Aus dem Leben eines Zivildieners beim Asylamt

Userkommentar23. Juli 2015, 20:56
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Wer mit den Schicksalen von Flüchtlingen direkt konfrontiert ist, sieht dieses Thema unweigerlich mit anderen Augen

Es ist kurz nach sieben Uhr morgens, als ich in der Straßenbahn Platz nehme. Mir gegenüber sitzt eine ältere Frau, die mit strengem Blick durch die vor ihr ausgebreitete Gratiszeitung blättert. Immer wieder schüttelt sie erzürnt den Kopf. Auf der Titelseite lese ich etwas von Asylchaos, von bis zu 70.000 Menschen, die dieses Jahr nach Österreich kommen, ist die Rede. "Ja, was das denn kostet", höre ich sie schnaufen. "Und die Österreicher, bleiben die dann über? Sollten wir uns nicht zuerst um unsere Leute kümmern?"

Als ich um acht Uhr das kleine Milchglasfenster öffne, welches mein kleines Büro vom Flur abtrennt, tummeln sich bereits die ersten Menschen davor. Auch heute werden es sicher wieder weit mehr als hundert sein. Während im Gesicht einiger weniger ein breites Lächeln auszumachen ist, da ihnen heute endlich das ersehnte "Interview" bevorsteht – also jenes Gespräch, das entscheiden wird, ob sie in Österreich bleiben dürfen oder nicht –, spiegeln sich in den anderen Gesichtern Angst und Verzweiflung wider.

Die eigene Geschichte erzählen

Es sind großteils Männer unter 40 Jahren, die jeden Morgen vor dem Informationsschalter des Asylamts stehen. Sie wirken abgekämpft, das Warten und die damit oftmals verbundene Angst um die Familie in der Heimat zehren an ihren Nerven. Viele sprechen weder Englisch noch Deutsch, meistens werden sie von einem Freund begleitet, der für sie übersetzt. Diejenigen, die sich mit uns verständigen können, wollen oftmals ihre Geschichte erzählen. Meist bleibt dafür keine Zeit. Wenn doch, dann erzählen sie von ihren Familien, die noch irgendwo in Aleppo oder sonst wo um das Überleben kämpfen, sie zeigen uns die wenigen Bilder und Dokumente, die sie bis nach Österreich retten konnten.

Viele von ihnen haben studiert und hatten vor Ausbruch des Krieges ein gutes Leben. Die meisten wollen wissen, wann es denn endlich so weit sei, wann endlich über ihr Schicksal und somit vielleicht auch über das Überleben ihrer Familie entschieden wird. Meistens können wir sie nur vertrösten – es werde noch dauern. Wie lange, können wir ihnen nicht sagen, da wir es selbst nicht wissen. Viele werden noch monatelang warten. Für einige Familien wird es dann zu spät sein.

Hilfe und Hass

In meiner Mittagspause stoße ich auf einen Artikel über die Freiwillige Feuerwehr aus Feldkirchen an der Donau, die an diesem heißen Tag einigen Flüchtlingskindern eine Freude macht und ihnen eine kalte Dusche ermöglicht. Darunter lese ich Kommentare wie "Frechheit, dass des Gsindl auf unsre Kosten lebt", "Sollen sich wieder heim schleichen" und "Flammenwerfer wäre da die bessere Lösung gewesen".

Wenn man tagtäglich mit den Schicksalen dieser Menschen konfrontiert ist, dann sieht man dieses Thema unweigerlich mit anderen Augen. Ihr wässriger Blick. Die Narben in ihren Gesichtern. Ihre verschlissenen Klamotten.

Herr und Frau Österreicher bekommen davon wenig mit. Sie lesen die Schlagzeilen, sie spüren den schleichenden Wohlstandsverlust. Doch anstatt ihre Wut gegen die wirklichen Verursacher zu richten – da wären zum Beispiel Luxuspensionen, das aufgeblähte Verwaltungssystem und Misswirtschaft wie etwa am Beispiel Hypo Alpe Adria zu nennen –, fokussieren sie ihren Hass auf jene Menschen, die nichts mehr haben und sich nicht wehren können. Den grundsätzlichen Denkfehler erkennen dabei viele nicht.

Zeichen der Menschlichkeit

Ja, die Asylwerber kosten den Steuerzahler Geld, und ja, die Zahl der Neuankömmlinge stellt Österreich vor eine Herausforderung. Aber nur weil wir menschlich handeln und diesen Leuten Zuflucht bieten, wird kein Österreicher auf der Strecke bleiben. "Unsere Leute" bekommen ja auch mehr als 40 Euro Taschengeld pro Monat, um sich das Notwendigste zu besorgen. Wenn es der Libanon schafft, mehr als eine Million Flüchtlinge aufzunehmen, dann müsste es gerade für ein Land wie Österreich ein Leichtes sein, mit einer vergleichsweise winzigen Zahl an Menschen human umzugehen.

Es ist höchste Zeit, dass die heimische Politik endlich die Initiative ergreift, anstatt dieses Problem – zu wenige Betreuungsplätze und zu wenig Personal, sowie zu lange Wartezeiten im Verfahren – weiter vor sich her zu schieben und klein zu reden.

Es sind diese positiven Momente wie das Lächeln eines Flüchtlingskindes oder der Blick eines seit kurzem anerkannten Flüchtlings, der sich endlich seine Aufenthaltsberechtigungskarte abholen darf, und es sind Aktionen wie jene der Freiwilligen Feuerwehr aus Feldkirchen, die ein Zeichen der Menschlichkeit und der Solidarität setzen, und einem in diesen Zeiten wieder Hoffnung machen. Wenn es doch nur mehr dieser Momente gäbe. (Daniel Guzmics, 23.7.2015)

  • Tristesse im Zeltlager Traiskirchen.
    foto: apa/robert jaeger

    Tristesse im Zeltlager Traiskirchen.

  • Aktionen wie jene der Freiwilligen Feuerwehr aus Feldkirchen setzen ein Zeichen der Menschlichkeit und der Solidarität – und machen Hoffnung.
    foto: freiwillige feuerwehr feldkirchen

    Aktionen wie jene der Freiwilligen Feuerwehr aus Feldkirchen setzen ein Zeichen der Menschlichkeit und der Solidarität – und machen Hoffnung.

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