Verblüffende Verwandtschaft zwischen Uramerikanern und Ozeaniern

21. Juli 2015, 20:25
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Zwei aktuelle Studien warten mit neuen Thesen zur Herkunft der amerikanischen Ureinwohner auf

Cambridge/Wien – Es ist eines der heftiger umstrittenen Forschungsthemen – und eines der aktuell beliebteren: Aufgrund der exponentiell wachsenden genetischen Informationen boomen Studien über die Besiedelung Amerikas.

Das aktuellste Beispiel dafür sind zwei Untersuchungen, die am Dienstag in den beiden führenden Fachblättern Nature und Science in aller Eile und zeitgleich veröffentlicht wurden, aber zu recht widersprüchlichen Ergebnissen kommen: Während ein Team um den dänischen Genetiker Eske Willerslev behauptet, dass es nur eine Einwanderungswelle gab, kommen Forscher um David Reich zu dem Schluss, dass es zumindest zwei Populationen gegeben haben muss, von denen heutige indigene Völker Mittel- und Südamerikas abstammen.

Verwandte in Ozeanien

Reichs Team wartet indes noch mit einem anderen spektakulären Fund in den genetischen Daten heute lebender Menschen auf: Sie entdeckten in den Genomen von Vertretern einiger Amazonas-Völker überraschend eindeutige Übereinstimmungen mit einigen Ureinwohnern Ozeaniens.

Die Besiedlung Amerikas wird längst nicht nur von Genetikern untersucht. Auch Linguisten, Archäologen und Ethnologen haben dabei einiges mitzureden, wann und wie Vertreter von Homo sapiens in Nord-, Mittel und Südamerika einwanderten. Mittlerweile übernahmen aber eindeutig die Genetiker das Sagen, deren Technologien und Methoden in den vergangenen Jahren die rasantesten Fortschritte machten.

Ihnen liegen nicht nur die detaillierten Daten der Genome Hunderter heute lebender Menschen vor. Sie können längst auch aus alten Menschenknochen – wie zuletzt aus jenen des mehr als 9000 Jahre alten Kennewick-Manns – Informationen herauslesen. Konkret konnte damit ein Team um Eske Willerslev erst vor kurzem die Hypothese widerlegen, dass die Vorfahren dieses frühen Vertreters nordamerikanischer Ureinwohner womöglich aus Europa eingewandert sein könnten.

Sollte es noch Zweifel an der Theorie gegeben haben, dass die Besiedelung Amerikas von der asiatischen Seite erfolgt sein muss, waren sie damit widerlegt. Doch wann genau betraten die ersten Menschen nordamerikanischen Boden? Und gab es mehrere Einwanderungswellen – oder doch nur eine einzige?

Ein Team um Harvard-Forscher Reich hatte 2012 in der bis dahin aufwendigsten Studie zu diesem Thema behauptet, dass die genetischen Daten für drei Einwanderungswellen sprächen. Das zieht die Forschergruppe um Willerslev in Zweifel: Neue genomische Daten würden eine einzige Einwanderungswelle nahelegen.

Diese Population habe zuvor höchstens 8000 Jahre relativ isoliert in Sibirien verbracht, ehe sie während des sogenannten Letzteiszeitlichen Maximums vor rund 20.000, aber keinesfalls vor mehr als 23.000 Jahren über die Beringstraße einwanderte. Vor rund 13.000 Jahren habe sich diese Urpopulation in Nordamerika aufgespaltet und zu den verschiedenen indigenen Völkern geführt, behaupten die Forscher im Fachblatt Science.

Mysteriöse Population Y

Während sich Willerslevs Team auf Nordamerika konzentriert, analysierten und verglichen Reich und Kollegen in ihrer Nature-Studie Erbsubstanz von 30 Menschen aus Mittel- und Südamerika mit 197 Genomen von Nichtamerikanern. Dabei zeigte sich eine überraschende Verwandtschaft zwischen einigen indigenen Amazonas-Völkern und Ozeaniern, die bei anderen Populationen des Doppelkontinents völlig fehlt.

Für Reich und Kollegen ist damit offensichtlich, dass es zumindest zwei Ureinwanderergruppen gegeben haben muss. Sie nennen diese zweite, bisher unbekannte Gruppe "Population Y" – für Ypykuéra, was in der Sprache der Tupi "Vorfahr" bedeutet. Diese Population Y war laut Reich und Kollegen schon beim Vordringen ins Amazonasgebiet mit Urnordamerikanern vermischt.

Wann und wie diese rätselhafte Gruppe nach Südamerika vordrang, bleibt für die Forscher allerdings – vorläufig – ein Rätsel. (Klaus Taschwer, 21.7.2015)

  • Ein Vertreter der Surui, eines indigenen Volkes, das im Regenwald des Amazonas lebt. Seine Vorfahren dürften einer bisher unbekannten amerikanischen Urpopulation angehört haben, die wiederum gemeinsame Vorfahren mit einigen Völkern Ozeaniens teilt.

    Ein Vertreter der Surui, eines indigenen Volkes, das im Regenwald des Amazonas lebt. Seine Vorfahren dürften einer bisher unbekannten amerikanischen Urpopulation angehört haben, die wiederum gemeinsame Vorfahren mit einigen Völkern Ozeaniens teilt.

  • Gemeinsame Vorfahren diesseits und jenseits des Pazifiks: Je dunkler die Punkte, desto größer sind die genetischen Übereinstimmungen.
    grafik: pontus skoglund, harvard medical school

    Gemeinsame Vorfahren diesseits und jenseits des Pazifiks: Je dunkler die Punkte, desto größer sind die genetischen Übereinstimmungen.

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