Traiskirchen in Zeiten des Ramadan

Userkommentar22. Juli 2015, 14:47
289 Postings

Das Erstaufnahmezentrum zeigt Gegensätze auf: Die "Schande für Österreich" und die "Spitze der Menschlichkeit"

Diesen Ramadan hatte ich die Möglichkeit, recht regelmäßig an den mittlerweile über die Medien bekanntgewordenen Iftar-Veranstaltungen der Traiskirchner Moschee teilzunehmen.

Der Iftar, die Mahlzeit zum Fastenbrechen, ist nicht nur in Traiskirchen, sondern überall eine Gelegenheit, zu welcher traditionell besonders die schwächeren Mitglieder einer Gesellschaft eingeladen werden. Das Geben von Almosen und das gemeinsame Fastenbrechen im Ramadan sind religiös begründete Handlungen der Nächstenliebe, die in vielen islamischen Quellen ihren Ursprung haben.

Das Traiskirchner Drama

In den kleinen Räumlichkeiten des Vereins im Bezirk Baden versammelten sich in diesen 29 Tagen freiwillige Helfer, um beinahe allen Bewohnern des Erstaufnahmezentrums eine warme Mahlzeit auszugeben – unabhängig von deren Religion und Herkunft.

Als sich die Zeit des Fastenbrechens näherte, standen bis zu 3.000 Menschen gesittet und diszipliniert in Zweierreihen an und warten teilweise mehrere Stunden, um eine warme Mahlzeit zu erhalten. Das tut niemand ohne triftigen Grund. Menschen, die aus allen Schichten ihrer Ursprungsländer stammen, darunter viele Akademiker, wurde ihre Würde genommen. Das Erstaufnahmezentrum ist ein derartiges Drama geworden – sogar internationale Medien berichten darüber. Journalisten, die sonst über humanitäre Katastrophen in Bangladesch oder Nepal schreiben, waren in Traiskirchen anzutreffen.

Eine Schande für Österreich

Was man hier – auch nach dem Ramadan – sehen und miterleben kann, geht über alles, was man sich als Europäer gemeinhin vorstellen kann, weit hinaus. Unwillkürlich fallen dem Helfer oder Beobachter die Worte des Caritas-Generalsekretärs Klaus Schwertner ein, der das Erstaufnahmezentrum unlängst als "Schande für Österreich" bezeichnet hat.

Menschen sind unterversorgt, schlafen unter freiem Himmel. Selbst Säuglinge liegen buchstäblich auf der Straße, da man ihren Eltern keinen menschenwürdigen Platz als Bleibe zugewiesen hat.

Vogel-Strauß-Politik

Lediglich auf lokaler Ebene reagierten Politiker auf dieses Drama vor der eigenen Haustür. Stadträte und der Bürgermeister von Traiskirchen besuchten den Verein und setzten sich für eine Verbesserung der Situation ein.

Aber kein Verantwortlicher auf Landesebene – und schon gar nicht auf Bundesebene – ließ sich vor Ort blicken. Trotz massivem medialen Echo scheint die Vogel-Strauß-Politik des Aussitzens das Mittel der Wahl zu sein.

Warum?

Die Frage, was damit bezweckt wird, drängt sich auf. Soll Österreich so unattraktiv dargestellt werden, dass niemand mehr Interesse hat hierher zu kommen? Ist das die Methode, auf die eigentlich sehr überschaubare, um nicht zu sagen geringe Anzahl von Flüchtlingen zu reagieren, welche hierher kommen?

Dabei zeigen andere Länder in diesen Tagen, dass es auch ganz anders geht. Allein die Türkei hat etwa zehnmal mehr Flüchtlinge aufgenommen als die ganze EU. Laut UNHCR war die Türkei Ende 2014 mit fast 1,6 Millionen Flüchtlingen das Land mit der größten Flüchtlingsbevölkerung. Die Großzügigkeit der Türkei und des türkischen Volkes beschäme Europa, sagte vor einigen Wochen die Vorsitzende der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, Anne Justin Brasseure.

Ist es nicht viel klüger und humaner, sich die Menschen zu Freunden zu machen, als – wie im Fall vieler europäischer Länder – die Menschen so schlecht zu behandeln, dass sie keinerlei Grund zur Dankbarkeit oder Loyalität haben werden?

Absurde, menschenverachtende Neiddebatte

Es ist unverständlich und bedrückend zu sehen, dass in einem der reichsten Länder der Welt erfolgreich Neiddebatten losgetreten werden können. Vor allem, wenn absurderweise diejenigen, die beneidet werden, Menschen sind, die alles verloren haben und die jetzt, um ihre Grundversorgung zu erhalten, stundenlang in Warteschlangen stehend verbringen.

Lügen über angebliche Zuwendungen an Flüchtlinge, welche über soziale Netzwerke und anderweitig verbreitet werden, finden erschreckenderweise Gehör. Politiker, die auf Kosten der schwächsten Menschen billigen Populismus betreiben, erfreuen sich einer wachsenden Beliebtheit.

Nachdem ich selbst viele der Menschen, die alles verloren haben und häufig nur mit dem, was sie am Leib hatten, nach Österreich kamen, kennengelernt habe, wurde mir erst bewusst, wie abstoßend und menschenverachtend es ist, sie als "Höhlen- und Erdmenschen" zu bezeichnen, und damit zu werben, dass man "Wirtschaftsflüchtlinge", also Menschen, die vor Hunger und sozialer Verelendung fliehen, sofort abschieben würde.

"Die Spitze der Menschlichkeit"

Aber Traiskirchen hatte in diesen Tagen auch eine andere Seite zu bieten, und die war, wie einer der Bewohner des Erstaufnahmezentrums sagte, "die Spitze der Menschlichkeit". Nicht nur sehr viele ehrenamtliche Helfer des islamischen Kulturvereins waren hier täglich viele Stunden tätig. Nachdem sich die Nachrichten über die Situation vor Ort herumgesprochen hatten, wurden es täglich mehr!

Bürger verschiedenster Religionen trafen sich, um gemeinsam einer Herausforderung zu begegnen. Nachbarn kamen und brachten Dinge mit, die sie geerntet hatten, Jugendliche opferten ihre Ferien, um zu helfen, und regelmäßig wurden neue Geld- und Sachspenden abgegeben. Ehepaare kamen und erklärten sich, sichtlich bewegt von dem, was sie gesehen hatten, bereit, Flüchtlinge aufzunehmen, damit "wenigstens die Kinder da rauskommen".

Die Traiskirchnerinnen und Traiskirchner haben gezeigt, dass Hetze und das Verbreiten von Angst der falsche Weg sind. Sie haben sich solidarisiert und standen zusammen, um – über konfessionelle und ethnische Grenzen hinweg – unser Zusammenleben ein klein wenig besser zu machen. (Nadim Mazarweh, 22.7.2015)

Nadim Mazarweh ist Politikwissenschafter und Orientalist mit den Schwerpunkten Nahost-Forschung und Deradikalisierungsarbeit. Er arbeitet als Dozent an der IRPA (privater Studiengang für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen in Wien) und war bis 2014 in der Islamischen Religionsgemeinde Linz als Erster Imam tätig.

Zum Thema

Photoblog: Ramadan in Traiskirchen

Kommentar: Europas Schuld durch Unterlassung

Kommentar: Humanität, ein österreichisches Gedankenexperiment

UNHCR: "Es werden noch sehr viele Menschen kommen"

Kommentar der anderen: Die Kirche tut etwas für die Flüchtlingsbetreuung

Userkommentar: Flüchtlinge werden bewusst im Stich gelassen

  • Traiskirchen, Anfang Juli: Flüchtlinge pilgern zum Fastenbrechen.
    foto: standard/robert newald

    Traiskirchen, Anfang Juli: Flüchtlinge pilgern zum Fastenbrechen.

  • Mehr Fotos in Robert Newalds Photoblog.
    foto: standard/robert newald
Share if you care.