Warum Glücklichsein im Job nicht hilft

27. Juli 2015, 09:26
48 Postings

Zur Verbindung von Zufriedenheit und Performance bei der Arbeit gibt es widersprüchliche wissenschaftliche Ergebnisse

Ist die Rede von Produktivität am Arbeitsplatz, wird – nicht zuletzt auch von wissenschaftlicher Seite – Zufriedenheit gerne als Garant für Unternehmenserfolg angepriesen: Sie steigere nicht nur die Motivation von Arbeitnehmern, sondern mache diese auch zu gesünderen, netteren Kollegen und überhaupt viel besseren und erfolgreicheren Menschen.

Beliebte Zutaten des vermeintlichen Glücksrezeptes sind Fitnessräume, Teambuilding-Seminare und Coaching – manche Firmen engagieren sogar einen eigenen Chief Happiness Officer (CHO).
Aber ist es tatsächlich so einfach? Kann Glück, kann Zufriedenheit wirklich durch teure Assets hervorgerufen werden? Und geht die Rechnung Glück = Produktivität überhaupt auf?

Zwei Wissenschafter, André Spicer und Carl Cederström, haben sich nun Forschungsergebnisse zum Thema Zufriedenheit und Job genauer angesehen und kommen zu folgendem Schluss: "Die Effekte sind alles andere als eindeutig. Selbstverständlich gibt es Resultate, die nahe legen, dass glückliche Mitarbeiter schneller arbeiten, seltener das Unternehmen verlassen und auch eher bereit sind, Überstunden zu machen. Aber wir haben ebenso Studien gefunden, die aufzeigen, dass manche der Weisheiten, die wir über Zufriedenheit am Arbeitsplatz als gültig akzeptiert haben, schlichtweg Mythen sind."

foto: imago stock
Für manche sind Erdbeeren das größte Glück, für andere ein wenig Freizeit.

Glück ist schwierig zu messen

Bevor sie genauer auf einschlägige Studien eingehen, stellen Spicer und Cederström zunächst fest, wie schwierig es sei, das Gefühl "Glück" überhaupt zu messen – nämlich "genauso schwierig oder einfach wie die Temperatur der Seele oder die Farbe der Liebe", schreiben die Wissenschafter. "Nur weil wir in einer technologisch fortschrittlichen Welt leben, bedeutet das nicht, dass wir die geeigneten Instrumente haben, um Emotionen, um Verhalten zu bestimmen. Denn was sagt schon ein Gehirnscan wirklich über eine Emotion aus?"

Zudem sei Glück ein äußerst "diffuses Konzept".
Das beschreibt auch der Historiker Darrin M. McMahon in seinem aufschlussreichen Werk 'Happiness: A history'. Darin stellt er die These auf, dass eigentlich niemand 'wirklich glücklich' ist. Bei Jean-Jacques Rousseau ist das Glück zwar existent, besteht allerdings darin, den ganzen Tag in einem Boot zu liegen und die Wolken beim Vorbeiziehen zu beobachten." Was nicht unbedingt den modernen Vorstellungen von Produktivität entspricht....

Glücklichsein macht nicht unbedingt produktiver

Auch bei der Frage, ob und wie das Gefühl des Glücks die Produktivität und Effektivität bei der Arbeit beeinflusst, sei die Wissenschaft nicht in der Lage, eindeutige Ergebnisse zu liefern, schreiben Spicer und Cederström. "Eine Studie, die in Supermärkten Großbritanniens durchgeführt wurde, kam sogar zu dem Ergebnis, dass die unglücklicheren Mitarbeiter die besseren Verkaufsergebnisse erzielten."

Selbstverständlich gebe es auch wissenschaftliche Befunde, die das Gegenteil behaupten, räumen die Wissenschafter ein. Aber auch diese würden nur eine sehr geringe Korrelation zwischen Zufriedenheit und Produktivität aufzeigen.

foto: reuters/kai pfaffenbach
Die Suche nach Glück kann die Nerven ganz schön aufreiben: Sie ist nie zu Ende.

Glück als unerreichbares Ziel

"Der Weg ist das Ziel": Dieses bekannte Sprichwort verliert, wie Spicer und Cederström aufzeigen, in Bezug auf die Suche nach Glück, Balance und Wohlbefinden wohl seine Gültigkeit. "Tatsächlich versuchen große Denker und Denkerinnen seit dem 18. Jahrhundert darzulegen, welche Belastung die Suche nach Glück und Zufriedenheit eigentlich mit sich bringt. Einem Zustand nachzujagen, der schwer zu erreichen ist und auf Dauer nicht aufrecht erhalten werden kann, macht uns nämlich eher unzufrieden", schreiben die Wissenschafter – die Ergebnisse eines aktuellen psychologischen Experimentes würden das beweisen: Dort baten die Forscher ihre Probanden, einen Film über eine Erfolgsstory anzusehen.

Vor dem Filmstart mussten die Probanden ein Statement zum Thema Glück abgeben. "Was überrascht, ist, dass diejenigen, die meinten, Glücklichsein sei der eigentliche Sinn und Zweck des Lebens, nach dem Ansehen des Films weniger glücklich waren als zuvor." Das Fazit: "Das Streben nach Glück kann, wenn ihm ein sehr hoher Stellenwert beigemessen wird, also unglücklich machen. Weil ein Ziel anvisiert wird, das praktisch unerreichbar ist. Irgendetwas werden wir immer auszusetzen haben."
Oder wie es der französische Philosoph Pascal Bruckner formulierte: "Unglücklichsein ist nicht Unglücklichsein, sondern das Unvermögen, glücklich zu sein."

Liebe zur Arbeit belastet die Beziehung zum Chef

Wer denkt, dass er Glück und Zufriedenheit in einer sinnvollen Arbeit allein finden kann, ist damit – so die Argumentation von Spicer und Cederström – sicher auf dem Holzweg. "In einer Studie mit Journalisten fand die Wissenschafterin Susanne Ekmann heraus, dass jene, die ihre Arbeit als persönlichen Glücksfaktor betrachteten, emotional fordernder agierten. Sie sehnten sich unbewusst nach mehr Lob und Aufmerksamkeit von ihrem Chef. Wenn sie diese Zustimmung nicht erhielten, fühlten sie sich wiederum zurückgewiesen und einsam."

foto: apa/ole spata
Glück in der Arbeit zu suchen, kann einsam machen.

... und auch die Beziehung zu Familie und Freunden

Menschen, die ihre gesamte Leidenschaft ihrer Arbeit widmen, würden sich zu Hause und gegenüber Freunden oftmals emotionslos verhalten, schreibt Eva Illouz in ihrem Buch "Cold Intimacies". "Weil sie ihr Privatleben ebenfalls einer Arbeitsaufgabe gleichsetzen", erklären Spicer und Cederström das Phänomen. "Diese Menschen wollen oft auch ihre Freizeit akribisch planen und durchorganisieren. Die Auswirkung ist, dass ihr Zuhause damit zu einem kalten, emotionslosen Ort wird. Kein Wunder also, dass sie ihre Zeit dann noch lieber im Büro verbringen."

Glücklichsein macht egoistisch

Glaubt man den Ergebnissen einer Studie mit Lotterie-Spielern, hat Glück aber noch einen weiteren destruktiven Effekt: Es kann egoistisch und in weiterer Folge einsam machen. "Den Teilnehmern der Studie wurden Lotterie-Scheine ausgehändigt. Sie konnten entscheiden, wie viele Tickets sie weiterschenken wollten und wie viele behalten." Überraschend: Jene, die gut gelaunt waren, behielten mehr Tickets für sich selbst. "Das legt nahe, dass – zumindest in einigen Situationen – Glücklichsein nicht bedeutet, dass wir großzügig gegenüber anderen sind."

In einem anderen Experiment fanden Forscher wiederum heraus, dass sich glückliche Menschen einsamer fühlen. Die Wissenschafter ließen ihre Probanden dafür Tagebuch schreiben. Das Ergebnis: Jene, die Zufriedenheit einen hohen Wert beimessen, berichteten häufiger von einem Gefühl der Isolation. "Das lässt den Schluss zu, dass uns das permanente Streben nach Glück in gewisser Weise von anderen abgrenzt", schreiben Spicer und Cederström.

Glück kann nicht künstlich erzeugt werden

Wenn die Fülle an Widersprüchen in wissenschaftlichen Erkenntnissen also derart groß ist – wieso versuchen Unternehmenschefs weltweit, ihre Mitarbeiter zu glücklicheren Menschen zu machen? "Zufriedenheit ist eine Strategie, die am Papier überzeugend wirkt", so die Einschätzung von Spicer und Cederström. "Und natürlich auch eine, die wichtigere Themen, wie Konflikte, Entlassungen oder Spannungen im Team, verdeckt."

Wie Barbara Ehrenreich in ihrem Buch "Bright Sided" beschreibe, erfahre das Konzept "Glück" gerade deshalb in Krisenzeiten einen enormen Aufwind. Das Gefühl künstlich, durch Glücksseminare oder das Anheuern eines Chief Happiness Manager, erzeugen zu können, sei aber ein Trugschluss. (Lisa Breit, 27.7.2015)

André Spicer ist Professor an der Business School in London, Carl Cederström an der Stockholm University. Gemeinsam veröffentlichten sie das Buch "The Wellness Syndrome".

Mehr zum Thema:

Neuer Job: "Hallo, ich bin der Glücksvorstand"

Share if you care.