Impulstanz-Festival: Wo Kunstdärme träumen

23. Juli 2015, 17:39
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Saskia Hölbling und Ana Rita Teodoro in Wien

Wien – Sie gehören zu den wahren inneren Werten: die Gedärme. Überwiegend gut gestimmt, oft aber auch verdrossen, verarbeiten sie Nahrung, lassen Milliarden Mikroben nützliche Arbeit tun und beeinflussen das Allgemeinbefinden nicht unbeträchtlich. Ana Rita Teodoro im Mumok und Saskia Hölbling im Schauspielhaus nähern sich bei Impulstanz diesen Innereien aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Hölbling lässt sich in Assemblage humain Zeit. Erst einmal besucht sie eine lebensgroße Puppe, die unter einer Decke wartet. Aus dem Besuch wird (zur Spannungsmusik von Wolfgang Mitterer) ein Duett zweier ungleicher Partner. Die Puppe ist tot, die Tänzerin nicht. Halbherzig animiert sie den dürren, schlaffen Körper.

Ein Besen, ein Stuhl, eine Jacke kommen ins Spiel, und die beiden Gestalten verstricken sich ineinander, bis die Tänzerin die Puppen austauscht. Nun liegt da ein männlicher Dummy mit Hose, Hemd und Jackett. Unverzüglich öffnet Hölbling dessen Bauchdecke und zieht seine Eingeweide ans Licht: eine gold-silbrige Rescue-Decke und reichlich Tüll. Die Tänzerin zieht ihre Kleider aus und hüllt sich in diese Innereien ihres Opfers. Ein Gruß von Hannibal, the Cannibal? Ausgelassen drapiert Hölbling ihre Beute in diesem Albtraum immer wieder neu, zeigt sich als Aktfigur, die immer aufgeregter mit all dem männlichen Darm-Material spielt. So lange, bis es ihren Körper zur Gänze verdaut hat respektive verschwinden lässt.

Einen weniger irritierenden Traum stellt Ana Rita Teodoros Gut's Deam (Rêve d'Intestin) im Ambiente der Mumok-Ausstellung Mein Körper ist das Ereignis dar. In diesem Teil ihrer Serie Délirer l'Anatomie manipuliert sie ein aus ineinandergesteckten Papiersäcken bestehendes Objekt, das sich wie ein Teleskop auseinanderziehen lässt. So entsteht ein Schlauch, der als Darmstück gesehen werden kann.

Teodoro hält dieses Ding auch zwischen die Beine geklemmt. Die entsprechende Passage erscheint wie eine zahme Anspielung an die berühmte Performance Interior Scroll aus dem Jahr 1975 von Carolee Schneemann. Und sobald sich Teodoro mit entblößtem Hinterteil hinhockt, werden Erinnerungen an Martin Creeds Shit Film (2006) wach. Anders als Creeds Darstellerin erleichtert sich die Tänzerin allerdings nicht. Im Hintergrund laufen Videos von Valie Export, Bruce Nauman, Paul McCarthy und Yoko Ono. Hier fällt auf, dass Teodoro einzig Onos Film Bottoms von 1966, eine Abfolge von nackten Hinterteilen, abschalten hat lassen. Schade. Dieser Bezug hätte ihr Solo ein wenig aufgefrischt. (ploe, 23.7.2015)

  • Transparenz und Video: Ana Rita Teodoro  mit "Guts Dream".
    foto: miernik

    Transparenz und Video: Ana Rita Teodoro mit "Guts Dream".

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