David Helbock: Aus dem Jahr des Notenregens

Gespräch22. Juli 2015, 17:22
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Der Pianist über sein Nachrichten-Projekt beim Carinthischen Sommer

Wien – Es kam der Tag, da beschloss Pianist David Helbock Monströses, also "ein Jahr lang täglich ein Stück zu schreiben." Und so entstand ein Buch mit 365 Kompositionen, mit fast 700 Seiten Musik, damals 2009, als noch nicht klar war, dass Helbock beim Carinthischen Sommer (am 26.7.) zu diesem signifikanten Jahr zurückkehren wird – und dies nicht nur in Form der damals entstandenen Stücke. 2009 wird auch in Nachrichtenform auftreten, ZiB-Moderator Tarek Leitner trägt vor.

Helbock (Jahrgang 1984) gedenkt mit dem Ansatz, "den Leuten die Stimmung des jeweiligen Tages nahezubringen, an dem eine jeweilige Komposition entstand. Natürlich haben mich auch persönliche Geschichten inspiriert. Aber mit den jeweils wichtigsten Tagesnachrichten von damals oder mit einem Wetterbericht geht das Publikum sozusagen mit auf eine Zeitreise." Helbock spielt "auch bei anderen Konzerten Stücke aus meinem 'Personal Realbook'. Hier ist es aber spannend, zurückzugehen und zu überlegen, wie der Tag ausgeschaut hat."

Bei Vorrecherchen kam Erkenntnisreiches zum Vorschein, das sich auch im Konzert vermitteln wird: "Wir sind auf Tagesnachrichten gestoßen, die heute genauso aktuell sind wie vor sechs Jahren. Probleme von politischen Parteien, Eurokrise usw. – die Nachrichten sind austauschbar, wir sind als Gesellschaft offenbar kein bisschen weiter als vor einigen Jahren."

Unbeschwerter Zugang zur Tradition

Helbock selbst jedoch ist schon um eines weiter, mittlerweile gehört er zu den angesagten Vertretern seine Generation: Sein unbeschwerter Zugang zur Tradition wäre zu nennen, zudem die Integration von Elektronik und poppigem Repertoire. Schließlich auch seine bis ins Freie reichenden Improvisationen – all dies lässt den Vorarlberger als inspirierten, offenen Zeitgenossen erscheinen.

"Kein Musiker erfindet etwas wirklich von sich aus ganz neu. Jeder nimmt Ideen und gibt seine dazu. Dadurch entsteht im Idealfall Spannendes", so Helbock. Die Bebop-Musiker hätten Harmonien "von Broadway-Kompositionen genommen und ihre Melodien darübergelegt. Heutige Jazzmusiker nehmen oft Popsongs als Basis. Aber es ist egal, ob das, was du coverst, seinen Ursprung in Pop, Klassik, Weltmusik oder sonst etwas hat. Es kommt darauf an, was du daraus macht."

Pianist Thelonious Monk und Multiinstrumentalist Hermeto Pascoal waren für Helbock wichtig: "Beide spielen ein, zwei Noten, und man erkennt sie sofort. Das ist selten, das fasziniert mich enorm. Monk selber hat gar nicht so viele Stücke geschrieben – aber jedes einzelne ist sofort als Monk-Stück erkennbar. Anders Hermeto: Er hat tausende Kompositionen geschrieben. Von ihm hatte ich ja die Idee zu meinem Buch. Hermeto hat 1996 ebenfalls so ein Projekt verwirklicht – er nannte es ,den Kalender des Sounds'."

Täglich ein Stück zu schreiben muss aber doch eine seltsame Erfahrung gewesen sein: "An manchen Tagen gab es nur kleine Ideen wie eine kurze Melodie, an anderen Tagen ein paar Akkordfolgen, manchmal auch längere Arrangements. Mir war aber wichtig, an jedem Tag etwas ,fertig' zu schreiben und auch gleich in eine Form zu bringen, sodass es auch andere spielen könnten." (Ljubiša Tošić, 22.7.2015)

  • 26.7.: David Helbock Trio feat. Tarek Leitner, Carinthischer Sommer
  • 27.7.: David Helbock Trio, Festwochen Gmunden
  • David Helbock und sein aufwendiges Projekt, das beim Carinthischen  Sommer zusammen mit ZiB-Moderator Tarek Leitner umgesetzt wird: "2009  hatte ich die Idee, ein Jahr lang jeden Tag ein neues Stück zu  schreiben.
    foto: bettina frenzel

    David Helbock und sein aufwendiges Projekt, das beim Carinthischen Sommer zusammen mit ZiB-Moderator Tarek Leitner umgesetzt wird: "2009 hatte ich die Idee, ein Jahr lang jeden Tag ein neues Stück zu schreiben.

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