Prozess in Innsbruck: Vom Flüchtling zum Schlepper

21. Juli 2015, 21:13
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Eineinhalb Jahre Haft, davon sechs Monate unbedingt, für Schweden mit irakischen Wurzeln

Innsbruck – Wenn man die Sprache, in der verhandelt wird, nicht versteht, muss ein Gerichtsprozess ein seltsames Schauspiel sein. In Handschellen wird der vermeintliche Schlepper von zwei Polizisten in einen Raum des Innsbrucker Landesgerichts gebracht, einer der beiden Beamten pfeift.

Der Angeklagte setzt sich zur Einvernahme. Adnan A., 47 Jahre alt, schwedischer Staatsbürger, geboren in Bagdad, verheiratet, vier Kinder, derzeit arbeitslos, Schulden. Die Dolmetscherin übersetzt, A. blickt mit großen Augen den Richter an, nickt. Der Vorwurf: "Als Mitglied einer kriminellen Vereinigung" soll er 13 Personen ohne Aufenthaltstitel durch Tirol transportiert haben.

Schlepper war selbst auf der Flucht

Vor rund zehn Jahren kauerte der Juwelier Adnan A. selbst in einem Anhänger – auf der Flucht aus dem Irak, seiner Heimat. Etwa 60.000 Dinar habe er Schleppern bezahlt, um über Syrien und die Türkei nach Europa und schließlich nach Schweden zu gelangen. So erzählte es der Angeklagte zumindest seinem Verteidiger.

Im Prozess interessiert seine eigene Fluchtgeschichte nicht. Nachdem der Richter die Personalien aufgenommen hat, erhebt dieser sich, setzt das Barett auf, vereidigt die Schöffen. Kurz sieht es aus, als ob der Angeklagte denkt, ohne Befragung wird nun schon das Urteil gesprochen. A. sitzt starr auf seinem Sessel. Er trägt ein olivefarbenes Shirt, Jeans, Sandalen, seit zwei Monaten ist er in Untersuchungshaft in Österreich, einem Land, mit dem er eigentlich gar nichts zu tun hat.

Annonce für Schlepperfahrten

Dann darf er sich erklären. Er ist geständig. "Ich bin aber kein Verbrecher, ich bitte um Entschuldigung", übersetzt die Dolmetscherin immer und immer wieder.

Adnan A. bekam im Jahr 2007 einen positiven Asylbescheid. Im Irak habe er ein kleines Unternehmen gehabt, als Goldschmied gearbeitet, doch im Krieg alles verloren. In Schweden machte er eine weitere Ausbildung, "doch es war schwierig, dort Fuß zu fassen", sagt sein Verteidiger. A. nickt. Um sich etwas dazuzuverdienen, habe er gelegentlich Autos an- und wieder weiterverkauft. Auf der Suche nach einem neuen Deal sei A. über Facebook auf eine Art Annonce gestoßen: Fahrer wurden gesucht. Für Schlepperfahrten.

900 Euro für zwei Fahrten

Er habe eine Familie, Geldsorgen, so nahm er Kontakt auf, erklärt der Angeklagte. Er sollte Flüchtlinge von Italien nach Schweden bringen. Beim ersten Mal sei das geglückt, bei der zweiten Fahrt wurde A. in Tirol aufgegriffen. Die Entlohnung für beide Aufträge: angeblich nicht einmal 900 Euro. "Es tut mir so leid. Lassen Sie mich gehen, und Sie sehen mich hier nie wieder", fleht A., der Richter reagiert nicht.

Bei seiner polizeilichen Einvernahme soll A. gesungen haben, er kooperiere mit der Polizei, erklärt der Angeklagte. Schlussendlich wird er zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt, davon sechs Monate unbedingt. Mit zittriger Stimme schreit A. auf. "Das ist viel zu viel", übersetzt die Dolmetscherin. Dann erklärt sein Verteidiger, dass er so bei guter Führung in ein bis zwei Monaten nach Schweden zurückkehren könne. A. scheint beruhigt, nickt wieder. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (Katharina Mittelstaedt, 22.7.2015)

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