Sportgewand für Flüchtlinge: "Schau mal in deinen Kasten ..."

Blog23. Juli 2015, 05:30
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Ich unterstelle: Auch in Ihrem Kasten liegt Lauf- und Sportgewand, das Sie nie anziehen. Anderswo wird es aber gebraucht. Dringend – und nicht zum Trainieren

foto: thomas rottenberg

Und auch wenn ich vor ein paar Wochen "radikal" ausgemistet habe: Da ist immer noch eine Menge, die praktisch nie verwendet wird.

Schämen, meinte Christoph, sei "ein zu hartes Wort". Aber ein bisserl zwicken, meinte mein Lauf- und Sonst-auch-allerlei-Buddy, dürfe es schon. Oder zumindest auffallen sollte einem (= uns) etwas – schließlich haben wir doch den Anspruch, nicht gänzlich blind und taub durch die Welt zu hoppeln. "Schau mal in deinen Kasten. In das Fach mit den Laufshirts. Wie viele liegen da drin – und wie viele ziehst du tatsächlich an? Und jetzt schau dir die Bilder der Menschen an, die in Traiskirchen nix und dazu kein Dach über dem Kopf haben. Klingelt da was?"

Christoph hat recht. Natürlich. Dafür brauche ich nicht den Kasten aufzumachen. Oder Nachrichten zu sehen. Und dass es beschämend ist, wenn unmittelbar nebenan Menschen genau nix haben, während bei mir Originaletiketten am Leiberl Staub ansetzen … und so weiter. Weiß ich eh. Braucht mir keiner zu sagen. Weil: Dann fühle ich mich erwischt. Also irgendwie schuldig. Nicht, weil es mir gutgeht. Und ich mir in Sicherheit und Wohlstand den Kopf lediglich darüber zerbrechen muss, wo ich laufen will, um Spaß zu haben – und nicht, wohin ich rennen muss, um (hoffentlich) zu überleben. Sondern weil ich das zu oft und zu gerne ausblende: meine Komfortzone. Mein Wohnzimmer. Mein Leben. Mein Laufen. Meine Laufsachen. Mein Kasten. Punkt.

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foto: e. riedl

Menschen, die nichts mehr haben

Christoph kam halt mit der Brechstange: "Schau mal in deinen Kasten …" Er kam nicht zufällig: Seine Eltern hatten am Tag zuvor ihren Wagen mit lauter Zeug gefüllt, das bei ihnen nur herum lag – und anderswo dringend gebraucht wird. Keine Lauf- oder Sportsachen, aber 1001 andere Dinge. An den Fotos, die Christophs Vater in Traiskirchen machte, komme ich nicht vorbei. Gerade weil das keine "Profi"-Bilder sind, sondern Fotos, wie sie jeder machen würde. Wenn er nicht lieber wegschaut: Auf den Fotos sind keine Quoten, Nummern oder Zahlen drauf – sondern Menschen. Menschen die nichts mehr haben: "Schau mal in deinen Kasten …"

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foto: thomas rottenberg

Mächtig zuviel im Kasten

Christoph hat das mit den Lauf- und Sportshirts nicht einfach ins Blaue gesagt – sondern vorher gefragt. Bei der Caritas. Und dort sagte man ihm, dass genau das, wovon wir – und ich unterstelle aufgrund meiner Privatempirie einmal: fast jeder Läufer, jede Läuferin und sonstige SportlerInnen – mächtig zuviel haben, derzeit besonders dringend gesucht wird: Shirts & Jacken. Funktional oder nicht? Egal. Gebraucht – aber nicht versypht, vergammelt und verstunken. Und: Schuhe – getragen, aber nicht zerstört.

Und außerdem Sporttaschen und Rucksäcke: Im Traiskirchener Erstaufnahmezentrum schleppen die meisten Flüchtlinge das Wenige, was sie besitzen in Nylonsackerln herum. Sporttaschen und Rucksäcke wären – laut Caritas – nicht bloß praktischer, haltbarer und "würdevoller" als Plastiksackerln – sondern auch anderweitig nutzbar. Als Kopfpolster etwa.

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foto: thomas rottenberg

"Schau mal in deinen Kasten…" Volltreffer. Obwohl ich vor ein paar Wochen ohnehin "radikal" ausgemistet hatte. Nur – und ab hier nehmen Christoph und ich auch Sie in die Pflicht – Wie viele Laufshirts braucht der Mensch? Oder anders gefragt: Wie viele Ihrer Shirts & Jacken tragen Sie eigentlich? Ist das sechste Nightrun-Leiberl wirklich unersetzlich? Oder das Teilnehmershirt vom Hintertupfinger Volkslauf, das Sie – weil aus dem falschen Materialmix – ohnehin nie anziehen? Es muss ja nicht das Finisher-Shirt ihres ersten Marathons oder besten Wettkampfes sein – aber: Wäre Laufen ohne das Leiberl vom Wachau-Marathon 2013 und das vom Silvesterlauf 2014 (für das Sie sich ohnehin immer wieder rechtfertigen müssen) unmöglich? Wie sehr würde Ihnen die spontan auf der Marathon-Messe in Berlin gekaufte Oldschool-Jacke, die zwar ganz ok aussieht, beim Laufen aber schlicht und einfach falsch atmet und deshalb noch nie raus kam, fehlen ?

Oder ganz andersrum: Wenn Sie all diese Trophäen beim Laufen verwenden – wieviele "neutrale" Lauf- und Sportteile liegen dann un- oder nur sporadisch genutzt bei ihnen herum? Eben.

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foto: thomas rottenberg

Schuhwerk

Und jetzt schauen wir noch in die Laufschuhkiste: Dass man den Schuh, mit dem man zwei Saisonen lang feine Halbmarathons lief, nicht sofort wegschmeißen will, wenn das Auge (und das Gefühl am Fuß) sagt, dass seine Zeit gekommen ist: verständlich. Aber: Tragen Sie die alten Böcke wirklich beim Spazierengehen oder im Garten – oder liegen sie einfach nur herum? Oder die Schuhe, mit denen Sie Knie- oder Hüftschmerzen bekamen. Oder die, deren Farbe doch nicht zu ihrem Laufstil passt.

Und wenn wir dabei sind: Wie viele Sporttaschen haben Sie – und wie viele davon verwenden Sie? Also: Tatsächlich. Nicht bloß als Behälter für all die anderen Sporttaschen und Stadtrucksäcke, die sich über die Jahre halt irgendwie angesammelt haben. Nachdem Sie jetzt in Ihren Kasten geschaut haben, schauen Sie sich bitte die Bilder vom komplett überfüllten Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen an. Die, mit den Menschen drauf.

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foto: e. riedl

Deshalb will ich Christophs "Schau mal in deinen Kasten …" hier einfach verlängern. Ihnen ungefiltert an den Kopf knallen. Auch – und gerade – auf die Gefahr hin, dass ich Ihnen die Gemütlichkeit in Ihrer First-World-Sport-Komfortzone vergälle: Das ist volle Absicht. Weil Christoph und ich jetzt etwas von Ihnen wollen: Das, was bei Ihnen herumliegt nämlich – und in Traiskirchen fehlt. Das sagen nicht wir, sondern die Profis von der Caritas.

Denen wollen und werden wir Ihre nicht mehr gebrauchten, aber noch gut brauchbaren Teile bringen. Alles, was Sie tun müssen: Es uns geben. Am Sonntag (26. Juli) stehen wir zwischen 16 und 18 Uhr bei der "Sportleroase" an der Prater-Hauptallee – also an der mit Auto, Öffis und Rad gut erreichbaren Ecke Meiereistraße/Hauptallee.

Ach ja: Falls Sie zu weit weg wohnen oder am Sonntag keine Zeit haben, ist das kein Grund, gar nix zu tun. Denn wir haben das Helfen weder erfunden noch das Monopol darauf, bei Hilfsorganisationen zu fragen, was man wo wie tun kann. Obwohl: Wieso "man"? Wir. Also auch Sie: Schauen Sie einfach in Ihren Kasten. (Thomas Rottenberg, 23.7.2015)

(Sport-)Sammlung für Flüchtlinge in Traiskirchen

Sonntag, 26. Juli, 16–18 Uhr, Stadionbad-Parkplatz, Ecke Meiereistraße/Prater-Hauptallee

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