Wunderkind Jonathan Anderson: Der talentierte Mr. Unisex

24. Juli 2015, 10:56
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Jonathan Anderson ist mit seiner kühnen Mode nicht nur das Wunderkind der britischen Szene, er verkörpert auch einen neuartigen Typ von Designer: den kreativen Pragmatiker

So unterschiedlich ihre Entwürfe auch sein mögen, etwas vereint die Jungdesigner von heute dennoch: Sie sind pragmatisch. Die Zeit der großen Diven wie John Galliano, der unangepassten Exzentriker wie Alexander McQueen scheint endgültig vorbei zu sehen. Die neue Generation an Designern sieht aus wie der unauffällige Junge von nebenan und verhält sich auch so: höflich, arbeitsam und karrierebewusst. Sie wissen, dass Mode ein Geschäft ist. "Früher waren wir alle sehr prätentiös", meinte einer, der es wissen muss, nämlich Großmeister Karl Lagerfeld. "Heute sind die Designer freundlich und zuvorkommend. Ihnen fehlt diese Stutenbissigkeit."

foto: apa / epa / ian langsdon
Verbeugen gehört zu seinem Geschäft: Dem jungen nordirischen Designer Jonathan Anderson ist derzeit der Applaus der Modeszene sicher.

Ein Paradebeispiel der neuen Zuvorkommenheit ist der Ire Jonathan Anderson, Jahrgang 1984, der am renommierten Londoner Saint Martins College, der Kaderschmiede für innovative Mode, studierte. Er ist stets unauffällig angezogen, Jeans, Sweater, Sneakers – nichts deutet darauf hin, dass er die neue Wunderwaffe der Modewelt ist: Mit seinem Label J.W. Anderson, das 2008 erstmals eine Kollektion für Männer vorlegte, avancierte er innerhalb weniger Jahre zum Darling der britischen Modeszene (mittlerweile macht er Herren- und Damenmode). Delphine Arnault, Tochter von Bernard Arnault und zweitmächtigste Person im französischen Luxuskonglomerat LVMH, investierte einen Millionenbetrag in Andersons Label. Dessen bubenhafter Charme bezauberte jüngst sogar die britische Starkritikerin Suzy Menkes, die ihm zu seinem 30. Geburtstag in der "Vogue" eine Lobeshymne sang.

Verwischte Grenzen

Die "Süddeutsche Zeitung" nannte ihn "Mr. Unisex". Männer wurden bei ihm in schmale Pullis gesteckt, die man eigentlich bei Frauen vermuten würde. Zu Schleifen gebundene Blusenkrägen wurden an Herrenhemden angebracht. 2013 drapierte er Rüschenapplikationen an Shorts und T-Shirt-Ausschnitte und verwischte damit radikal die Grenzen zwischen Männer- und Frauenmode, ohne den klassischen Männerrock ins Spiel zu bringen. In seinen Entwürfen spielt Anderson lässig mit Silhouetten, setzt sich über tradierte Sehgewohnheiten hinweg. Man fragt sich plötzlich: Warum definieren wir bestimmte Schnitte und Materialien als weiblich? Weshalb denken wir noch immer in diesen althergebrachten Stereotypen?

Dieser philosophische Background machte sein Label international bekannt, gab ihm eine klare Linie. Dabei geht Anderson wie viele Designer seiner Generation relativ entspannt an die Genderfrage heran. Sein Anliegen lautet nicht vordergründig, boyish oder androgyn zu entwerfen, sondern möglichst frei zu denken, jenseits der Geschlechternormen. "Mir geht es um die Idee einer Garderobe, die sowohl von Männern als auch von Frauen geteilt werden kann", betont Anderson in Interviews. "Ich denke, ein Kleidungsstück an sich hat kein Geschlecht. Es geht darum, was dieses Kleidungsstück einer Person bedeutet." Frauen lieben seine exzentrische Herrenmode und Männer tragen gern seine XL-Frauenkleidung, die den Körper kastenartig breit macht. Allen seinen Entwürfen ist gemein: Sie fordern unser Bild von Schönheit heraus. Irgendetwas irritiert an ihnen.

Schräg ist das neue Schön

Damit liegt Anderson gerade im Trend: Schräg ist das neue Schön. Auch der neue Kreativdirektor von Gucci, Alessandro Michele, bewies mit seiner aktuellen Kollektion, dass Schönheit durchaus nerdig sein darf. Seine Models waren Brillenschlangen, trugen hochgeschlossene Blusen. Mit der von Gucci gewohnten Sexyness hatte das wenig zu tun. Auch Anderson liebt mutige Kundinnen und Kunden: "Wenn man etwas wirklich Neues zum ersten Mal sieht, dann findet man es immer hässlich, weil unsere Augen nicht daran gewöhnt sind. Weil es keinen Sinn macht. Erst nach und nach versteht man es. Alles andere wäre langweilig."

Mit seinen kühnen, aber dennoch erstaunlich tragbaren Entwürfen ist Anderson der Modewelt einen Schritt voraus. Dominierten bei ihm in den vergangenen Jahren Anleihen an die 1970er-Jahre, die erst heuer bei seinen Kollegen prägend wurden, zeigte er in seiner aktuellen Frauenkollektion für den Herbst überraschenderweise breite Schulterpartien, spitze Lederstiefel und schillernde Materialien, die deutlich von den 1980er-Jahren inspiriert sind, einem Jahrzehnt, das in Sachen Aufbrechen von Frauen- und Männerrollen erstaunlich gewagt war. Anderson überrascht eben gern, lässt sich nicht festlegen.

Bodenhaftung

Anderson wird zweifelsohne eine steile Karriere im LVMH-Luxuskonzern machen, zu dem auch Marken wie Céline, Kenzo, Givenchy oder Marc Jacobs gehören. Dass er bereit ist für größere Aufgaben, hat er als kreativer Kopf bei der spanischen Luxusmarke Loewe bewiesen, die ihm 2013 überantwortet wurde. Mutig unterzog er die Marke einer Generalsanierung, änderte das Logo und ließ in der High Fashion eher verpönte Materialien wie Leinen cool aussehen. Zehn Kollektionen macht er mittlerweile pro Jahr, inklusive seines eigenen Labels, das er weiterhin betreibt. Und er wirkt noch immer nicht überfordert. "Schon als Kind war mir schnell langweilig. Ich liebe das Adrenalin, ich liebe die Herausforderung", sagt er und bleibt pragmatisch. "Ich muss Leuten einen Traum verkaufen. Und ich muss es schaffen, dass sie sich gut fühlen." Anderson wuchs auf einer kleinen Farm in Nordirland auf und wollte eigentlich Tierarzt werden. Vielleicht keine schlechte Ausgangssituation, um in der überdrehten Modewelt auf dem Boden zu bleiben. (Karin Cerny, Rondo, 24.7.2015)

  • Jonathan Anderson setzt sich mit seinen Entwürfen (vor allem bei jenen für Männer) über tradierte Sehgewohnheiten hinweg.
    foto: anderson

    Jonathan Anderson setzt sich mit seinen Entwürfen (vor allem bei jenen für Männer) über tradierte Sehgewohnheiten hinweg.

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