Pro und Kontra: Ringsperre für Filmpremiere

Kommentar22. Juli 2015, 17:49
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Das Wiener Herz gibt sich devot, aber der internationale Werbeeffekt macht die Geschäftseinbußen mehr als wett

PRO: Begegnungszone für Cruise

von Eric Frey

Den Wiener Gürtel hätte man für eine noch so prominente Filmvorführung nicht gesperrt, ebenso wenig die West- oder Südeinfahrt. Aber die Ringstraße müssen Autofahrer ohnehin regelmäßig umfahren und auf die Lastenstraße ausweichen – sei es wegen einer Demonstration, einer Parade oder einer anderen Veranstaltung, die Mitteleuropas größte Prachtallee zur kilometerlangen Event-Location macht. Für solche Zwecke ist der Ring auch eher geeignet als für den Straßenverkehr.

Da darf es auch einmal ein Hollywood-Ereignis der Sonderklasse sein. Nicht, dass sich irgendjemand den fünften Aufguss der Tom-Cruise-Festspiele Mission: Impossible anschauen muss. Aber für die Weltpremiere eines Blockbusters, in dem Wien und seine Staatsoper eine prominente Rolle spielen, kann die Bundeshauptstadt ruhig ein kleines Opfer bringen. Der internationale Werbeeffekt macht die von der Wirtschaftskammer beklagten Geschäftseinbußen mehr als wett; und der Zorn der Autofahrer über den Verkehrsstau am Donnerstag wird spätestens Freitagmittag wieder verraucht sein.

Sollte sich Wien in den kommenden Jahren als erste Wahl für große Filmpremieren etablieren, dann müssten sich die Veranstalter etwas anderes einfallen lassen als riesige rote Teppiche auf der Ring-Fahrbahn. Aber vielleicht ist der Ring dann bereits Begegnungszone – und Tom Cruise könnte aufmarschieren, ohne jemanden zu stören. (Eric Frey, 22.7.2015)

KONTRA: Mission: Überzogen

von Dominik Kamalzadeh

Der Werbeeffekt für die Stadt Wien ist gesichert. Menschen lassen sich durch Kinobesuche zu Reisen verleiten, so das Ergebnis von Studien – ein Argument, mit dem man die Investition in Hollywood-Blockbuster gern verteidigt. Und Mission: Impossible – Rogue Nation weiß die Staatsoper, filmisch betrachtet, tatsächlich effektiv zu nützen. Im Schnürboden werden Watschen verteilt und Attentate vereitelt, vor dem Gebäude geht ein Politiker im Auto in die Luft. Mit Spannung warten wir darauf, welche Abenteuertouristen das anlockt.

Einstweilen kommt der Filmtross, angeführt vom leicht angeschlagenen Star Tom Cruise, zurück in die Stadt, um die Weltpremiere zu feiern. Dagegen gäbe es wenig zu sagen, fiele das Gewusel um das Großereignis nicht so unverhältnismäßig aus. Die Ringstraße wurde schon einen Tag vor der Premiere gesperrt, um eine Red-Carpet-Tribüne zu errichten, gegen die jene des Filmfestivals von Cannes wie eine Pixibuch-Ausgabe wirkt. Der fesche Tom, bei uns bleibt er halt lebenslang eine Top Gun!

Psychologen würden das wohl Überkompensation nennen. Zu lange blieb man hinter der Konkurrenz aus Prag und Budapest hinsichtlich Filmschauplätzen zurück. Jetzt feuert man vor Freude aus allen Rohren. Das Wiener Herz gibt sich devot – hinterher lässt's sich ja immer noch schimpfen. Berlin und London haben uns da in Coolness einiges voraus. Dort veranstaltet man Großpremieren mehrmals im Monat. Trotzdem dreht sich die Erde weiter. (Dominik Kamalzadeh, 22.7.2015)

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