Harald Darers "Herzkörper": Das mögliche Problem Mann

23. Juli 2015, 17:34
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Drastisch und analytisch: Der neue Roman von Harald Darer

Wien – Kränker, dümmer, gewalttätiger? Selbstmordzahlen, Schulabbrüche, Akademikerquote – im Vergleich mit dem anderen Geschlecht scheint das ehemals starke auf dem absteigenden Ast. (Junge) Männer, die gegen Ausländer auf die Straßen ziehen. (Junge) Männer, die straffällig werden. (Junge) Männer, die FPÖ wählen. (Junge) Männer ohne Perspektive. "Gewalt ist männlich", heißt es dann oft, und ist alles scheinbar erklärt, sind Opfer- und Täterrollen verteilt. Ganz übersichtlich. Doch so einfach ist die Sache nicht.

Männerberatungsstellen erleben regen Zulauf. Eine solche bzw. einen ihrer Klienten hat sich Harald Darer vor zwei Jahren in seinem Romandebüt Wer mit Hunden schläft (Picus) zum Thema genommen. In Therapiestunden zurückblickend, beschreibt der 1975 in Mürzzuschlag geborene Autor darin eine eher schwierige Kindheit in einem steirischen Dorf und ihre Folgen fürs Leben. Da sich die Dinge zwischen damals und heute zwar gewiss geändert, in vielen Punkten aber auch wieder nicht wesentlich verbessert haben, gibt Darer auch die Gegenwart Erzählstoff genug. Zum Beispiel für Herzkörper, seinen heuer erschienenen zweiten Roman.

Verlogene Familie

Prekäre Männerfiguren aus zwei Generationen treffen darin in einer wie vielen österreichischen Kleinstädten aufeinander. Hauptakteure sind die aus zerrütteten oder verlogenen Familien ins Leben gestrauchelten Burschen Andi, Boro und Chris sowie der als Ehemann und Vater gescheiterte bzw. von der Kindesmutter zum Scheitern gebrachte Obdachlose Rocko, den mit Selbstgebranntem abzufüllen und zu misshandeln zum ebenso stumpfsinnigen wie perfiden "Zeitvertreib" der drei geworden ist. Aber auch gegeneinander sind sie nicht zimperlich. Im Einvernehmen "brausen" sie sich gegenseitig mit Urin oder traktieren einander mit Stockschlägen. Denn was bleibt für einen selbst, wo die Pensionisten doch alles kriegen? Was bleibt einem zwischen Arbeitsamt, Alkohol und Weltverdrossenheit auch übrig? Außer vielleicht die anale Liebe zu den "Knödelakademikerinnen" von der HBLA.

Karriere mit Lehre

Dabei sind sie nicht dumm. Im Gegenteil: Sie haben bloß das weniger angenehme Sein hinter dem schönen Schein der Welt des Fernsehens, der Werbung und der Pornos erkannt. "Und was ist dein Plan, ist was geworden aus der Karriere mit Lehre?", fragt einer der Freunde resigniert und trotzig gegen eine Gesellschaft und Politik, die diesen nihilistischen "Klan der Desillusionierten" weder braucht noch will noch ernst nimmt. Darer findet eine klare und schmucklose Sprache für seine mitunter drastischen Darstellungen. Aufgesetzte Lässigkeit dient den Sprechern als Bewältigungsstrategie, hinter der sämtliche Enttäuschungen der noch jungen Leben aber unweigerlich doch durchscheinen.

Neben der Unmittelbarkeit solcher Gedächtnisprotokolle etabliert der gelernte Elektroinstallateur Darer, der vor zehn Jahren mit kleineren Veröffentlichungen begonnen hat, eine zweite, analytische Erzählebene. "Durch das Hinschauen wird die Schuldfrage obsolet", schärft in einem rahmenden Interview eine Sozialpädagogin die Sinne ihres Gegenübers für die gesellschaftliche Problematik von vorschnellen Urteilen und festgefügten Bildern. Nie sentimental, sondern empathisch folgt Darers Text dieser ihrer Forderung. Er hat sich die Mühe des Hinschauens gemacht. "Wir hängen alle an einem Strang", so die Erkenntnis. (Michael Wurmitzer, 23.7.2015)

Harald Darer, "Herzkörper". 21,90 Euro / 206 Seiten. Picus, Wien 2015

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