Loveparade Duisburg: Eine Katastrophe ohne Schuld und Sühne

24. Juli 2015, 05:30
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Fünf Jahre nach der Massenpanik warten Opfer und Hinterbliebene immer noch auf einen Prozess

Es sollte der Höhepunkt des Partysommers 2010 im Ruhrgebiet werden: Hunderttausende wollten am 24. Juli zur Loveparade, um dort zu tanzen und zu feiern. Doch der Tag endete mit einer Katastrophe. Die Zugänge zum Veranstaltungsort waren viel zu eng. Als immer mehr Menschen nachdrängten, kam es zu einer Massenpanik. Die Bilanz: 21 Tote, 500 Verletzte, 40 davon schwer.

Am Freitag gedenkt die Stadt Duisburg der Opfer, die ganze Woche über gab es am Ort der Katastrophe Begegnungen von Hinterbliebenen und damals Verletzten. Auch ein neues Mahnmal wurde am Dienstag errichtet. Neben der Treppe, an der sich das Geschehen abspielte, steht nun eine vier mal vier Meter große Wandtafel mit dem Schriftzug "Liebe hört niemals auf", übersetzt in sechs Sprachen.

Selbsthilfe der Opfer und Angehörigen

"Das war der schlimmste Tag meines Lebens", erinnert sich Jörn Teich an den 24. Juli 2010. Er wurde damals schwer verletzt und leidet bis heute an den Folgen der Katastrophe – wie viele andere auch. Teich hat die Initiative "LoPa 2010" ins Leben gerufen, um Betroffene zu unterstützen. "Ich kenne Leute, die nach wie vor ganz tief in Depressionen fallen", sagt er. Opfer und Angehörige verstünden nicht, warum es fünf Jahre danach noch immer keinen Strafprozess gebe. Dass die Schuldfrage ungeklärt sei, lasse viele Betroffene nicht zur Ruhe kommen. "Die haben niemanden, auf den sie böse sein können."

Kurz nach dem Unglück hatte die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft (SPD), zu den Verletzten und Hinterbliebenen gesagt: "Ihnen allen und nicht zuletzt uns selbst sind wir es schuldig, das Geschehene und Unfassbare lückenlos aufzuklären. Wie konnte dies geschehen? Wer trägt Schuld? Wer ist verantwortlich? Diese Fragen müssen und werden eine Antwort finden."

Doch die juristische Aufarbeitung lässt auf sich warten. Im Februar 2014 hat die Staatsanwaltschaft zwar zehn Mitarbeiter der Stadt und des Veranstalters angeklagt. Sie stützt sich dabei vor allem auf Erkenntnisse des britischen Panikforschers Keith Still, der in seinem Gutachten in dem von der Stadt genehmigten Konzept "grundlegende Fehler" sieht.

75 Fragen an den Gutachter

Sein Fazit: Die Stadt hätte die Veranstaltung so niemals genehmigen dürfen. Es sei schon während der Planungsphase klar geworden, dass die maximale Kapazität für Teilnehmer beim Ein- und Ausgangsbereich falsch berechnet worden sei.

Doch das Landgericht Duisburg, das zunächst entscheidet, ob die Anklage überhaupt zugelassen wird, hatte noch 75 Nachfragen zu Stills Gutachten. Dessen Antworten sind nun eingetroffen, müssen aber im nächsten Schritt übersetzt werden.

Lässt das Gericht die Anklage zu, dann wird die Hauptverhandlung voraussichtlich nicht mehr im Jahr 2015 beginnen. Die "Akte" umfasst mittlerweile rund 44.000 Seiten und einige Terabyte an Videomaterial.

Die Loveparade selbst ist Geschichte. 1989 hat sie zum ersten Mal in Westberlin stattgefunden, damals feierten 150 Personen den Geburtstag von Techno-DJ Dr. Motte. Zehn Jahre später kamen bereits 1,5 Millionen Technofans nach Berlin. 2007 übersiedelte das Megaevent ins Ruhrgebiet, doch 2010 war damit Schluss. Seit dem Unglück hat es keine Loveparade mehr gegeben.

Nicht mehr im Amt ist der damalige Duisburger Bürgermeister Adolf Sauerland (CDU). Er wurde nach der Katastrophe von allen Seiten zum Rücktritt aufgefordert, lehnte jedoch ab. Auch ein Abwahlantrag im Stadtrat scheiterte. 2012 jedoch wurde Sauerland durch ein Bürgerbegehren seines Amtes enthoben. (Birgit Baumann aus Berlin, 24.7.2015)

  • Kreuze und Blumen erinnern in Duisburg am Veranstaltungsort an jene 21 Menschen, die am 24. Juli 2010 ums Leben kamen.
    foto: martin gerten/dpa

    Kreuze und Blumen erinnern in Duisburg am Veranstaltungsort an jene 21 Menschen, die am 24. Juli 2010 ums Leben kamen.

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