Digitaler Fotoreporter: Die düstere Halbwelt von "GTA 5"

25. Juli 2015, 11:00
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Der dänische Künstler Morten Ravn bietet eine neue Perspektive für den Blick auf Los Santos

Die Fotos sind schwarz-weiß, düster und direkt. Eine nächtliche Tankstelle im Neonlicht; bedrohlich auf den Betrachter zuwankende Gestalten; leicht bekleidete Frauen, die in der ausgebrannten Ruine eines Hauses rauchen; Straßenprostitution, Bettler, Graffiti, leblose Körper.

Es sind Fotos, wie man sie von der amerikanischen Street Photography, aber auch von Sozialreportagen kennt. Man muss schon genau hinsehen, um bei den Bildern des dänischen Künstlers Morten Rockford Ravn zu erkennen, dass hier nicht die Realität, sondern Los Santos, der Schauplatz von Rockstar Games Blockbuster "GTA V", abgebildet ist.

foto: gta 5/rockstar/morten rockford ravn
foto: gta 5/rockstar/morten rockford ravn

Fotografieren in Computerspielen ist nichts Neues. Seit einigen Jahren gehen Spieler, aber auch Künstler und "echte" Fotografen auf Motivjagd auch in virtuellen Welten. Bei den meisten steht dabei die Lust am schönen Bild, am Spektakulären, im Vordergrund; die Bekanntesten unter ihnen, allen voran der Brite Duncan Harris mit seiner Seite Deadendthrills, werden inzwischen auch schon von den Entwicklern selbst als PR-Botschafter umworben.

Nur selten steht jedoch mehr als die Freude an der Ästhetik im Vordergrund – bei Fear and Loathing in GTA V, dem Schwarzweiß-Foto-Projekt des Kopenhagener Künstlers Morten Rockford Ravn, geht es aber um etwas anderes.

foto: gta 5/rockstar/morten rockford ravn
foto: gta 5/rockstar/morten rockford ravn

Auf Fotojagd durch die Nacht

Während die meisten Spieler von Rockstars Gangster-Epos der Story durch die offene Spielewelt folgen oder sich anderweitig vergnügen, ist der 28-jährige Ravn in Los Santos auf der Suche nach Bildmotiven. Sein Zugang ist dabei minimalistisch: Alle Bilder werden mit der im Spiel verfügbaren Handykamera im Schwarzweißmodus aufgenommen und nicht weiter nachbearbeitet. Der Anlass, im Computerspiel zu fotografieren, war eigentlich ein Zufall: "Ich habe bei einer Radtour im Wald meine Kamera verloren. Als ich auf der PS4 meines kleinen Bruders dann entdeckte, dass man in GTA V mit dem Handy des Spielcharakters fotografieren kann, hat mich das fasziniert."

Schon der Titel der Fotosammlung verweist dabei auf eine wahre Legende des Underground-Journalismus: "Natürlich ist der Zugang des Gonzo-Journalismus https://de.wikipedia.org/wiki/Gonzo-Journalismus auch für mich interessant. Hunter S. Thompson, Autor des autobiografischen Drogenromans ‘Fear and Loathing in Las Vegas’, hat in seiner Arbeit William Faulkners Gedanken, dass Fiktion oft das bessere Faktum ist, auf die Spitze getrieben", so Ravn. "Es gibt ein dänisches Sprichwort, das lose übersetzt besagt, dass Übertreibung dabei hilft, etwas zu verstehen. Genau diese zwei Gedanken sind ganz zentral für meine Arbeit an diesem Projekt."

foto: gta 5/rockstar/morten rockford ravn
foto: gta 5/rockstar/morten rockford ravn

Sozialkritik in der Sandbox

"Capturing the existential despair of virtual reality", so untertitelt der dänische Künstler sein Künstler sein "Freizeitprojekt". "Virtuelle Welten sind eine neue Herausforderung für Fotografen", meint Ravn im Interview. "Mich interessieren dabei vor allem düstere, tragische Themen. Kunst hat die Fähigkeit, Leiden zu etwas Heilsamen zu machen, zu zeigen, dass man im Leiden nicht allein ist.

Die Grenzen zwischen virtueller Welt und Realität verschieben sich rasend schnell – der virtuellen Realität fehlt aber völlig die Körperhaftigkeit, und es macht mir ein bisschen Angst, dass wir uns mit exponentieller Geschwindigkeit darauf zubewegen. Ich habe versucht, mein Unbehagen mit dieser Entwicklung in diesem Projekt zu bearbeiten."

foto: gta 5/rockstar/morten rockford ravn
foto: gta 5/rockstar/morten rockford ravn

Im Unterschied zu anderen Künstlern wie Casey Brooks, der bereits letztes Jahr mit seinem GTA-Fotoprojekt "You Only Live Forever" das Alltägliche und Banale ins Zentrum seiner Bilder gerückt hat, konzentriert sich der Däne auf die von Rockstar mit bissiger Konsequenz dargestellte Schatten- und Halbwelt des amerikanischen Albtraums von "GTA V". "Ich finde es beachtlich, dass Rockstar tatsächlich ihr Spiel zur Bühne für derartige Sozialkritik machen, während die meisten in der Unterhaltungsindustrie nur darauf achten, den kleinsten gemeinsamen Nenner des Publikumsgeschmacks zu befriedigen", sagt Ravn.

Über 200 GTA-Bilder hat der Däne auf seinem Blog bislang veröffentlicht, weitere sollen folgen. Aktuell verhandelt Morten Rockford Ravn, der zuvor mit mehreren Ausstellungen seiner Malerei in Kopenhagen öffentlich zu sehen war, mit einer Berliner Galerie, die seine düsteren Bilder aus "GTA 5" zeigen will. (Rainer Sigl, 25.07.2015)

foto: gta 5/rockstar/morten rockford ravn
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