Männerdiskriminierung und das Ende der Ritterlichkeit

Kolumne22. Juli 2015, 07:00
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In Indien wurde vor kurzem eine Kampagne gegen die angebliche Diskriminierung von Männern gestartet. Über die Inhalte hätte man reden können. Aber so nicht

Als die feministische Autorin Jessica Valenti in den sozialen Netzwerken auf die Kampagne eines indischen Onlinemagazins hinwies, die dazu auffordert, Männer nicht länger zu diskriminieren, hielt ich die Bildmotive wie viele andere zunächst für einen schlechten Scherz – unter anderem wegen der Umsetzung. Bekannten männlichen Schauspielern wie Jude Law (der sich 2013 gegen die unfaire Behandlung von Schauspielerinnen in Hollywood ausgesprochen hat) und Elijah Wood (der sich selbst als Feminist identifiziert) wurden Aussagen in den Mund geschoben, die sie selbst so nie getätigt haben und höchstwahrscheinlich auch nie tätigen würden.

So bekommt Elijah Wood weder Freigetränke, noch freien Eintritt oder Mitgefühl. Deswegen sei es auch Blödsinn zu behaupten, wir lebten in einer von Männern dominierten Welt. Optisch lehnt sich dieser Unfug an die UN-Kampagne gegen Sexismus im Internet von 2013 an. Damals wurde gezeigt, mit welchen verächtlichen Inhalten die Autocomplete-Funktion von Google (also die Funktion, die ergänzt, wonach die meisten Menschen tatsächlich gesucht haben) Satzanfänge wie "Frauen sollten" oder "Frauen müssen" beendet. Zur Erinnerung:

"Frauen sollten Sklavinnen sein."

"Frauen müssen diszipliniert werden."

Die visuelle Marschrichtung ist also klar. Auch Männer leiden, verdammt noch mal. Sogar Hollywoodprominenz. Wobei man die entsprechenden Motive dann doch wieder relativ zügig entfernt hat, nachdem immer wieder Stimmen in den sozialen Netzwerken laut wurden, die sich gefragt haben, wie hoch wohl die Kosten in Bezug auf etwaige Urheberrechtsprozesse und Verleumdungsklagen ausfallen werden.

Eine Ungerechtigkeit jagt da die nächste

Daher jetzt nur noch mit indischer Prominenz und einem Slogan, der schon Ende der 90er der Fitnessstudiokette McFit zum Erfolg verholfen hat. Analog zur Behauptung, McFit sei jetzt AUCH in Würzburg vertreten (zu diesem Zeitpunkt gab es nur diese eine Filiale), erreicht die #dontmancriminate Kampagne jetzt endlich AUCH Indien, obwohl sie dort ja entwickelt und gestartet wurde.

Und was für eine Kampagne zusammengeschustert worden ist. Eine Ungerechtigkeit jagt da die nächste: Für kleine Männer gibt es keine High Heels. Stattdessen müssen sie und ihre Geschlechtsgenossen Frauen die Türen aufhalten und dürfen mit ihnen nur Sex zu deren Bedingungen haben. Auch Frauen lässt man zu Wort kommen – oder erweckt zumindest den Anschein, als sei das der Fall.

Zuvorkommendes Verhalten für alle

"Wir können die Tatsache nicht verleugnen, dass Frauen mehr verwöhnt und geliebt werden, und zudem mehr Aufmerksamkeit bekommen", heißt es da. Kein Wort davon, dass weibliche Föten in Indien statistisch häufiger abgetrieben werden oder Mädchen weniger zu essen bekommen als Jungen.

Kein Wort auch darüber, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, als Frau oder Mädchen Opfer massiver sexualisierter Gewalt zu werden. Stattdessen Krokodilstränen darüber, dass zu einvernehmlichem Sex eben auch ihr Einvernehmen gehören muss und nicht nur seines. Ja genau! Bei dieser Form von Unterdrückungsolympiade sehen wir Männer ziemlich alt aus – schon allein deshalb, weil Frauen dabei in Gewichtsklassen antreten (müssen), in denen der durchschnittliche Heteromann gar nicht vorkommt.

Und gerade wenn einem die eigenen Äpfel zu faulig geworden sind, sollte man dringend darauf verzichten, sie mit Birnen zu vergleichen. Darüber, dass der faulige Apfel des benevolenten Sexismus Männern vielleicht nicht schmeckt, hätte es sich durchaus gelohnt zu diskutieren. Ob die Schauspielerin Emilia Fox recht hat, wenn sie fordert, dass das Streben nach Gleichberechtigung doch bitte nicht die männliche Ritterlichkeit mit Türaufhalten und Zuvorkommenheit abschaffen solle. Oder ob Ritterlichkeit nicht abgeschafft werden sollte, weil sie lediglich Stereotypisierung und Unfreiheit befördert und nettes, zuvorkommendes Verhalten sich auf Menschen richten sollte, nicht auf ein Geschlecht. Darüber könnte man doch reden. Bei Gelegenheit gerne auch an dieser Stelle. Aber so ganz sicher nicht. (Nils Pickert, 22.7.2015)

  • Männer begehren gegen Zuschreibungen auf, was sie als Männer tun und lassen sollen. Gute Idee, die in der Umsetzung aber gründlich schiefgehen kann.
    foto: reuters/kacper pempel

    Männer begehren gegen Zuschreibungen auf, was sie als Männer tun und lassen sollen. Gute Idee, die in der Umsetzung aber gründlich schiefgehen kann.

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