Auf Sand und Stein

Glosse21. Juli 2015, 10:00
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Es ist so weit. Im Herbst soll mein zweites Buch erscheinen. Es handelt von den Gangstern von Beograd und ist ein Essay über die lange serbische Nacht, deren Morgen erst noch grauen wird. Hier ist ein Auszug in zwei Teilen exklusiv als Vorabdruck. Ein Appetithappen, wenn man ausreichend zynisch ist ...

Die Stadt der Sieger

Novi Beograd ist die Stadt meiner frühen Kindheit. Im Gegensatz zum "alten" Beograd auf dem Ostufer der Sava, das sogar im Sommer düster wirkt, ist das Beton-Beograd der sogenannten Plattenbauten aus meinen Kindertagen eine sonnige und helle Landschaft, in der es damals mehr Grün gibt als am anderen Ende der Sava-Brücken. Ein Exkurs über Beograd ist aber nicht wegen meiner Kindheit interessant, sondern weil die Topografie der Ganglands der Topografie der Stadtbezirke von Beograd folgt und weil die Stadtbezirke den bekanntesten Gangs ihre Namen geben.

Es gibt den Zemunski-Klan in Zemun (Semlin), den Klan von Novi Beograd, den Voždovački-Klan aus Voždovac und einer der mächtigsten, der Surčinski-Klan, operiert im Bezirk Surčin, wo die Kontrolle über den internationalen Flughafen die Haupteinnahmequelle der Gang ist. Um es kurz zu machen: Buchstäblich jeder Stadtbezirk von Beograd beherbergt mindestens eine Bande, die öffentlich nach ihm benannt ist.

Meine Kindheit ist längst vergangen und das sonnig-grüne Novi Beograd, in dem man den Wechsel der Jahreszeiten auch am Geruch der verschiedenen Blüten merken kann, ist ebenfalls vergangen. Als Folge der "Investitionen" neugebackener "Geschäftsmänner" sind viele grüne Flächen von Novi Beograd heute mit "Geschäftslokalen" zugepflastert. Und genau vor dem Plattenbau für Offiziere der Volksarmee, in dem ich einst das erste Neugeborene bin, ist heute ein Tempel der serbisch-orthodoxen Kirche. Im "byzantinischen Stil". Aus vorgefertigten (byzantinischen?) Betonelementen.

Biznismen

Selbstverständlich ist "Geschäftsmänner" nur ein Euphemismus für die Verbrecher, deren Einkünfte zu diversen Boutiquen mutieren. Oder zu Wechselstuben, Trafiken, Gasthäusern, Restaurants und Myriaden von Kiosken für Ćevapčići, Pljeskavice, Crêpes, Baklava, Giros, Kebap und unzählige andere Schnellspeisen – und überhaupt alles, was an einem Kiosk verkauft werden kann.

Der Zemunski Klan, die mächtigste Gang dieser Zeit, lässt sogar ein mehrere Hektar umfassendes Gelände in der Šilerova ulica (Schillerstraße) in Zemun einebnen und darauf einen mehrstöckigen Betonkomplex errichten, dessen einziger Zweck es ist, als Wohnstatt, Zentrale und Festung für den Klan zu dienen. Und als Einkaufszentrum. Fast alle erfolgreichen Gangster investieren in den Neubau von Wohnhäusern. So verschwinden besonders in Novi Beograd noch mehr Weiden, Kastanien und Pappeln, fast jede verbliebene Hecke und Rasenfläche, sogar Kinderspielplätze, weil die Gangster mit schmutzigem Geld Flächen umwidmen lassen, Baugenehmigungen kaufen und Wohnhäuser bauen, deren Verkauf sauberes Geld bringt.

50 oder 110 Schlachten um Beograd?

Serbische Nationalisten behaupten gerne, Beograd sei die Stadt, um die die meisten Schlachten in der Geschichte der Menschheit geschlagen werden. 110 soll ihre Zahl sein. Und unter den Siegern dieser Schlachten sind jene die Schurken, die den Serben erfolgreich Beograd wegnehmen. Die Helden sind hingegen jene, die die Stadt erfolgreich vor Eroberungen retten. Die zwei größten davon sind der ungarische Graf Johann Hunyadi, der in der Hagiografie der Nationalisten als Serbe gilt, und der italienische Mönch Giovanni Capistrano, dessen Hauptbeschäftigung das "Judenbrennen" ist und der mit diesem heiligen Hobby in Deutschland, Böhmen und Ungarn ganze Dörfer "judenrein" macht. Jahrhunderte bevor Dr. Josef Goebbels dieses Wort erfindet.

Britische Historiker hingegen zählen nur etwas mehr als 50 Schlachten und Scharmützel, die mittelbar oder unmittelbar mit Beograd zusammenhängen. Und wissen, das sowohl die Milizionäre Christi, die Capistrano mit Predigten rekrutiert, als auch die abenteuerliche Truppe des Grafen Hunyadi, die mehr auf Beute aus ist, hauptsächlich aus religiösen Hanswursten, Halsabschneidern, verschuldeten Landadeligen, Hühnerdieben und Abenteurern besteht. Die anschließend das hastig aufgegebene türkische Heerlager plündern. In ihrer Freude über die reiche Beute veranstalten die Sieger ein rauschendes Blutfest unter den Gefangenen, Verwundeten und Zurückgelassenen.

Und so beute-happy wie diese Plünderer aus der Türkenzeit fühlen sich wohl auch die Gangster von Beograd über eineinhalb Jahrzehnte lang, während sie den halben, im Krieg versunkenen Balkan plündern und mordbrennen, und so fühlen sie sich wohl, als sie davor, währenddessen und anschließend, nach Dayton und dem Kosovokrieg, ihre eigenen Landsleute und ihre eigene Stadt ausplündern und jeden ermorden, der sie dabei stört.

Auf Sand und Stein

Betrachtet man Beograd vom Himmel herab, sieht man den Zusammenfluss der Sava und der Donau. Diese Einschnitte in der Landschaft formen drei Gebiete, die der Kern von Beograd sind. Sogar in einer historischen Metapher, weil die heutigen Stadtteile, die diesen Kern ausmachen, architektonisch drei historischen Epochen entsprechen.

Auf dem Felsen im Osten ist die Festung Kalemegdan. Ihre Ober- und Unterstadt sind das uralte Herz der Stadt. Dahinter, immer weiter nach Osten, liegen weitere, immer jüngere Stadteile, über die hier noch die Rede sein wird, weil die Gangster der 90er-Jahre ihre Gangs nach ihnen nennen.

Im Westen, entlang von Sava und Donau, sind Novi Beograd und Zemun. Das Zentrum von Zemun, der k. u. k. Grenzstadt Semlin, sieht aus wie eine beliebige Grenzstadt der Habsburger mit Gebäuden aus der Zeit Franz Josephs des Zweiten. Hier lagert einst, wie jeder österreichische Volksschüler zu singen weiß, Prinz Eugen, der edle Ritter, der nach einem gewagten Brückenschlag zur Festung die Türken aus Beograd verjagt. Und hier entsteht aus dem Zusammenschluss zweier benachbarter Klans aus zwei benachbarten Gemeinden, Zemun und Surčin, die mächtigste, brutalste und zählebigste Gang, der Zemunski-Klan. In Beograd nennt man sie während ihrer fast zwei Jahrzehnte dauernden Existenz nur kurz und bündig "Zemunci". (Bogumil Balkansky, 21.7.2015)

Ende Teil 1

Im zweiten Teil:

Das Attentat auf den Regierungschef Dr. Zoran Đinđić

Die Ausrufung des Ausnahmezustandes in Serbien

Operation "Sablja" und die (erste) Zerschlagung des Klans von Zemun

  • Belagerung von Belgrad, Kupferstich, 16. August 1717, Wien. Zu sehen ist das Kunstwerk in der Österreichischen Nationalbibliothek.
    foto: nationalbibliothek

    Belagerung von Belgrad, Kupferstich, 16. August 1717, Wien. Zu sehen ist das Kunstwerk in der Österreichischen Nationalbibliothek.

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