Frankreichs umstrittener "Hof der tausend Kühe"

Blog23. Juli 2015, 15:51
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Einige sehen in der Milchfabrik in Drucat die Zukunft der französischen Landwirtschaft – viele aber eher einen Verstoß gegen französische Esskultur

Wenigstens etwas haben diese Kühe: Zeit, sich gegenseitig zu beäugen. Ein heimlich geschossenes Bild zeigt 60 gescheckte Rindvieher, die im Kreis stehen und warten, dass die Melkschläuche ihre Euter leeren. 794 Milchkühe sind täglich abzufertigen. Das sind zwar weniger als tausend, doch in Frankreich spricht man nur noch von der "ferme des mille vaches", dem Hof der 1.000 Kühe.

Der riesige, 234 Meter lange Hangar, der von außen eher einer Fabrik als einem Bauernhof gleicht, befindet sich im nordfranzösischen Drucat an der Somme-Mündung. Für die Öffentlichkeit ist er nicht zugänglich; Journalistenanfragen – auch vom STANDARD – werden seit Monaten abschlägig beantwortet. Dabei ist in Frankreich kein Bauernhof so riesig und so bekannt wie dieser. Aber keiner ist auch so umstritten. Denn Frankreich ist nicht nur das flächenmäßig größte Agrarland der EU, sondern stolz auf seine Ess- und Lebenskultur, die traditionell auf einer natürlichen, erdverbundenen Landwirtschaft beruht.

Deutsche Inspiration

Der Initiator dieser Kuhfarm, der Bauunternehmer Michel Ramery, ließ sich von Deutschland inspirieren, wo es bereits solche Gehöfte gibt. Sie tragen dazu bei, dass Deutschland heute mehr Milch als Frankreich herstellt, auch wenn die französische Agrarproduktion insgesamt noch größer als die deutsche ist.

Ramery packte 2011 ein paar Dutzend Agrarfunktionäre und Lokalpolitiker in ein Flugzeug nach Hamburg und besichtigte mit ihnen zwei Großbetriebe für 1.000 Kühe. Nach seiner Rückkehr lancierte er sein Projekt. Bald nahm es Gestalt an. Und bald wurde es zu einem Politikum ersten Grades. Zuerst protestierten lokale Umweltschützer gegen die geplante "Milchfabrik", dann folgten die Tierschützerin Brigitte Bardot und die Confédération Paysanne, die drittgrößte Bauerngewerkschaft des Landes. Meinungsumfragen ergaben eine klare Mehrheit der Franzosen gegen die "ferme des mille vaches".

Verendete Kühe

Ramery erhielt aber die Baubewilligung und nahm den Betrieb in Drucat im September 2014 auf. Im Winter wurde es ruhig um das umstrittene Gehöft. Doch dann veröffentlichte die Ökoplattform "Reporterre" Luftbilder von verendeten Kühen, die aufgedunsen vor dem Hangar in Drucat herumlagen. Vor einem Monat berichtete ein entlassener Arbeiter über "Praktiken, die man aus der EU verschwunden geglaubt hatte", wie die Zeitschrift "L'Obs" meinte: Die Kühe seien erschöpft, abgemagert und schmutzig; mehr als die Hälfte würden wegen ungepflegter Hufe hinken. Die Tröge würden nur alle zwei Wochen gereinigt, kranke Tiere ohne Beiziehung eines Veterinärs "euthanasiert".

Der Verantwortliche des Hofes, Michel Welter, musste einräumen, dass die Kuhsterblichkeit in Drucat "anfänglich" höher als anderswo gewesen sei; Zahlen veröffentlicht er aber nicht. Dafür wurde bekannt, dass er die behördliche Zulassung für 500 Kühe klar überschritten hatte. Das sei nur passiert, weil er die Kuhherde eines verstorbenen Züchters übernommen habe, bevor er die administrativen Genehmigungen habe einholen können, redete sich Welter heraus.

Protest gegen Milch

Die Präfektur des Departements Somme hat den Besitzer des Megahofs Anfang Juli aufgefordert, die Herde auf 500 Tiere zu reduzieren. Das verlangt auch Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll. Er schwankt aber wie die gesamte Regierung, welche Haltung er gegenüber dem für Frankreich so neuartigen Betriebsmodell einnehmen soll. Rentable Großbetriebe gelten als mögliche Antwort auf die dramatische Krise der französischen Kleinbauern. Welter meint, nicht einmal sein Riesenbetrieb werde noch wettbewerbsfähig sein, wenn er ihn auf 500 Kühe abbauen müsse. "Bald werden die Franzosen nur noch deutsche Milch trinken", warnt er. "Dann wird es zu spät sein, unsere Landwirtschaft zu retten."

Die linke Confédération Paysanne setzt dagegen auf die Konsumenten: "Ob in Deutschland oder Frankreich – die Leute sind bereit, etwas mehr zu zahlen, um Tierfabriken zu verhindern", meint ein Sprecher der Gewerkschaft zum STANDARD. Der öffentliche Druck hat bereits gewirkt: Genossenschaftlich organisierte Supermarktketten wie Système-U haben beschlossen, keine Milch mehr vom Hof der 1.000 Kühe zu beziehen. Auch die Kooperative Agrial in der Normandie verzichtet für die Herstellung ihrer Käse, Cremes und Joghurts auf die an sich billigere Milch. Aber der Preis ist nicht das einzige Argument im Land des Savoir-vivre. (Stefan Brändle aus Paris, 23.7.2015)

  • Bereits vor dem Baubeginn gab es heftige Proteste gegen die Melkfabrik.
    foto: reuters/pascal rossignol

    Bereits vor dem Baubeginn gab es heftige Proteste gegen die Melkfabrik.

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