US-Schriftsteller E. L. Doctorow gestorben

22. Juli 2015, 15:29
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Der preisgekrönte Autor, Verfasser etwa des Welterfolgs "Ragtime", litt an Lungenkrebs

Wien – E.-L.-Doctorow-Leser wurden über die neuere Geschichte der USA oft auf erstaunliche Art belehrt. In einem seiner letzten Romane – Der Marsch (2005) - schilderte Doctorow mit weitem Atem den Einmarsch der Unionstruppen im widerborstigen Süden.

Wie eine Feuerwalze fegt die föderierte Armee des Generals William Tecumseh Sherman 1864 durch Georgia, Süd- und Nord-Carolina. Immer heftiger richtet sich der Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Auch die Schwarzafrikaner bleiben von den Gräueln nicht verschont. Der Unterschied zwischen Front und Hinterland wird hinfällig. Ein Krieg, der die Aufhebung der Sklaverei erzwingen sollte, stürzt gerade die Ärmsten der Armen in das tiefste Elend.

Durch den Lärm der Militärmaschinerie hindurch werden die Protagonisten der US-Heldengeschichte hörbar: staubtrockene Käuze wie Sherman und Ulysses Grant, die der moderne Massenkrieg zu psychisch Versehrten gemacht hat.

foto: epa/radim beznoska
E. L. Doctorow auf einem Archivbild aus dem Jahr 2007.

Doctorow, der Enkel russisch-jüdischer Einwanderer in der New Yorker Bronx, besaß als Erzähler das absolute Gehör für falsche Legenden. In Romanen wie seinem Welterfolg Ragtime (1975) erzählte er über die 1910er-Jahre, indem er zahllose haarfeine Stränge miteinander verwob. Der schwarze Barpianist Coalhouse Walker ("Kohlhaas") erleidet Unrecht und möchte, dass ihm Gerechtigkeit widerfährt. Doch in New York hat niemand Zeit für kleinliche Erwägungen. Man träumt den kollektiven Traum vom Reichtum, von der Ewigkeit des Glücks. Der Entfesselungskünstler Houdini wird zum Inbegriff einer Tüchtigkeit, die erst durch unüberwindliche Hindernisse zu ihrer wahren Leistungsfähigkeit findet.

Man könnte Doctorow einen Ideologiekritiker nennen. Noch bedeutsamer jedoch erscheint sein gründlich durchdachter Umgang mit den Möglichkeiten "fiktionaler" Geschichtsschreibung.

Als man glaubte, Doctorow erzähle in Das Buch Daniel (1971) die Geschichte von Ethel und Julius Rosenberg, setzte sich der Autor gegen solche Zuschreibungen erbittert zur Wehr. Man findet die Wahrheit in Doctorows Büchern nicht deshalb, weil die Motive, die der Autor ineinanderspiegelt, historisch verbürgt wären. Zufall und Wille bilden einen Kosmos von betörender Vielfalt. Edgar Lawrence Doctorow, der Meister postmoderner Erzählkunst und gefeierte Gastprofessor, ist jetzt 84-jährig an Lungenkrebs gestorben. (Ronald Pohl, 22.7.2015)

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