Geschäfte mit dem Iran: Euphorie mit Vorbehalt

Kommentar23. Juli 2015, 17:13
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Wenn der Regimewandel scheitert, dann gibt es auch keinen Platz mehr für die neue Wirtschaftspartnerschaft

Ein paar Wochen hätte man auch warten können, bevor man sich dem Iran in die Arme wirft. Der Besuch des deutschen Vizekanzlers Sigmar Gabriel, kaum dass die Tinte auf dem Atomabkommen trocken war, und die jetzige Iran-Wirtschaftskonferenz in Wien erzeugen den Eindruck, dass viele EU-Staaten den Konflikt nur aus der Perspektive von Geschäftschancen sehen und die Gefahr, die von einem nuklear aufgerüsteten Iran ausgeht, nie ernst genommen haben – ganz zu schweigen von den Menschenrechtsverletzungen und der Unterstützung von Terrorgruppen, für die das Regime verantwortlich ist.

Aber Gabriel, Reinhold Mitterlehner und Heinz Fischer, der im September nach Teheran reist, haben die Zeichen der Zeit schon richtig erkannt: Das wirtschaftliche Tauwetter ist ein Kernpunkt des Wiener Atomdeals. Dahinter steht die Hoffnung, dass der Iran zu einem normalen Staat wird, dessen Führung ihre Legitimität nicht aus revolutionär-religiösem Eifer bezieht, sondern aus der Schaffung eines besseren Lebens für seine Bürger. Das würde mehr zur globalen Sicherheit beitragen als die schärfsten Atomkontrollen.

Ob das gelingt, weiß niemand. Der Westen wagt hier, so wie einst gegenüber der Sowjetunion und China, das Experiment eines Regimewandels durch Annäherung. Wenn der scheitert, dann gibt es auch keinen Platz mehr für die neue Wirtschaftspartnerschaft. Doch je größer jetzt die Euphorie, desto schmerzhafter wäre dann der Rückwärtsgang. (Eric Frey, 23.7.2015)

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