Bodenständigkeit statt Größenwahn

22. Juli 2015, 17:57
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Trainer Damir Canadi ist geblieben, er möchte nun das Projekt Langfristigkeit angehen. Das Flutlicht strahlt bereits hell

Wien/Altach – Damir Canadi stellt sich mitunter die Frage nach der Normalität. Ein Trainer des SCR Altach hat bodenständig zu sein, in Vorarlberg ist der Größenwahn abgeschafft. Ein 45-jähriger Wiener aus Kaisermühlen kann damit vorzüglich leben. "Es entspricht auch meiner Mentalität." Als Aufsteiger wurde Altach in der abgelaufenen Saison Dritter hinter Salzburg und Rapid, speziell die Punktezahl verblüffte. 59 Zähler bedeuteten Rekord für einen Neuling in der Geschichte der österreichischen Fußballbundesliga. "Das war nicht normal", sagt Canadi. "Darauf kann man stolz sein."

Ein ungeschriebenes Gesetz lautet, dass die zweite Saison nach einer Rückkehr weitaus komplizierter ist. Selbstverständlichkeit, Euphorie und Elan gehen ein bisserl verloren, die Konkurrenz ist gewarnt, lässt sich nicht mehr übertölpeln. Canadi will diesen Mechanismus ausschalten. "Weil wir realistisch sind, die Mannschaft gehalten wurde und wir genau wissen, dass es nur über Disziplin und ein funktionierendes Kollektiv geht." Andererseits geht er davon aus, "dass diesmal Mattersburg überraschen könnte. Aufsteiger sind gefährlich." Im beschaulichen Altach geht es nun um die Etablierung, um den Beginn einer Langfristigkeit. Canadi hütet sich davor, irgendein Ziel öffentlich kundzutun. "Wir planen immer für neun Runden, stellen eine Rechnung auf. Die bleibt intern. In der letzten Saison wurde sie aber viermal übertroffen."

Der Bittsteller

Der Trainer hat seinen Vertrag um zwei Jahre verlängert. Canadi hatte zwar keine Angebote von Weltklubs, "aber ich bin schon in einigen Kreisen aufgefallen. Für meine persönliche Entwicklung ist es am besten, hier zu bleiben, insofern war Altach alternativlos. Geld darf nie das entscheidende Kriterium sein." Das Treiben auf dem Transfermarkt musste praktisch ohne Altacher Beteiligung ausgekommen. "Als Trainer bist du immer Bittsteller."

Geschäftsführer Christoph Längle und Sportdirektor Georg Zellhofer konnten die bescheidenen Wünsche erfüllen. Christian Schilling wurde von Innsbruck, Dominik Hofbauer aus Wiener Neustadt, Martin Harrer von der Austria geholt. Schilling fällt aufgrund einer Blutvergiftung mehrere Wochen aus. Altach kann zudem mit dem ersten Legionär aus Nicaragua dienen, er heißt Juan Barrera und wird sich laut Canadi "als Verstärkung erweisen".

Gute Sicht

Das Stadion, die Cashpoint-Arena, wurde renoviert, Canadi relativiert: "Die Leute glauben, es ist neu. Dabei wurde eine Rasenheizung eingebaut und das Flutlicht verstärkt. Damit wir am Abend endlich etwas sehen." Nach wie vor steht nur ein Trainingsplatz zur Verfügung.

Altach konnte sich als erster Verein aus dem Ländle für den Europacup qualifizieren, Gegner in der Europa League sind die Portugiesen von Vitoria Guimaraes. "Acht Brasilianer spielen dort." Weil Vorarlberg darauf nicht vorbereitet war und sein konnte, muss am 30. Juli nach Innsbruck ausgewichen werden. "Eine logistische Herausforderung", sagt Canadi. "Trotzdem ist es etwas Historisches." Visionen könne man leben. "Irgendwann soll Altach einen Spieler fürs Nationalteam stellen." Ob er Druck verspürt? "Ja, auch hier sind Niederlagenserien unerwünscht."

Altach startet die Meisterschaft am Samstag in Grödig. "Erst danach denke ich an Guimaraes, das ist doch normal." (Christian Hackl, 23.7.2015)

  • Ende Mai feierte Altach recht ausgelassen den dritten Platz in der Meisterschaft. Nun geht es um die Etablierung. Und um die Europa League.
    foto: apa/stiplovsek

    Ende Mai feierte Altach recht ausgelassen den dritten Platz in der Meisterschaft. Nun geht es um die Etablierung. Und um die Europa League.

  • Canadi: "Aufsteiger sind gefährlich".
    foto: apa/dietmar stiplovsek

    Canadi: "Aufsteiger sind gefährlich".

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