Deutsche Wirtschaft will Achtstundentag aus Gesetz streichen

23. Juli 2015, 11:04
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Statt einer täglichen Höchstgrenze soll eine Wochenobergrenze gelten, die Gewerkschaft lehnt ab. Flexiblere Arbeitszeiten sind auch in Österreich Thema

Wien – Flexiblere Arbeitszeiten wünscht sich die Wirtschaft in regelmäßigen Abständen. Auch der mehrmals verschobene und nun für September angesetzte Arbeitsmarktgipfel für Österreich wird sich damit beschäftigen. Unterdessen taucht in Deutschland einmal mehr die Forderung nach einer Aufweichung der Achtstundenregelung auf.

Wie die "Rheinische Post" berichtet, haben die deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) die Regierung aufgefordert, den Achtstundentag aus dem Arbeitszeitgesetz zu streichen und statt einer täglichen eine wöchentliche Höchstarbeitszeit anzusetzen. Mehr Spielraum soll damit geschaffen werden. Mitarbeiter würden nicht mehr ausschließlich im Büro sitzen und ihre Stunden abarbeiten. Sie beantworten E-Mails außerhalb der Arbeitszeit oder sind an Sonn- und Feiertagen erreichbar.

Normalarbeitszeit von acht Stunden

Wie in Österreich gilt auch in Deutschland eine tägliche Normalarbeitszeit von acht Stunden. Die maximal zulässige Höchstarbeitszeit beträgt zehn Stunden. Ausnahmen wie Bereitschaftsdienste und "besonderer Arbeitsbedarf" lassen längere Arbeitstage zu.

Die deutschen Gewerkschaften lehnen die Arbeitgeber-Forderung deutlich ab. Es gebe bereits Regelungen zum mobilen Arbeiten, das Arbeitsgesetz sei dem nie im Wege gestanden, erklären sie. Einen akuten Handlungsbedarf sehe man also nicht.

Gipfel zu flexibleren Arbeitszeiten

Forderungen der Wirtschaftskammer und der ÖVP nach flexibleren Arbeitszeiten gibt es auch in Österreich. Und auch hierzulande ist die Gewerkschaft nicht gut darauf zu sprechen. "Es gibt keinen einzigen Auftrag in der österreichischen Wirtschaft, der nicht zeitgerecht pünktlich abgearbeitet wird", sagte ÖGB-Chef Erich Foglar vor einigen Tagen. Österreich gehöre zu den Ländern mit dem flexibelsten Arbeitsmarkt. "Man wird nicht zurückgehen können ins 19. Jahrhundert mit dem Zwölfstundentag und das unter Flexibilität verkaufen können", sagte Foglar.

Die heimische Gewerkschaft setzt daher auf eine kürzere Wochenarbeitszeit. Die letzte gesetzliche Arbeitszeitverkürzung gab es vor 40 Jahren, argumentiert sie. Der von Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) und Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) angesichts der Rekordarbeitslosigkeit versprochene Arbeitsmarktgipfel wurde mittlerweile von Anfang Juli auf September verschoben. Die Fronten zwischen den Sozialpartnern in Arbeitsmarktfragen sind verhärtet. Die Wirtschaftskammer fordert flexiblere Arbeitszeiten und Wachstumsmaßnahmen, die Gewerkschaft drängt auf einen Überstunden-Euro, Reduktion der Normalarbeitszeit und einen leichteren Zugang zur sechsten Urlaubswoche.

IHS: Mehr Flexibilität nötig

IHS-Forscher Helmut Hofer hält insgesamt mehr Flexibilität in Österreich für notwendig, um den Wirtschaftsstandort zu stärken – "vielleicht auch bei der Arbeitszeit", wie er am Mittwoch bei der Präsentation der mittelfristigen Konjunkturprognose erklärte. Eine "generelle Arbeitszeitverkürzung ist allerdings nicht besonders sinnvoll" – vor allem nicht mit vollem Lohnausgleich, denn das mache den Faktor Arbeit teurer. Hofer denkt vielmehr an Modelle, um die Work-Life-Balance zu verbessern. (roda, 23.7.2015)

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