wahl hat aber einen durchaus guten Grund: Wird es dadurch doch möglich, dass Ubuntu all die eigentlich für Android erstellen Hardwaretreiber direkt übernehmen kann. Dadurch erspart sich Canonical ziemlich viel Entwicklunsaufwand und kann recht schnell neue Android-Geräte unterstützen. Umgekehrt bedeutet dies natürlich, dass man nicht-freie Treiber in das sonstige Open-Source-Betriebssystem übernimmt – aber darum kommt man im Smartphone-Bereich aktuell leider ohnehin nicht herum.

foto: andreas proschofsky / standard
Das Design des Meizu MX4 ist ziemlich generisch – und seit langem bekannt, da es bereits seit Herbst 2014 eine Version mit Android gibt.

Ein weiterer Unterschied zum Desktop ist das Beharren auf das alte Startsystem Upstart, hier soll der Wechsel auf Systemd aber bald folgen. Und als Grafikserver kommt die Eigenentwicklung Mir zum Einsatz, die auf Sicht auch am Desktop statt dem klassischen X.org genutzt werden soll.

Die Hardware

Noch ein paar Worte zum MX4 selbst: Das Meizu-Smartphone ist eine weitgehend bekannte Größe, gibt es dieses mit Android doch schon seit vergangenem September. Mittlerweile wurde mit dem MX5 sogar schon der Nachfolger vorgestellt – vorerst aber nur für Googles Betriebssystem. Von der Leistung her ist es in der Mittelklasse angesiedelt. Als Prozessor dient ein MediaTek MT6595, der acht Kerne aufweist (vier A17 mit 2,2 Ghz, vier A7 mit 1,7 GHz). Die Wahl von MediaTek für ein Ubuntu-Smartphone ist insofern interessant, da die Firma ein wohl dokumentiertes, angespanntes Verhältnis zu freien Lizenzen hat, und für deren Ignorierung immer wieder scharf kritisiert wurde.

foto: andreas proschofsky / standard
Ein Blick auf die Unterseite des Smartphones.

Der IPS-LCD-Bildschirm ist 5,36 Zoll groß und bietet eine Auflösung von 1152 x 1920 Pixel. Die Darstellungsqualität wird niemanden vom Hocker reißen, ist aber "ok". Selbiges gilt für die Verarbeitung des 144 x 75,2 x 8,9 mm großen und 147 Gramm schweren Geräts. Es gibt eine 20,7 Megapixel-Kamera, die durchaus ansprechende Ergebnisse liefert. Der interne Speicherplatz liegt bei 16 GB, der Arbeitsspeicher umfasst 2 GB.

Kostenfrage

Verfügbar ist das Meizu MX4 mit Ubuntu mittlerweile direkt vom Hersteller sowie bei einigen Händlern. Der Preis liegt bei 299 Euro.

Fazit

Es gibt viele Dinge, die Ubuntu für Smartphones richtig macht: Das Kern-User-Interface ist wohl durchdacht, auch die Basis-Apps sind durchaus ansprechend. Dies kann aber nicht über die Defizite in der Umsetzung hinwegtäuschen, die laufenden Hänger nerven im Alltag, der große Akkuhunger ebenfalls. Auch zeigten sich im Test immer wieder kleinere Stabilitätsprobleme und allgemeine Fehler. Insofern verbleibt das Meizu MX4 mit Ubuntu vor allem ein Gerät für all jene, die um jeden Preis von iOS, Android und Windows (Phone) wegwollen.

Bleibt zu hoffen, dass Softwarehersteller Canonical die erwähnten Defizite bald ausräumen kann. Der Mobilfunkmarkt könnte dringend einen weiteren Mitbewerber brauchen – und Ubuntu hat einige durchaus interessante Ansätze zu bieten. (Andreas Proschofsky, 23.8.2015)

foto: andreas proschofsky / standard
foto: andreas proschofsky / standard
Die Kamera des Meizu MX4 liefert bestenfalls durchschnittliche Ergebnisse.
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