"Die 80er": Geile Tiere, bunte Farben in einer kurzen Malexplosion

23. Juli 2015, 17:27
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Im Frankfurter Städel-Museum zeigt man "Die 80er: Figurative Malerei in der BRD". Die nur mäßig gelungene Ausstellung thematisiert die Heftigkeit in der Malerei jener Jahre. Aus dieser expressiven Eruption war die Luft allerdings rasch entwichen

Das Problem setzt schon bei der Bezeichnung ein. Junge Wilde? Neoexpressionisten? Oder doch besser: heftige Malerei? Eine festgefügte Gruppe waren die Malerinnen und Maler, die 1977 jäh auftauchten mit expressiven, lauten Menschenbildern, in Berlin, Hamburg und im Rheinland, nie. Nahezu derselbe Jahrgang waren sie, alle um 1950 herum geboren. Nachkriegskinder, die Beuys' Wertarbeit ebenso bewusst erlebt hatten wie die gemessene Langeweile von Minimal und Op-Art.

Geprägt waren sie vom Westberliner Kunsthochschulprofessor Karl-Heinz Hödicke und seiner – in Leinwandabmessungen – gewaltigen Dispersionsmalerei. Auch vom Protest gegen ein grundbiederes Land namens Bundesrepublik Deutschland, punktuell gepiesackt von RAF, Waldsterben und Apokalypsehysterien. Noch stärker aber von Metal, Punk und schwul-lesbischer Paradiesvogel-Subkultur, die keine Sperrstunde kannte.

90 Werke von 27 Künstlerinnen und Künstlern zeigt das Städel-Museum. Von A bis Z. Von Hans Peter Abramski über Walter Dahn, Martin Kippenberger und Salomé, den Narziss, Musikexorzisten (mit seiner Band Geile Tiere) und Transgenderpionier, bis zu Bernd Zimmer. In einem Rundgang, der künstliche Themeninseln kreiert, diese eher herbeizwingt als ableitet. Einerseits wird auf Genre und Motive abgezielt. Porträts, Körperbilder, Collagen des Politischen sind die unteren Säle überschrieben. Dann titelt man naheliegend, aber nicht übermäßig erhellend, atelier- und stadtgeografisch: Moritzplatz, Mülheimer Freiheit, dazu die sogenannten Satelliten in Hamburg, Düsseldorf und Köln.

Keine Entwicklung

Das Problem dieser knapp fünfjährigen Malexplosion ist, dass es keine Entwicklung gab, sondern Eruption. Und nur Eruption. Was dies dann nach 1982 zur Folge hat, sieht man im Obergeschoß: kreative Stagnation. Rasch waren die expressiven Bilderfindungen ausgeschöpft. Was folgte, etwa bei Peter Bömmels, waren angestrengte Bemühungen aus zweiter kunsthistorischer Hand. Oder der herz- und hirnerschütternde Kitsch von Milan Kunc oder Peter Angermann, aus deren Bildern die Ironie wie aus uralten Luftballons restlos entwichen ist.

Die Jungen Wilden, von denen sich nicht wenige zwischen 1985 und 1995 Professorenstellen ermalten, waren ein Phänomen, das ökonomisch schnell abgefackelt wurde, auch weil sich das Umfeld professionalisiert hatte: Trickreiche Galeristen requirierten Sammler, deren bürgerliche Malereivorstellungen sich gelockert hatten, die sich aber die amerikanischen Abstrakten Expressionisten nicht leisten konnten. Ihre Komplizen waren die Kritiker und Hochglanzkunstmagazine wie art. Zum anderen wollten sich Museumsdirektoren die Deutungshoheit über Kunsttrends von den Galeristen zurückholen.

Keine Bewegung nach 1945 wurde so rasch museal präsentiert wie die neoexpressionistischen Selbstekstatiker mit der goldenen Nase für Eklats (Werner Büttner: Selbstbildnis im Kino onanierend, 1980) und ihrem Machismo. Frauen waren am Rand – auch in dieser Schau; obschon Bettina Semmer, Ina Barfuss und andere hier mehr Platz bekommen als üblich. Soeben hatte man noch zu Hause in der Substandardbleibe oder einer räudigen Hinterhofgalerie im härtesten Kreuzberger Grätzel ausgestellt, wenig später schon in London, Tel Aviv, Los Angeles.

Kurator Martin Englers klagt, so wenige dieser Bilder hätten den Weg in museale Bestände gefunden, so viele seien in Privat- oder Firmenbesitz und daher selten zu sehen. Das ist richtig, denn kaum ein Bild erfüllt qualitative Standards einer Museumskollektion. Daran ändert auch dieses Begräbnis erster Klasse nichts. Hieß es früher ironisch "Bad Painting", sind es jetzt ganz unironisch: bad paintings. (Alexander Kluy aus Frankfurt am Main, 23.7.2015)

  • Bitterböse Kunstgeschichtsparaphrasen: "Zwei proletarische Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongress" von Martin Kippenberger.
    foto: vg bild-kunst bonn, estate of martin kippenberger

    Bitterböse Kunstgeschichtsparaphrasen: "Zwei proletarische Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongress" von Martin Kippenberger.

  • Walter Dahn, Jiří Georg Dokoupil, "Ohne Titel (Kotzer II)", 1980.

    Walter Dahn, Jiří Georg Dokoupil, "Ohne Titel (Kotzer II)", 1980.

  • Albert Oehlen, "Deutscher in Rio", 1986.

    Albert Oehlen, "Deutscher in Rio", 1986.

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