Gewaltprävention: Ministerien kooperieren mit Waffenherstellern

23. Juli 2015, 13:41
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Wie die Inhaber von Steyr-Mannlicher, Familien- und Innenministerium gemeinsam gegen Gewalt und Radikalisierung kämpfen

Herr C. hat bei seiner letzten Pirsch im südenglischen Hampshire einen sogenannten abnormen Rehbock mit seiner neuen Mannlicher Classic erschossen. Der Waffenhersteller Steyr-Mannlicher gibt ihm auf seiner Website die Möglichkeit, den entsprechenden Bildbeweis anzutreten. Ebenfalls dort zu finden sind Pistolen, Sturm- und Scharfschützengewehre, die das Unternehmen verkauft. Das Sturmgewehr 77 zählt zu den prominentesten Schießeisen von Steyr-Mannlicher. Das Bundesheer hat es beispielsweise in Verwendung.

Engagement für Gewaltprävention

Dass sich die Inhaber der Waffenfirma, Gerhard Unterganschnigg und Ernst Reichmayr, auch für eine bessere Gesellschaft einsetzen, ist auf der Website des Unternehmens nicht zu erfahren. Die beiden haben zu Beginn des Jahres 2014 das Institut für Gewaltprävention und Konfliktmanagement in Familien (IFGK) gegründet, als Direktor fungiert Alexander Janda, einst Chef des im Innenministerium angesiedelten Integrationsfonds. Familienforscher Wolfgang Mazal ist wissenschaftlicher Beirat.

Die Kompetenzen des IFGK werden offenbar von höchster Stelle geschätzt. Unter anderem sind das Innenministerium, das Familienministerium und das Land Niederösterreich als Partner des Vereins auf der IFGK-Website deklariert. Am 1. Juli überreichten Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und Familienministerin Sophie Karmasin (beide ÖVP) den 15 Absolventen des zweiten Lehrgangs für Konfliktmanagement, Gewalt- und Radikalisierungsprävention höchstpersönlich ihre Abschlussdiplome.

foto: bmi, alexander tuma
Natascha Florence Bousa vom Institut für Gewaltprävention und Konfliktmanagement in Familien, Institutsmitgründer Gerhard Unterganschnigg, Familienministerin Sophie Karmasin, Absolventin des zweiten Lehrgangs, Innenministerin Johanna Mikl-Leitner, Erwin Hameseder, Chef der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien und Präsident des Kuratoriums Sicheres Österreich, sowie IFGK-Direktor Alexander Janda.

Unterganschnigg erklärt im Gespräch mit dem STANDARD seine Motivation für die Gründung des Instituts, in das er bis dato "mehrere zehntausend Euro gesteckt" hat. So solle sich irgendwann jeder überlegen, wo er seinen Betrag für die Gesellschaft leisten kann. Gewaltprävention habe ihn schon immer bewegt. Im Zuge seiner Recherchen habe er schließlich festgestellt, dass es in Österreich kein Programm existiert, das Multiplikatoren – etwa Lehrern und Kindergartenpädagoginnen – Instrumente in die Hand gibt, um das Problem der Gewalt in der Familie in den Griff zu bekommen.

60-stündiger Lehrgang

Der 60-stündige Lehrgang – der neuerdings auch ein Modul zur Radikalisierungsprävention enthält – kostet pro Teilnehmer 900 Euro. "Kostendeckend würde er das Doppelte kosten", sagt Unterganschnigg. Zudem gibt es Förderungen für jene, die sich den Kursbetrag nicht leisten können. Dass Mikl-Leitner und Karmasin die Diplome übergaben, war für Unterganschnigg eine Überraschung, die er als Wertschätzung für seine Arbeit deutet, erzählt er dem STANDARD. Janda habe er als Geschäftsführer installiert, "weil er die Umstände in den Institutionen kennt" und jahrelang mit der Thematik zu tun hatte.

Produkte aus dem Angebot der Firma Steyr-Mannlicher.

Dass Janda als Geschäftsführer des Vereins fungiert, kritisierte die grüne Abgeordnete Gabriela Moser in einer parlamentarischen Anfrage: Interessant sei, "warum das Ministerium mit jemandem kooperiert, der wegen satzungswidriger Verwendung der ihm anvertrauten Fondsgelder aus seinem Posten entfernt wurde". Janda hatte einst als Geschäftsführer des Wiener Stadterweiterungsfonds dem "Austro-American Institute of Education" Zuwendungen zukommen lassen, dessen Obmann er selbst war, was der Rechnungshof bemängelte. Janda betonte damals, dass die Mittelvergaben vom Fonds-Kuratorium einstimmig beschlossen wurden.

Strenge Auflagen für Waffenexporte

Auf die Frage, ob er nicht eine Diskrepanz darin sieht, einerseits Kriegswaffen zu verkaufen und andererseits Gewaltprävention anzubieten, sagt Unterganschnigg: "Das ist meine private Geschichte. Wir nutzen unser Engagement auch nicht als Marketinginstrument für Steyr-Mannlicher."

Als Steyr-Mannlicher 2007 vor der Pleite stand, habe es sein Jägerherz nicht zugelassen, ein 150 Jahre altes Unternehmen sterben zu lassen. Die Waffen würden zudem im Kampf gegen Terror, von Militärs und von der Polizei genutzt. Sein Unternehmen verzeichne einen Gesamtumsatz von 30 Millionen Euro, sagt Unterganschnigg dem STANDARD. Zu welchem Anteil militärische Waffen für diesen Umsatz verantwortlich sind, will er nicht kommunizieren.

screenshot: derstandard.at
Familien- und Innenministerium werden auf der Website des IFGK als Partner geführt.

Nur so viel: Beim Waffenexport werde "jede einzelne Schraube kontrolliert". Ohne die Zustimmung von Wirtschafts-, Verteidigungs-, Außen- und Innenministerium dürfe er gemäß Kriegsmaterialgesetz keine Waffen verkaufen. "In Österreich sind wir dem weltweit größten Exportregulatorium unterworfen."

Sowohl das Familien- als auch das Innenministerium betonen auf Anfrage des STANDARD, dass das Institut keinerlei öffentliche Förderungen erhält. Das Familienministerium unterstütze den Lehrgang rein inhaltlich, "es fließen keine öffentlichen Gelder", erklärt Karmasins Sprecher.

Es handle sich um einen inhaltlichen Kontakt, erklärt auch das Innenministerium. Dieser ergebe sich, weil der Themenbereich des Instituts auch der Themenbereich des Innenministeriums ist: die Gewaltprävention. (Katrin Burgstaller, 23.7.2015)

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